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ADOPTION Wer bietet mehr?

Mit Hilfe des Internet erwarb ein britisches Ehepaar in den USA Adoptivzwillinge. Die waren jedoch schon einmal verkauft worden. Die Briten sind schockiert über das transatlantische Babydrama.
• aus DER SPIEGEL 5/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Alan und Judith Kilshaw am Dienstag vergangener Woche vor dem High Court in Birmingham auftauchten, waren sie einmal mehr von einem Pulk britischer und amerikanischer Journalisten eingekreist. »Ich gebe nicht auf«, rief die Frau trotzig: »Ich werde um unsere Mädchen kämpfen.«

Doch kurz darauf musste das Ehepaar aus Wales eine Niederlage einstecken. Der Richter befand, dass der Fall der beiden über das Internet erworbenen sieben Monate alten Adoptivzwillinge »zu komplex ist, um unmittelbar gelöst zu werden«. Der High Court beließ Belinda und Kimberley bei den vom Jugendamt bestellten Pflegeeltern.

Mit dieser Entscheidung erreichte ein weltweites Gezerre um die Mädchen seinen vorläufigen Höhepunkt. Insgesamt vier Parteien reklamieren die »Internet-Babys« für sich: Die Kilshaws werden gegen das Urteil des High Court Berufung einlegen. Ein amerikanisches Ehepaar aus Kalifornien, das die Mädchen im vorigen Jahr schon beinahe adoptiert hatte, schaltete das FBI ein und will sie ebenfalls zurückhaben.

Auch die leibliche Mutter aus St. Louis im US-Bundesstaat Missouri meldete wieder Ansprüche an. »Ich liebe meine Mädchen«, verkündete sie. »Sie müssen zu mir nach Hause kommen.« Ein Richter in St. Louis sprach dagegen dem leiblichen Vater ein vorläufiges Sorgerecht zu und verbot der Mutter, sich den Mädchen dichter als 30 Meter zu nähern.

Seit Mitte des Monats erregt das Schicksal der US-Zwillinge die Briten. Die streitenden Eltern verkaufen ihre Geschichte an die Medien; schon hat eine Produktionsgesellschaft aus Los Angeles mit den Kilshaws Verhandlungen aufgenommen, um aus dem Kampf um die Babys eine Hollywood-Schnulze zu destillieren.

Die Hauptdarsteller sind Alan Kilshaw, 45, und Judith Kilshaw, 47, aus dem Dörfchen Buckley in Nord-Wales, die seit 1992 verheiratet sind. Judith brachte bereits zwei Töchter aus erster Ehe mit. Dann gebar sie ihrem Gatten - einem auf Mietrecht spezialisierten Anwalt - zwei Söhne, inzwischen sieben und vier Jahre alt. Doch das reichte dem Paar noch lange nicht.

Da Judith Kilshaw sich »verzweifelt eine Tochter wünschte«, versuchte sie es mit In-vitro-Behandlungen, aber die künstliche Befruchtung klappte nicht. Das vom Kinderwunsch besessene Paar sah nur noch die Möglichkeit einer Adoption, doch dafür lebten sie im falschen Land.

Da die britischen Behörden äußerst rigide Maßstäbe für eine Adoption anlegen und die Kilshaws schon auf Grund ihres Alters eine Ablehnung befürchten mussten, verfielen sie darauf, ein ausländisches Kind zu adoptieren. Dabei half das Internet.

Rund 400 000 Kinder warten in den USA auf eine Adoption. Auch die Vermittlung an ausländische Eltern ist bei den liberalen Adoptionsgesetzen der meisten amerikanischen Bundesstaaten keine Seltenheit.

Auf Adoption spezialisierte Anwälte und Agenten - wie Börsenmakler Broker genannt - kassieren bei jährlich 60 000 Vermittlungen zwischen 10 000 und manchmal sogar 100 000 Dollar Gebühren. Weil auch die leiblichen Eltern für die Aufgabe ihrer Kinder häufig Honorare erhalten, hat sich ein grauer, nicht selten krimineller Babymarkt entwickelt, der häufig im Internet annonciert wird. Neben seriösen Vermittlern bieten Hunderte zwielichtiger Agenturen unter klangvollen Namen wie »Aurora«, »Adopt an Angel« oder »Rainbow Kids« ihre Dienste an. Auf ihren Webseiten preisen die Baby-Vermittler die menschliche Ware in höchsten Tönen an und stellen rührende Bilder ihrer Schützlinge ins Internet. Für behinderte Kinder gibt es - Triumph der Marktwirtschaft - Preisnachlass.

Die Kilshaws ließen sich bei mehreren Agenturen registrieren, nicht viel später rief sie die Vermittlerin Tina Johnson, 32, aus Kalifornien an. »Ich habe ein Baby für Sie gefunden«, erklärte sie den Briten, angeblich ein weißes Mädchen. Die Kilshaws überwiesen prompt 12 500 US-Dollar, um sich das Baby zu sichern. Doch zunächst passierte gar nichts.

Was die Kilshaws nicht wissen konnten: Johnson hatte mit einer Kollegin zusammengearbeitet, die mittels einer Website adoptionswillige Paare mit Müttern zusammenbrachte, die ihre Babys loswerden wollten.

Hoffnungsvolle Eltern in spe bezahlten für diese Dienstleistung zwischen 1000 und 15 000 Dollar, doch immer wieder platzte die Adoption, ohne dass Honorare zurückgezahlt wurden. Die Partnerin von Tina Johnson wurde im Juni vergangenen Jahres wegen Betrugs an 20 Paaren, denen sie insgesamt 215 000 US-Dollar abgeknöpft hatte, zu 46 Monaten Gefängnis verurteilt.

Johnson gründete eine eigene Firma, die Adoptionsagentur »Caring Heart«, und arbeitete seither allein. Ganz schlecht können ihre Geschäfte nicht gelaufen sein: Noch im selben Jahr kaufte sie sich ein stattliches Haus in San Diego.

Auch Tranda Wecker, eine schwarze Hotelangestellte aus St. Louis, hatte sich an Tina Johnson gewandt. Wecker, 28, war bereits zweimal geschieden, hatte schon drei Kinder und bekam im Juni Zwillinge. Sie beschloss, die beiden fortzugeben.

Johnson trieb schnell ein interessiertes Ehepaar im kalifornischen San Bernadino auf. Richard Allen, 49, und seine Frau Vickie, 40, hatten bereits einen adoptierten Jungen. Um die Familie zu vervollständigen, bezahlten sie 6000 Dollar an Johnson, beantragten Anfang Oktober die Adoption und nahmen die Zwillinge bei sich auf. Ende November meldete sich die Mutter mit dem Wunsch, noch ein Wochenende mit ihren Mädchen zu verbringen.

Statt die Kinder jedoch wieder abzuliefern, rief sie wenig später bei den Adoptiveltern an und erklärte ihnen, sie habe es sich nunmehr anders überlegt. Nach kalifornischem Recht hat die leibliche Mutter eine Bedenkzeit von drei Monaten, in der sie ihre Entscheidung widerrufen kann.

Doch in Wahrheit waren Wecker und Johnson inzwischen mit den aus England eingeflogenen Kilshaws handelseinig geworden, die mehr als doppelt so viel bezahlten wie die Allens. Gemeinsam fuhren Mutter und Adoptiveltern von San Diego 3000 Kilometer nach Little Rock in Arkansas - eine siebentägige Reise, auf der sie zeitweilig im Auto übernachteten. Agentin Johnson blieb in Kalifornien zurück und tauchte später unter.

Arkansas zeichnet sich durch besonders liberale Adoptionsgesetze aus. Dort beträgt die Bedenkzeit für die Mutter nur zehn Tage. Zwei Tage vor Weihnachten war die Adoption perfekt. Die Kilshaws erhielten die notwendigen Papiere. Zwei Tage vor Silvester landete die ganze Familie in Manchester. Doch schon nach zwei Wochen erfuhr das britische Paar, dass die getäuschten kalifornischen Adoptiveltern die Geschichte ihrer entführten Babys dem TV-Sender CBS gesteckt hatten.

Um einer Medienoffensive in den USA zuvorzukommen, nahmen die Kilshaws ihrerseits Kontakt zur größten britischen Boulevardzeitung auf. Die »Sun« des US-Medientycoons Rupert Murdoch ließ sich das transatlantische Babydrama nicht entgehen und titelte: »Die Geschichte dieser Zwillinge wird die Welt schockieren.« Zumindest diese Vorhersage traf zu. Als »Ekel erregend« und »absolut beklagenswert«, geißelte der vierfache Vater und Premierminister Tony Blair, »dass Kinder auf diese Weise gehandelt werden«. Seine Regierung beschloss, eine träge in der Londoner Ministerialbürokratie zirkulierende Novelle des Adoptionsrechts zügig zu verabschieden.

Nun gerieten die Kilshaws in den Medienstrudel - und gingen unter. Nachbarn bezeichneten sie als »verrückt« oder »bekloppt«. Täglich wurden neue skurrile Geschichten serviert. Aber auch ernsthafte Zweifel an ihrer Eignung als Adoptiveltern wurden laut. So verwandeln 6 Hunde und 18 Katzen ihr Farmhaus in eine nicht gerade babygerechte Heimstatt.

Überdies zogen die Kilshaws in ein von Journalisten bezahltes Viersternehotel um, wo sie ohne Pause Interviews gaben. Dass sie dabei die beiden Zwillinge beständig vor die Kameras zerrten, war letztlich ein entscheidendes Argument für die Jugendbehörde des Bezirks Flintshire, sie unter Polizeischutz abzuholen und Pflegeeltern zu übergeben.

Für die beiden bedauernswerten Mädchen, die von Sozialarbeitern im Blitzlichtgewitter des Fotografen-Pulks aus dem Hotel getragen wurden, sind es die vierten Eltern in sieben Monaten. Weitere Störungen soll es nun nicht mehr geben: Der Aufenthaltsort der Internet-Zwillinge in Wales bleibt streng geheim. MICHAEL SONTHEIMER

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