Wirbel um bizarre Fernsehshow: Hungern und Betteln für die Quote - DER SPIEGEL
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Wirbel um bizarre Fernsehshow Hungern und Betteln für die Quote

Eine russische TV-Show sorgt in Berlin für Empörung. Wie bei "Big Brother“ hat der Sender TNT zwölf junge Russen in einen Container gesperrt. Statt jedoch vom vielen Sitzen fett zu werden, müssen die jungen Russen darben und ab und an gar in der Hauptstadt betteln gehen. Mittlerweile nahm selbst die Polizei die Show ins Visier.
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Berlin - Fernsehshows beschäftigen die Berliner Polizei eher selten. Umso mehr überraschte am Mittwochnachmittag eine Mail der Polizeipressestelle. "Fernsehshow in Spandau - präventive Begutachtung durch den Abschnittsleiter", lautete die viel versprechende Betreffzeile über eine Polizeirazzia im Berliner Außenbezirk Spandau. Etwas weiter unten erklärte die Behörde dann, ein Abschnittsleiter habe sich davon überzeugt, "dass die Teilnehmer der dort produzierten Fernsehshow in keiner Weise Opfer von Straftaten sind bzw. zu Straftaten veranlasst werden". Die russischen Staatsbürger hielten sich "alle freiwillig" dort auf, gingen "Alltagsbeschäftigungen" nach und würden "ausreichend mit Nahrung" versorgt.

Der Polizeieinsatz mit anschließender Entwarnung ist allerdings nur der Höhepunkt der Aufregung, welche die Hauptstadt erfasst hat. Fast alle Zeitungen berichteten am Mittwoch über einen vermeintlichen Skandal, der bisher unentdeckt mitten in der Hauptstadt geschah. "Hungern und Betteln für die Einschaltquote", titelte die "Berliner Zeitung" über die TV-Show "Golod" - zu Deutsch "Hunger". "Gemein", druckte "Bild" in Großbuchstaben, "Russen-TV lässt junge Frauen im Berliner Container hungern".

Whirl-Pool aber kein Essen

Dem russischen Fernsehsender TNT wird vorgeworfen, in Berlin seit einiger Zeit zwölf junge Russen wie bei "Big Brother" im schlichten Industriegebiet am Spandauer Paulsternweg in einen Holz-Container eingesperrt zu haben. Dort hätten sie zwar Luxus wie einen Whirl-Pool und bequeme Sofas, bekämen aber kein Essen, so der Tenor der Presseartikel. Das "perverse Spiel" ("Bild") bestehe nun darin, dass sich die Kandidaten bei mit Kameras überwachten Trips in die Hauptstadt auf irgendeine Art und Weise Geld beschaffen müssen. Da sie kein Deutsch sprechen und angeblich auch gar nicht wissen, dass sie in Berlin sind, bleibe ihnen nur das Betteln übrig. Wer schließlich als letzter durchhält, bekommt als Prämie 1000 Dollar Rente monatlich bis ans Lebensende.

Die Internetseite der TV-Show bestätigt die Horror-Vision einer regelrechten "Hunger-Show". Dort lesen sich die Regeln des auf 100 Tage angelegten TV-Spiels reichlich bedrohlich. "12 Leute, 6 Männer und 6 Frauen, werden mit verbundenen Augen jenseits der Grenzen der Russischen Föderation gebracht. Sie werden in einem riesigen Haus untergebracht, wo es praktisch alles gibt - außer Essen! Die Kandidaten müssen sich und ihre Freunde selbst mit Essen versorgen. In einer fremden Stadt, in einem unbekannten Land, ohne Sprachkenntnisse." Außerdem berichten die Autoren der Seite mit unverhohlener Freude, dass zwei der in Berlin nach Geld suchenden Mädchen offenbar für die Prostitution angeworben werden sollten.

"Big Brother" auf Russisch

Nimmt man die Leser-Mails der Zuschauer auf der Seite hinzu, die mit Fotos von abgemagerten, afrikanischen Kindern garniert sind, entsteht langsam das Bild eines makabren Seelen-Striptease mitten in der Wohlstandmetropole Berlin. Statt sich wie bei "Big Brother" lediglich an der Enge, der Ausgeliefertheit und nicht zuletzt an den intimen Spielen der Kandidaten zu laben, wollen die russischen TV-Macher offenbar ans Eingemachte, also an das echte Leid von Menschen. Passend dazu wirken die Szenen des ersten Bettel-Trips der Container-Girls Karina und Natalja, die am Brandenburger Tor abgesetzt wurden. Bitterlich weinen sie vor laufender Kamera nach Stunden des erfolglosen Bettelns, das nur ein paar Nahrungsmittel einbrachte.

"Ein ganz normales Reality-Format"

Beim Sender TNT machte die mediale Empörung in Deutschland Eindruck. In einer Pressemitteilung wehrten sich die "Golod"-Macher gegen die erhobenen Vorwürfe. "Die Kandidaten erfreuen sich bester Gesundheit", hieß es von TNT. Auch die medizinische und psychologische Betreuung sei gewährleistet. Der Sender verwahrte sich aber gegen den Eindruck, die jungen Männer und Frauen müssten für das TV-Ereignis wirklich Hunger leiden. In der Unterkunft gebe es "kiloweise Kartoffeln, Nudeln und Butter". Außerdem bekämen die Kandidaten "täglich am Morgen ein Getränk mit 2000 Kilokalorien und Vitaminzusätzen". Geradezu absurd sei der Vorwurf, die Teilnehmer würden zu Diebstahl oder etwa Prostitution angestiftet. Dies werde auch dadurch verhindert, dass immer zwei Kamerateams bei den Ausflügen der Kandidaten in Berlin dabei seien.

Für TNT handelt es sich bei "Golod" um "ein ganz normales Reality-Format". Eines der Hauptziele bestehe darin, "dass die Teilnehmer eine kulturell übergreifende Kommunikation entwickeln, um mit den Berlinern eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, ihre Sympathie zu gewinnen und mit ihnen Freundschaft zu schließen". Auch der Begriff "Golod" seit zwar mit Hunger zu übersetzen, doch in diesem Fall heiße es eher "Hunger nach Leben", so ein Verantwortlicher des Senders, der die Aufregung in Deutschland wohl auch wegen ähnlicher Reality-Formate in Russland kaum verstehen kann. Dort laufen beispielsweise "Superstar"-Formate, bei denen sich Schwerverbrecher aus dem Knast singen können, oder Container-Sendungen, bei denen der Kuschel-Sex von "Big Brother" geradezu züchtig wirkt.

Aufregung ist immer gut

Doch wie geschmacklos die Deutschen die in Berlin produzierte Show auch finden, für TNT ist "Golod" bereits jetzt ein Riesenerfolg. Die Show, die jeden Abend zur Prime-Time um 21 Uhr läuft, hat schon kurz nach dem Start eine Einschaltquote von elf Prozent - für den Sender auf dem Niveau von RTL II ein beachtlicher Erfolg, den es auszubauen gilt. Die Aufregung der Deutschen wird den "Golod"-Machern beim Erreichen ihres Ziels sicherlich helfen.

Die Berliner Polizei indes will sich an dem weiteren Wirbel nicht beteiligen. Als der Polizeidirektor Frank Brinker am Mittwochnachmittag aus dem Container kam, war von Erschrecken dann auch wenig zu spüren. Die Laune im freiwilligen Knast sei gut, so der Beamte, von dramatischen Mangelerscheinungen keine Spur.