Winterwetter: Schneelast lässt Hallendach einstürzen - DER SPIEGEL
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Winterwetter Schneelast lässt Hallendach einstürzen

Nach massiven Schneefällen ist im Sauerland eine Montagehalle zusammengebrochen - ein Autofahrer wurde schwer verletzt. Immer mehr Städte und Gemeinden sperren große Hallen vorsorglich. Trotz glatter Straßen kapitulieren vielerorts die Räumdienste: Die Streusalzlager sind leer.
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Wetterchaos: Hallendach stürzt auf PKW

Foto: Torsten-Eric Sendler/ dpa

Hamburg - Die Wetterlage in Deutschland wird immer extremer: Nach den starken Schneefällen der vergangenen Tage ist am Dienstagabend eine Fertigungshalle im sauerländischen Attendorn eingestürzt. In dem Gebäude einer Firma für Kunststoffprodukte befand sich nach Angaben der Polizei niemand. Allerdings wurde ein Mann, dessen Auto neben der Halle stand, in seinem Wagen von Trümmerteilen eingeklemmt und schwer verletzt. Laut einem Polizeisprecher wurde der Mann geborgen und in ein Krankenhaus gebracht. Weitere Personen seien nicht in Gefahr gewesen.

Wegen der großen Schneelast wurden im Kreis Olpe in Nordrhein-Westfalen, zu dem Attendorn gehört, laut der Stadtverwaltung zahlreiche Turn- und Sporthallen und Aulen geschlossen.

In Wuppertal wurden große Hallen wegen erwarteter massiver Schnee- und Regenfälle ebenfalls gesperrt. "Die Sperrung erfolgt rein vorsorglich", sagte der Leiter des städtischen Gebäudemanagements. Mit Blick auf das Unglück von Bad Reichenhall, wo eine Eishalle unter der Last der Schneedecke eingestürzt war, wolle man keinerlei Risiko eingehen.

Derzeit liege knapp ein halber Meter Schnee auf den Dächern. Der vorausgesagte Regen könne das Gewicht nun allerdings noch deutlich erhöhen. Die Sperrung gilt zunächst bis Mittwoch. Betroffen sind insgesamt hundert Gebäude, neben der Uni-Halle vor allem Schulturnhallen und Sporthallen.

Streudienste müssen die Arbeit einstellen

In weiten Teilen Deutschlands sorgen Schneeverwehungen, Regen und Temperaturen um den Gefrierpunkt weiter für Behinderungen: Straßen und Autobahnen gleichen vielerort gefährlichen Rutschbahnen. Doch die Streusalzvorräte sind in zahlreichen Gemeinden aufgebraucht - immer mehr Städte stellen die Streuung ganz ein.

Zum Beispiel Wuppertal: Das Räumen und Streuen sollte trotz massiver Schneefälle am Dienstag für den Rest des Tages komplett eingestellt werden. Man habe kein neues Salz bekommen. In der Nacht zum Mittwoch sollen die letzten Salzreste auf die Hauptverkehrsstraßen gestreut werden.

In Oldenburg wurden am Morgen die letzten Salzreserven verbraucht. Gestreut wurde nur noch mit Sand. Der öffentliche Personennahverkehr VWG stellte für einige Stunden den Betrieb ein. Am Dienstag erhielt die Stadt eine Ladung Streusalz: Die 40 Tonnen werden aller Voraussicht nach gerade einmal für zwei schneereiche Tage reichen.

Auch in der Region Hannover kam es am Morgen zu Ausfällen und Verzögerungen im Busverkehr. "Wir hatten Probleme, unsere Fahrzeuge von den Betriebshöfen zu bekommen", so ein Regiobus-Sprecher. Von 65 Fahrzeugen konnten demnach lediglich 15 losfahren. Zudem seien vor allem in den Morgenstunden Seitenstraßen schlecht passierbar, da nicht gestreut, gewesen.

Die niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr hat in diesem Winter nach eigenen Angeben bereits 150.000 Tonnen Streusalz verbraucht. Normalerweise seien es nur 100.000 Tonnen, so ein Sprecher. Da die Salzvorräte bei Straßen- und Autobahnmeistereien "bekannt knapp" seien, könne der Winterdienst nun nur noch eingeschränkt erfolgen.

900 Unfälle in Nordrhein-Westfalen

In Nordrhein-Westfalen zählte die Polizei in der Nacht zum Dienstag fast 900 Unfälle. Ein Mensch wurde getötet, 64 verletzt - 15 davon schwer. Der Gesamtschaden wird auf 2,3 Millionen Euro geschätzt.

In Schleswig-Holstein verunglückten ein 20-jähriger Autofahrer und sein 19-jähriger Beifahrer tödlich. Ihr Auto schleuderte am Montagabend auf der E47 bei Heiligenhafen gegen einen Sattelzug. Die eingeklemmten Männer starben noch am Unfallort.

In Solingen wurden vier Menschen schwer verletzt. Eine 18-jährige Autofahrerin rutschte in den Gegenverkehr, kollidierte mit einem Pkw und wurde in eine Böschung geschleudert. Ihr 22-jähriger Beifahrer wurde eingeklemmt. Der 31-jährige Unfallgegner und sein Beifahrer wurden ebenfalls schwer verletzt.

Unterrichtsausfälle in zahlreichen Bundesländern

Wegen der erwarteten schweren Schneefälle blieben in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Hessen und Rheinland-Pfalz am Dienstag zahlreiche Schulen geschlossen. In Olpe hatten alle Schüler der weiterführenden Schulen, in Siegen sämtliche Schüler im Stadtgebiet unterrichtsfrei.

Die Schneemassen werden in den Innenstädten Mecklenburg-Vorpommerns immer mehr zum Problem. Die Stadt Schwerin lässt die weißen Hindernisse an einigen Straßen per Lastwagen abtransportieren. Der Schnee werde auf einer Freifläche abgelagert, sagte Stadtsprecherin Michaela Christen am Dienstag. Die Schneeberge an den Straßen seien so groß, dass Autos nicht mehr parken könnten.

Urlauber von Hiddensee evakuiert

Im Ausnahmezustand befindet sich bereits seit Tagen die Ostseeinsel Hiddensee: Von der im Eis eingeschlossenen Insel wurden am Dienstag Urlauber mit dem Hubschrauber ausgeflogen. Zuvor war ein letzter Versuch gescheitert, die Fahrrinne mit einem Eisbrecher zu öffnen. Die rund tausend Einwohner werden auch auf dem Luftweg mit Lebens- und Arzneimitteln versorgt.

Der Frost lässt das Eis auch in der Mecklenburgischen Seenplatte weiter wachsen. Auf dem größten See innerhalb Deutschlands, der Müritz, sind jetzt Eisstärken zwischen 22 Zentimeter in Waren und 26 Zentimeter in Sietow gemessen worden, sagte der Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamts in Waren, Olaf Schatzki, am Dienstag. Das 117 Quadratkilometer große Gewässer ist seit rund einem Monat völlig zugefroren. "Wenn die Schneedecke nicht wäre, hätten wir wohl schon 40 Zentimeter dickes Eis", meinte Schatzki. Auch am Fleesensee seien bereits 21 Zentimeter Eisstärke gemessen worden.

Nach heftigen Schneefällen sind am Dienstag 50 innerdeutsche Flüge am Frankfurter Flughafen gestrichen worden. Zudem gab es Verspätungen, die aber kein größeres Ausmaß annahmen, wie der Flughafenbetreiber Fraport mitteilte. Täglich gibt es am größten deutschen Flughafen rund 1200 Flüge. Bei schlechter Sicht müssen die Piloten einen größeren Abstand einhalten, außerdem müssen die Flugzeuge bei niedrigen Temperaturen enteist werden. Bereits im Januar waren an mehreren Tagen Hunderte Flüge wegen des harten Winters ausgefallen.

Die Aussichten: Frostig und reichlich Neuschnee

Für die chaotischen Verhältnisse sorgt Tief "Miriam": Deutschlandweit bleibt es daher bei Schneefällen und heftigen Winden, die für schwere Schneeverwehungen sorgen können. "Wir haben die höchste Warnstufe in Nordrhein-Westfalen", sagte Meteomedia-Meteorologe Andreas Wagner SPIEGEL ONLINE. "Im Bergischen Land und im Hochsauerland liegen schon bis zu 50 Zentimeter Schnee." Am Dienstag seien bis zu 20 Zentimeter Neuschnee zu erwarten. Bei milder Luft werde der Niederschlag feucht und schwer.

Wagner warnt vor Schneebruch: "Äste können abreißen oder sogar Bäume umfallen. Es besteht erhöhte Gefahr von Dachlawinen. Bei Windstärke 8 bis 9, Sturmböen, wird es Schneeverwehungen geben. Das öffentliche Leben ist stark eingeschränkt."

Für den Osten Deutschlands sind Windwarnungen vorausgesagt. Tief "Miriam" sorge auch hier für starke Niederschläge und wie überall in höheren Lagen für Schneeverwehungen. Im Schwarzwald und auf dem Brocken könne der Wind bis zu hundert Kilometer schnell werden. "Das ist sehr gefährlich", warnte Wagner. "Im Laufe des Dienstags werden mildere Temperaturen im Westen aus Schnee Regen machen. Die Schneefallgrenze sinkt auf etwa 400 Meter."

Im Nordosten Schnee, im Westen Regen

Wo bereits Schnee liege, gebe es "eine große Matsche". In tieferen Lagen, wo der Schnee bereits getaut sei, führe der zu erwartende Regen zu Glatteis. Die Temperaturen im Westen liegen bei 2 bis 3 Grad, in der Osthälfte und im Süden null bis minus vier Grad.

Am Dienstagabend sei vor allem in Ost- und Norddeutschland wieder Schneefall zu erwarten. "Gerade da, wo es schon problematisch ist, an den Küsten, gibt es 10 bis 20 Zentimeter Neuschnee", so Wagner. In Greifswald und Umgebung werde "eine rekordverdächtige Gesamtschneehöhe" erwartet.

Vor allem im Verkehr sei Vorsicht geboten: Im gesamten Bundesgebiet drohe die Gefahr von Schneeverwehungen. Vor allem Bundesstraßen könnten durch Schnee anliegender Felder innerhalb kürzester Zeit dicht verschneit sein.

Für die kommende Nacht sind laut Meteomedia an der Oder, in Sachsen, Thüringen und Teilen Bayerns heftige Schneefälle zu erwarten. In der Westhälfte sind demnach die Temperaturen vorübergehend mild, gebietsweise mit Regen, in der Nordhälfte gibt es Frost.

Das ist auch die Voraussage für die kommenden Tage: Im Nordosten kalt mit Schneefall, im Westen milder mit Regenfällen.

jjc/apn/dpa