Winter Schneetief "Daisy" deckt Deutschland zu
Winter mit Tief "Daisy": Eisbäder und Eisbahnen
Hamburg - Tief "Daisy" hat vielen Regionen in Deutschland Sturm, Eis und Schnee gebracht. Blockierte Straßen und zugeschneite Schienen waren vielerorts die Folge - doch das von manchen prognostizierte große Chaos blieb aus.
Jörg Kachelmann vom Wetterdienst Meteomedia, der stets vor Aufgeregtheit gewarnt hatte, nannte die Wetterlage vergleichsweise harmlos. "Das ist nichts im Vergleich zu '62/'63 oder '78/'79", ordnete er ein. Es gebe eigentlich keine richtig geschlossene Schneedecke. Im Saarland oder dem Süden Baden-Württembergs sei es nicht ganz weiß.
Dennoch kam es zu Hunderten Autounfällen. Meist blieb es bei Verletzten. Ein Mann war in der Nacht beim Zusammenstoß zweier Autos in Übach-Palenberg in Nordrhein-Westfalen gestorben. Auf vielen Autobahnen stockte am Samstag der Verkehr, manche Bundes- und Landstraßen waren unpassierbar.
Ausfälle und Verspätungen bei Bahn und Fliegern
Auch Flughäfen waren betroffen: In Frankfurt fielen bis zum Nachmittag mehr als 220 Flüge aus, was etwa einem Fünftel aller dort geplanten Verbindungen entsprach. In Nürnberg war der Flugverkehr am Freitagabend nach dem Unfall mit einer Maschine für mehrere Stunden eingestellt worden.
Im Zugverkehr gab es viele Verspätungen und Ausfälle, vor allem im Osten der Republik; Bahnen kamen nur schwer oder gar nicht mehr durch, weil Oberleitungen vereist und Weichen von Schnee verweht waren. Tausende Reisende waren betroffen.
Dramatisch war die Situation auf der Ostseeinsel Fehmarn, die etwa 13.000 Einwohner hat. Laut Bewohnern türmten sich Verwehungen bis zu einer Höhe von zwei Metern auf. Besonders betroffen waren der Norden und der Osten der Insel. Die Lage sei katastrophal, sagte der dortige Bürgermeister, Otto-Uwe Schmiedt. "Die Verbindungen zwischen den 42 Dörfern auf der Insel sind blockiert und praktisch nicht mehr passierbar."
Für 300 bis 400 Lastwagenfahrer an der deutsch-französischen Grenze im baden-württembergischen Neuenburg normalisierte sich die Lage am Samstag wieder, nachdem die französischen Behörden die auf der Autobahn 5 gestauten Lastwagen wieder über die Grenze ließen. Seit Freitagabend hatten die Fahrer bei Minustemperaturen ausgeharrt. Helfer hatten sie mit Decken und Tee versorgt.
Tief "Daisy" bleibt am Wochenende weiter erhalten. Im Laufe des Abends sollte es den Experten der Unwetterzentrale von Meteomedia zufolge weiteren Schnee vom Münsterland bis nach Berlin und Brandenburg bringen, aber auch in Baden-Württemberg und Bayern.
"Auch am Sonntag schneit es fleißig weiter", sagte Stefan Laps von der Unwetterzentrale SPIEGEL ONLINE. Dann werde es vor allem im Osten und Nordosten Deutschlands schneien, aber auch in Hessen und Rheinland-Pfalz. "Es kann noch mal 10 bis 15 Zentimeter Neuschnee geben", so der Meteorologe. Mit Schneeverwehungen sei dann aber nur noch im Norden zu rechnen. Im Osten und in der Mitte des Landes lasse der Wind nach.
Frostbeulen und DesperateIceWifes
Einen Spaß der besonders eisigen Art hatten am Samstag rund 120 Unerschrockene im Berliner Orankesee. Mitglieder von 14 deutschen Vereinen und einer dänischen Gruppe waren zum traditionellen Winterbaden und Eisfasching zusammengekommen. Bei Temperaturen um minus drei Grad hielten sich die meisten jedoch nur kurz im Wasser auf. Trotz Schneetreibens waren auch mehrere hundert Schaulustige gekommen.
In Langenargen am Bodensee begingen Winterfans unterdessen den Schneeballschlacht-Weltcup. 32 Dreierteams, darunter die "Frostbeulen", die "Jamaican Ice Tigers und die "DesperateIceWifes", traten gegeneinander an. Die Veranstalter hatten ein derzeit in Europa eher seltenes Problem: Der Schnee reichte nicht aus. Um für mehrere hundert Zuschauer eine winterliche Atmosphäre zu schaffen, wurde die weiße Pracht per Lastwagen angekarrt und eine Schneekanone eingesetzt.
Im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb konnten sich die Liftbetreiber über regen Zulauf freuen. Im Harz musste allerdings wegen starken Sturms der Betrieb der Seilbahnen in den Skiorten Braunlage und Hahnenklee eingestellt werden. Dort wurden Windböen bis zur Stärke zehn gemessen.
Schnee auf Mallorca, Frühling in Bulgarien
Auch in anderen europäischen Ländern kämpften die Menschen mit heftigem Schneefall: In Belgien starb ein Autofahrer. Der Mann verlor am Samstag in Genappe südlich von Brüssel auf glatter Straße die Kontrolle über sein Fahrzeug.
In Großbritannien starben zwei Männer im mittelenglischen Leicester, nachdem sie am Freitag auf einem zugefrorenen See eingebrochen waren. Eine 90-Jährige wurde erfroren in ihrem Garten gefunden, sie war wahrscheinlich im Schnee ausgerutscht. Insgesamt sind dort seit dem Wintereinbruch vor Weihnachten mindestens 25 Menschen gestorben.
Im russischen Nordkaukasus tötete eine Lawine fünf Bergsteiger. Schneefall brachte auch dem Osten Tschechiens ein Verkehrschaos. In Polen führte starker Schneefall zu Staus und Sperrungen.
In den Bergen im Südwesten der Ferieninsel Mallorca schneite es, auf der Nachbarinsel Ibiza gab es starken Regen. Galizien im Nordwesten Spaniens erlebte die schwersten Schneefälle in 25 Jahren.
Im Süden Frankreichs waren am Samstag noch immer 15.000 Haushalte ohne Strom. Schnee störte auch dort Schienen- und Flugverkehr. Am Pariser Flughafen Charles de Gaulle sollte am Samstag ein Viertel aller Flüge ausfallen. Der Flughafen von Toulouse war am Vormittag komplett gesperrt. Nach zahlreichen Flugstreichungenhaben saßen in Lyon etwa 1000 Passagiere auf dem Saint-Exupéry-Flughafen fest. Gemeinsam mit der Feuerwehr wurden vor Ort Betten für die Betroffenen aufgestellt.
In Italien führten Flüsse wie der Tiber weiter Hochwasser, auch wenn es für die Hauptstadt Rom Entwarnung gab. In Norditalien schneite es weiter. Im Apennin und den venezianischen Dolomiten herrschte auch am Samstag weiter Lawinengefahr.
Frühlingshaft war es derweil in Bulgarien. Dort wurden am Samstag weiterhin für Januar ungewöhnlich hohe Temperaturen gemessen: bis zu 20,1 Grad.