White Bottrop - DER SPIEGEL
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White Bottrop

Ortstermin: Im Ruhrgebiet erzählt die längste Skihalle der Welt kleine Geschichten über den Standort Deutschland.
• aus DER SPIEGEL 2/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Paare im Partnerlook wedeln vorbei durchs Dämmerlicht, auf der »Pfandler Alm« drinnen sitzen sie vor Weizenbier und Apfelstrudel. Ein Luis Trenker in Öl schaut aus der Holzvertäfelung, gerahmt von Nudelhölzern und gusseisernem Kochgerät. Es fehlen die abgebrochenen Skispitzen an den Wänden, aber nicht die schweren Stiefelschritte auf hohlem Hüttenboden, wenn das Ruhrgebiet entschlossen zum Après-Ski schreitet: willkommen in Bottrop, Alpincenter, längste Skihalle der Welt, made in Germany.

Mittagszeit, der Nebentisch bestellt als Aperitif »vier Pils, vier Korn«, die Höhenluft macht Durst. 113 Meter über Normalnull, draußen auf dem welligen Buckel einer Abraumhalde rumort im Sommer immerhin der »höchste Biergarten des Ruhrgebiets«, während sie drinnen bei Minusgraden durch den Kunstschnee pflügen auf Snowboards und taillierten Kurzskiern.

Der zugehörige Pressesprecher, er trägt einen rustikalen Norwegerpullover, berichtet von 750 000 zahlenden Besuchern im Jahr 2002, Tendenz steigend, 2003 sollen es trotz Dosenpfand, Sommerloch und sonstigem Reformstau noch mehr gewesen sein. Die Kundschaft kommt von weit her, sogar aus Amsterdam, sie kommt vor allem im Winter. »Ski fahren«, sagt der Sprecher, »hat eben eine ganz klare Saisonalität.« Im Alpincenter Bottrop, Ausfahrt Bottrop-Boy, hätten sie es gern anders.

Man bietet schließlich »Echt-Ski-Verhältnisse« das ganze Jahr, das Konzept hat sich der frühere Ski-Champion Marc Girardelli ausgedacht, und herausgekommen ist Bottrop: eine Halle, die nach Schwimmbad riecht, im Schlauch steht feuchtkalt die Luft, minus fünf Grad unter der niedrigen Decke, Windstille über 640 Meter Piste, 30 Meter breit, stumpfer Kunstschnee, kein Baum, kein Strauch, ein Skilabor.

Die Sportler, die zu Tal kurven auf locker gefüllter Bahn, fahren ihre Linien ernst, konzentriert, sie sehen aus, als schöben sie Schichtdienst. Zum Bürobetrieb fehlt nur, dass sie beim Vorbeifahren »Mahlzeit!« rufen. Aber niemand ruft. Und kaum einer lacht. Nur die Werbeplakate entlang den Wänden hinunter zur »Talstation« reden. Sie erzählen von den Bergen. Von Sonne. Von Südtirol. Vom Himmel.

Das Alpincenter insgesamt erzählt vom Auf und Ab am Standort Bottrop, wie ein i-Punkt markiert die Anlage die gewaltigen Brachen der Schwerindustrie, die sich weithin in die Landschaft fressen. Rings um die schmale, lange Halle graben Menschen und Maschinen der Zeche Prosper-Haniel noch immer tonnenweise die Steinkohle aus dem Grund, auf Staatskosten sozusagen, aber mit großer Tradition. Seit 140 Jahren wird in der Gegend Bergbau betrieben, Ski gefahren erst seit Beginn des Jahrtausends, 2001.

Es sind die Leute vom Alpincenter, die jetzt von Arbeitsplätzen reden. Die Straßen in Bottrop mögen noch immer »Glückauf« heißen und die Kneipen »Zum Pütt«. Aber die Zukunft, jeder weiß es, wird solchen ökonomischen Retortenbabys wie der hiesigen »Pfandler Alm« gehören.

Bottrop, Prosper-Haniel. Wo Kumpel waren, ziehen Komparsen in Skipullovern ein, und das Stück, in dem sie wirken, heißt nicht mehr Kohle und Stahl made in Germany, sondern Event & Fun sponsored by Veltins. Porsche hat auf dem Bottroper Hügel seinen Geländewagen Cayenne präsentiert (und ihn unter großem Hallo die Piste hinauffahren lassen), Reiseveranstalter feierten ihre neuen Fernwehkataloge im Schnee. T-Mobile, Karstadt, Siemens, BMW und reichlich andere Firmen und Filialen aus Nordrhein-Westfalen und Umgebung entsandten Teilbelegschaften, die sich bei Skischuhtänzen und bei Jagertee kreativ näher kommen durften.

Richtung Ausgang findet sich eine Galerie Prominenter, die sich in Bottrops ewigem Eis auch schon vergnügten oder sonstwie als Ehrengäste vorbeischauten. Wolfgang Clement ist zu sehen, er war da an einem Wintertag, das Foto wurde vor der »Alm« gemacht, im Freien. Clement macht den Mund zum Schmunzeln spitz, er sieht aus, als hätte er eben gesagt: Solche Initiativen brauchen wir! Unternehmergeist! Nicht jammern, dass im Sommer kein Schnee da ist! Skihallen bauen!

Sein Bild ist umgeben von Schnappschüssen anderer Prominenz. Stefan Raab, Verona Feldbusch, Anke Engelke halten ihre Zähne ins Blitzlicht. Auch Jürgen Drews war schon da. Er signierte, wie die Fotos zeigen, in großer Stimmung und leichthändig eine Frauenbrust mit schwarzem Filzstift.

Kein Zweifel, die Epoche der Schwerindustrie geht auch in Bottrop zu Ende. Zeche, so wird hier bald nur noch die Rechnung heißen, die am Ende von allen zu zahlen ist. ULLRICH FICHTNER

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