Winterchaos Armdicke Eismäntel um Stromleitungen
Münster - Nach dem Schneechaos in Teilen Nordrhein-Westfalens waren am Sonntagvormittag nach Angaben des Energieversorgers RWE noch rund 120.000 Menschen in 20 Gemeinden im Münsterland ohne Strom. Den Spezialisten der RWE war es in der Nacht und am Morgen gelungen, die Haushalte von mehr als 100.000 Menschen wieder mit Strom zu versorgen. Die Bezirksregierung Münster sprach unterdessen von 200.000 Menschen, die noch von der Stromversorgung abgeschnitten seien.
In Niedersachsen herrsche wieder Komplettversorgung, teilte der Netzbetreiber RWE Westfalen-Weser-Ems mit. Dafür sei eine provisorische Leitung zwischen Borken und Metelen in Betrieb genommen worden. Schwierig sei die Situation zurzeit vor allem noch in Vreden, Horstmar und in Ochtrup.
Wintereinbruch: Schneeschock in NRW
In Ochtrup (Kreis Steinfurt) wurden Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und Innenminister Ingo Wolf (FDP) am Sonntagnachmittag erwartet. Sie wollten sich vor Ort über die Folgen des Schneechaos informieren und gemeinsam mit Regierungspräsident Jörg Twenhöven und Landrat Thomas Kubendorff den Helfern danken, wie die Landesregierung mitteilte.
"Alles Menschenmögliche"
Die RWE sprach von ersten durchgreifenden Erfolgen bei der Beseitigung der Schäden. Rund 250 Mitarbeiter versuchten, weitere Ortschaften im Lauf des Tages mit Strom zu beliefern, unter anderem mit zusätzlichen Notstromaggregaten. Der Chef des Unternehmens, Knut Zschiedrich, versicherte, die Mitarbeiter versuchten "alles Menschenmögliche".
Der Stromversorger begründete die Risse von Stromleitungen und den Bruch von Masten im Münsterland mit der außergewöhnlichen Wettersituation. Der extrem nasse Schnee habe sich wie ein Panzer um die Stromkabel gelegt. "Die Leitungen trugen einen oberarmdicken Eismantel", sagte der Sprecher des Netzbetreibers RWE Westfalen-Weser-Ems, Klaus Schultebraucks.
Das hohe Gewicht der Leitungen gepaart mit Sturmböen haben schließlich Masten von Hochspannungsleitungen einknicken lassen. Die Ausfälle hätten sich dann auf alle nachgelagerten Spannungsebenen übertragen. Umleitungen, wie bei Ausfällen einzelner Leitungen üblich, konnten nicht mehr geschaltet werden, sagte Schultebraucks.
"Alles, was Strom erzeugen kann, ist bei uns"
Insgesamt waren rund 4000 Helfer in der Region im Einsatz, in der Hunderttausende von Menschen die Nacht ohne Strom verbringen mussten. Im Münsterland seien rund 500 Notstromaggregate im Einsatz, um Alten- und Pflegeheime sowie Turnhallen mit Strom zu versorgen, in denen von der Stromversorgung abgeschnittene Menschen die Nacht verbrachten oder sich mit warmen Mahlzeiten versorgten. "Alles, was Strom erzeugen kann, ist bei uns", sagte der Sprecher der Bezirksregierung.
Die Behörden hatten Notstromaggregate aus dem ganzen Bundesland angefordert. Auch Landwirte erhielten inzwischen Aggregate, um ihre Kühe melken zu können. "Da stehen auch wirtschaftliche Existenzen auf dem Spiel", betonte der Sprecher. Den Einzelhändlern sei es zudem freigestellt worden, auch am Sonntag zu öffnen, damit sich die Menschen in der Region versorgen könnten.
Erneut warnte die RWE die Menschen in einigen Bereichen des Münsterlandes, vor allem im Kreis Coesfeld, davor, sich Freileitungen zu nähern, die auf Grund der Schneelast durchhängen. Es bestehe Lebensgefahr.
1500 Unfälle in NRW
Die Lage auf den nordrhein-westfälischen und niedersächsischen Autobahnen hat sich weitgehend normalisiert. Das teilten die Innenministerien beider Bundesländer mit. "Auf den Autobahnen gibt es keine größeren Staus", sagte ein Sprecher des Lagezentrums in Düsseldorf. Auch die Sperrung der A31 zwischen Legden und Ochtrup-Nord im Münsterland wurde am Nachmittag aufgehoben. Dort hatte es am Samstag zeitweise Staus von 50 Kilometern Länge gegeben, nachdem Stromleitungen auf die Fahrbahn gefallen waren.
In ganz Nordrhein-Westfalen wurden in der Nacht 52 Unfälle mit zehn Verletzten gemeldet. Für Niedersachsen lagen keine Zahlen vor. Die Gesamtzahl der Unfälle im Schneechaos ist auf fast 1500 gestiegen. Insgesamt wurden dabei etwa 100 Menschen verletzt. Der Sachschaden liegt bei 3,5 Millionen Euro. Viele Züge verkehrten auch am Sonntag noch mit teils erheblicher Verspätung.
Nach der zeitweisen Schließung am Samstagvormittag arbeitete der Flughafen Düsseldorf am Sonntag wieder im Normalbetrieb, wie ein Sprecher sagte. Insgesamt 27 Flüge hätten am Vortag annulliert und weitere 36 umgeleitet werden müssen. Wegen der heftigen Schneefälle hatte die Lande- und Startbahn nicht ausreichend von Schnee befreit werden können.