Wlada Kolossowa über die Liebe von Uwe und Klaus - DER SPIEGEL
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Wlada sucht die Liebe Die Neuvermessung des Glücks

Die Liebe von Klaus und Uwe begann im Berliner Sommer 1977, sie sahen sich auf dem Kirchentag zum ersten Mal. Als Wlada Kolosowa das Paar trifft, erzählen die beiden über 37 gemeinsame Jahre. Und über den Dezembertag, der alles veränderte.
Klaus und Uwe: "Willst du mit mir zu Abend essen?"
Klaus und Uwe: "Willst du mit mir zu Abend essen?"

Klaus und Uwe: "Willst du mit mir zu Abend essen?"

Foto: Patrick Demarchelier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Glatt wie ein iPhone-Bildschirm sind die Böden in der Wohnung von Klaus und Uwe. Keine Schwelle, keine Kerbe soll Klaus zusätzlich daran erinnern, dass er jetzt im Rollstuhl sitzt. Seit 37 Jahren sind die beiden ein Paar. Wenn man Uwe fragt, welche Tage ihm davon am meisten im Gedächtnis geblieben sind, nennt er zwei. Der Tag, an dem ihre Geschichte anfing, 1977. Und der, an dem fast alles zu Ende ging - 2012, als er Klaus in einer Pfütze von Blut und Erbrochenem fand.

1977 war Uwe 22, Lehramtsstudent, glücklich: Es war Sommer, er war in Berlin. Schon als Kind träumte er davon. Westberlin, das war damals eingezäunte Freiheit: Schwulenbars, Asti Spumante, Demos. Auf Hauspartys konnte man Männer Händchen halten sehen. In diesem Juni 1977 hat die evangelische Kirche zum ersten Mal einen Homo-Infostand bei ihrem Kirchentag genehmigt. Das wollte Uwe mit eigenen Augen sehen. Als er ankam, hatte er aber nur Augen für einen schlanken Mann mit dunklem Wuschelkopf - Klaus. Ernst war er. Einer, der nur dann etwas sagte, wenn er was zu sagen hatte.

"Das kenne ich aus Lagern"

Nach dem Kirchentag gingen alle zum Athener Grill und spazierten dann um den Halensee herum. Uwe sagte kaum etwas: Er war zu konzentriert, Klaus' wunderbare Stimme aufzusaugen und nicht über seine brandneuen Clogs zu stolpern. Um vier Uhr quetschten sich alle in den Nachtbus - alle, außer dem einen, den sich Uwe am meisten dort wünschte.

Am nächsten Nachmittag suchte Uwe die Nummer von Klaus im Telefonbuch. Viele hatten seinen Vornamen und Nachnamen, und Uwe machte sich auf einen langen Nachmittag vor dem Telefon bereit. Doch schon beim dritten Anruf war diese großartige Stimme dran. Vor Schreck legte Uwe sofort auf. Nach einigem guten Zureden einer Freundin fand er aber doch Mut. "Willst du mit mir zu Abend essen?", fragte er. Am anderen Ende der Leitung sangen Abba: "I do, I do, I do."

Die Fotos von ihren Anfangstagen könnten Instagram-Bilder von heute sein: Zwei dürre Männer mit lockigen Matten, engen Jeans, Karohemden. Klaus und Uwe beim Essen. Klaus und Uwe eng umschlungen. Aber das war, selbst im liberalen Berlin, nur unter Dächern von Freunden möglich, in Schwulenkneipen, als Statement auf einer Demo. Uwes Mutter rastete aus, als sie in seiner Post einen Liebesbrief von einem Kerl fand. Sein Vater, ein ukrainischer Zwangsarbeiter, der nach 1949 in Deutschland geblieben war, sagte nur: "Das kenne ich aus Lagern. Und die Männer haben sich wirklich geliebt."

37 Jahre gemeinsamen Lebens - das sind viele Wohnungen, Umzüge und Urlaube; Tausende gemeinsame Nächte, eine Trennung, eine Wiederkehr. Man rieb sich aneinander, passte sich an. Der ruhige Klaus tanzte mal durch die Wohnung. Uwe lernte, wann es besser ist, die Klappe zu halten. Der eine sprach bei Mahlzeiten zu wenig, der andere zu viel, also schaute man Berliner Abendschau. Klaus ist Uwe zuliebe zum ersten Mal ins Ausland gefahren, Uwe Klaus zuliebe in ein Häuschen ins Grüne gezogen. Auf dem Standesamt - Klaus und Uwe waren schon über 50 - waren sie zu viert: Nur die beiden und zwei Trauzeugen.

Zweieinhalbe Monate Koma

Es hätte für immer so weitergehen können: Haus, Garten, Ehemann, stilles Glück. Wenn die Ader nicht geplatzt wäre.

Als Uwe am 7. Dezember 2012 nach Hause kam, dachte er, Klaus sei tot. Er lag in einer Pfütze aus Erbrochenem und Blut, wie eine Marionette, deren Fäden man abgeschnitten hatte. Uwe schaufelte das Erbrochene aus Klaus' Mund, prüfte, ob Klaus noch atmete, und rief die Feuerwehr. Zum Glück stellte der Notarzt sofort die richtige Diagnose: In Klaus' Kopf war ein Aneurysma geplatzt - eine angeborene Aussackung in einer Arterie, die bei Belastung aufreißen kann. Vielleicht platzte sie aufgrund von Bluthochdruck, dann verlor Klaus das Bewusstsein und schlug sich den Kopf auf. Vielleicht war es andersrum. Wie lange lag er schon so da? Keiner weiß das.

Im Koma lag er zweieinhalb Monate. "Viel Hoffnung haben sie mir nicht gemacht", erzählt Uwe. Er kam jeden Tag, hielt Klaus' Hand, sprach still mit ihm. "Die Beziehung zu jemandem ändert sich, wenn man im Kopf bereits seine Beerdigung planen muss", sagt er. Vor dem Unfall haben sie Reisen auf die Kanaren vorgehabt. "Nach dem 7. Dezember war es das größte Glück, dass er die Augen aufmachte und mich erkannte."

Alles muss neu vermessen werden: die Zukunftspläne, die Vorstellung vom Glück, die Türen in der neuen Wohnung - damit der Rollstuhl durchpasst. "Durch den Unfall ist meine Liebe zu Klaus noch tiefer geworden", sagt Uwe. "Ich bleibe mit ihm zusammen, bis ans Ende seiner Tage." Und auch danach: Uwe weiß schon, wo sie begraben werden.