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Ortstermin: Auf Schloss Bellevue führt Bundespräsident Rau Deutschland ins Internet - endlich.
• aus DER SPIEGEL 39/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einweihungen sind für einen Profi normalerweise ein leichter Job: Bei Autobahnen schneidet das Oberhaupt der Honoratioren mit einer Schere ein Band durch, die Gattinnen applaudieren, dann rollen die Autos los. Und wer einen Zug einweiht, steht mit Kelle, Mütze und Trillerpfeife am Bahnsteig.

Aber wie eröffnet man eine Internet-Seite? Etwas, das man nicht anfassen, nicht betreten oder auf den Weg schicken kann?

Auf Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten, haben sie dafür im Langhans-Saal auf einem kleinem Holztisch einen Laptop installiert. Darüber ein Kronleuchter, helles Licht fällt durch die schweren Vorhänge, zwischen zwei Marmorsäulen steht eine gewaltige Leinwand. Auf ihr ist zu lesen: »www.deutschland.de«.

Deutschland.de ist ein neues Internet-Portal. Portale nennt man solche Internet-Seiten, die gleichsam als Startseite genutzt werden, weil von dort aus so viele interessante Links dahin führen, wo man ohne das Portal auch hinfinden würde.

Eine Zeit lang dachten Leute, Portale wären eine prima Idee, und man könnte damit viel Geld verdienen. Und so gibt es Computerportale, Anglerportale und unzählige Erotikportale. Deutschland.de fehlte noch.

Und jetzt schreitet der Bundespräsident in den Saal, um es zu eröffnen. Er spricht, mit leicht wiegendem Haupt, wie Rau eben so spricht. Davon, dass Deutschland.de eine Chance biete, über unser Land zu informieren, über »Wirtschaft, Kultur, über Gutes und Schlechtes, Kritikwürdiges und Lobenswertes«. Und er sagt, dass er sich sehr freue, gleich den - ja, was denn? Den Knopf zu drücken? Das Band durchzuschneiden? Irgendwas mit der Maus anzustellen?

Johannes Rau ist kein Computerfreak, und er tut auch gar nicht so. In Wahrheit hat er es eilig, weil er noch schnell zum Juristentag muss. Er würde jetzt gern seinen Job erledigen, vielleicht irgendein Band durchschneiden, notfalls auch mit einer Kelle winken. Aber erst zwei Reden später, in denen Deutschland.de wahlweise als »Türschild im Global Village«, als »glänzende Visitenkarte« und als »Leuchtboje im Info-Ozean« gepriesen wurde, darf Rau an den kleinen Tisch. Inzwischen hat man ihn auf den Stand der Technik gebracht.

»Ich darf alles drücken«, sagt er, »außer Escape.«

Nachdem die SPD 1998 die Bundestagswahl gewonnen hatte, sollte Deutschland moderner werden. Der Kanzler belegte einen Internet-Kurs, das Bundespresseamt beschloss, dass das Land sich endlich auch im Internet präsentieren müsste.

Dann aber stellte Deutschland fest, dass es nicht mal ein Recht auf den Namen »Deutschland« hatte. Ein kleines Frankfurter Unternehmen hatte sich den Namen gesichert, für Künstler. Später gab es hier einen Hotelführer und einen Online-Flohmarkt.

Deutschland, ein Flohmarkt.

Es folgten ein Prozess und eine Revision, Gremiensitzungen und Anhörungen, Diskussionen über Präambeln und Beiratsbesetzungen, und nun, vier Jahre später und vier Tage vor der neuen Bundestagswahl, ist Deutschland endlich im Internet.

Deutschland.de: 1050 Links, aufgeteilt auf neun Themengebiete, von Gesundheit über Sport, Wirtschaft, Staat bis Wissenschaft. Vieles wirkt so, wie Bundespräsident Johannes Rau am Computer: bloß nichts verkehrt machen. Deutschland.de gibt es in fünf Sprachen, darunter auch Russisch, weil der Osten ja immer wichtiger wird.

Es wird schwer fallen, auf Deutschland.de einen Fehler zu finden.

Wer auf Umwelt und Naturschutz klickt, kriegt erst das Bundesamt für Naturschutz angeboten, dann das Bundesamt für Strahlenschutz, die Bundesanstalt für Gewässerkunde, schließlich das Bundesumweltministerium und den Grünen Punkt. Damit sind die wichtigen Institutionen befriedigt, sogar Greenpeace kommt auf Seite drei. Niemand hätte Greenpeace jemals vergessen.

Dem Beirat gehören derzeit der ehemalige Regierungssprecher Peter Hausmann und der Künstler Blixa Bargeld an. Breite gesellschaftliche Verankerung nennt man es, wenn solche Gremien regelmäßig tagen. Bargeld war einst Frontmann der Berliner Avantgarde-Band Einstürzende Neubauten, er klopfte mit Metall auf Metall und nannte das Musik. Was er jetzt im Beirat tun wird, weiß er selbst nicht. »Na«, sagt er, »einmal im Monat vielleicht Verbesserungsvorschläge machen, oder so.«

Deutschland-austariert.de - so hätte man das Portal auch nennen können.

Der Bundespräsident setzt seine Brille auf, legt sie wieder ab, kreist, ein bisschen ängstlich, mit einem Finger über der Tastatur bis er weit genug von der Escape-Taste weg ist. Dann drückt er.

Aus den Lautsprechern kommt ein knarzender Ton, der erst an eine grässliche Fehlermeldung glauben lässt oder an einen neuen Song der Einstürzenden Neubauten. Für einen kurzen Moment hat Rau diesen Hab-ich-was-falsch-gemacht-Blick. Aber dann entpuppt sich das Getröte als leicht übersteuerte Fanfare. Applaus. ANSBERT KNEIP

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