Weißer Gorilla Abschied von "Schneeflöckchen"
Barcelona - Mehr als zwei Stunden warten die Zoobesucher in Barcelona, bis sie einen Blick auf "Schneeflöckchen" werfen können. Meistens ist die Warteschlange vor dem Affengehege über 500 Meter lang. Der Albino-Gorilla hat nur noch wenige Monate zu leben. "Wir werden sein Leben nicht künstlich verlängern", stellt Zoodirektor Jordi Portabella klar. "Eine Operation würde ihm unnötige Qualen zufügen." "Schneeflöckchen" hat Hautkrebs. Bisher war diese Krankheit noch nie bei einem Gorilla festgestellt worden.
Der 180 Kilogramm schwere "Copito de Nieve" dürfte das am häufigsten fotografierte Tier der Welt sein. Er zierte bereits die Titelseiten der Weltpresse und gilt als ein Wahrzeichen der katalanischen Metropole. Der spanische Zoologe Jordi Sabater Pi hatte ihn 1966 im Alter von etwa zwei Jahren aus Zentralafrika nach Barcelona gebracht. Der Wissenschaftler hatte das weiße Gorilla-Kind einem Bauern in Äquatorialguinea abgekauft. Der Mann hatte die Mutter von "Copito" erschossen, weil sie die Bananen von seinen Feldern gefressen hatte. Damit rettete er dem kleinen Gorilla unfreiwillig das Leben. Denn die leuchtend weiße Farbe des Fells hätte "Schneeflöckchen" im Urwald zu einer leichten Beute für Raubtiere gemacht.
Nachdem die sensationelle Entdeckung sich herumgesprochen hatte, reisten Zoologen aus aller Welt nach Barcelona, um den Albino mit der rosa Haut und den hellblauen (nicht roten) Augen zu bestaunen. Der Zoodirektor von Chicago wollte den Gorilla "für jeden Preis" kaufen. Andere Experten reagierten mit Unglauben. Einige behaupteten gar, das Fell sei künstlich gefärbt worden.
Die ersten Monate in Barcelona verbrachte das verspielte Gorilla-Kind in der Wohnung des Zoo-Veterinärs. Dessen Frau kochte dem Affen Brei, wechselte ihm die Windeln und schaukelte ihn in den Schlaf. 1973 wurde Copito erstmals Vater. Er zeugte insgesamt 22 Nachkommen und hat 7 Enkel. Die Rekord-Nachkommenschaft dürfte nicht so sehr mit dem sexuellen Verlangen des Albinos zu tun haben. Sie erklärt sich wohl daher, dass der Zoo darauf aus war, weitere weiße Gorillas zu bekommen. Aber die Rechnung ging nicht auf. Alle Jungen haben ein pechschwarzes Fell.
Nach seinem Tod soll der 39 Jahre alte Gorilla weder geklont noch ausgestopft werden. Barcelonas Bürgermeister Joan Clos plädierte dafür, eine Straße nach "Schneeflöckchen" zu benennen.