SÜDOSTASIEN Weite Welten
Die Journalistin Charlotte Wiedemann lebte vier Jahre in Südostasien. Sie wohnte in den morschen Kolonialbauten auf der Insel Penang, Malaysia. Sie besuchte die schluchzenden Dorfvorsteher in Ergayam, Papua-Neuguinea. Sie traf in Kambodscha Mütter, die ihre Kinder verkaufen. Sie reiste durch Vietnam, Indonesien, Myanmar, Thailand. Sie hatte viel Zeit. Wiedemann, 49, arbeitet nicht für Zeitungen, deren Ressortleiter schon den Brandgeruch in der Nase haben und Beweise dafür drucken wollen, dass etwa Indonesien ein islamistischer Terrorstaat ist. Wiedemann ist interessiert an Eindrücken jenseits vorgefertigter Meinungen, die wir über fremde Länder im Zeitalter globaler Medien haben. Ihre politischen Reportagen - erschienen unter anderem in der »Weltwoche« und »Geo« und jetzt in erweitertem Umfang erstmals in einem Buch - spielen jenseits von Orten, die die Krisenberichterstattung dem Leser ins Bewusstsein bombt. Sie sind sensible Annäherungen, die auch mal innehalten und fragen, warum wir voreilige Bilder der Fremde mit uns herumtragen, in denen Schuld und Unschuld immer klar sortiert sind. Wiedemann lehrt, dass wir Blinde sind, »sobald wir die Zone vertrauter Zeichen verlassen«. Sie lehrt, dass wir uns nicht einbilden sollen, wir könnten die Welt in Zeiten geschrumpfter Distanzen mal eben mit einem Mausklick am Bildschirm verstehen.
Charlotte Wiedemann: »Die Hütte der kleinen Sätze«. EditionFreitag, Berlin; 200 Seiten; 14,80 Euro.