Zeichen der Zeit - DER SPIEGEL
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Zeichen der Zeit

Eine New Yorker Boutique bietet modische Kleidung mit eingebauten kugelsicheren Schutzschilden an.
• aus DER SPIEGEL 4/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Dekor des Ladens ist karg und weiß wie in den Kunstgalerien ringsum. Zwei Schaufensterpuppen präsentieren im Fenster modischen Safari-Look.

Auf dem Tischchen zwischen zwei Sesseln liegt eine antike Pistole - einziger Hinweis darauf, daß dies hier keine Boutique wie jede andere ist. »Protective Fashion« heißt sie nämlich und bietet als erster Laden der Welt im New Yorker Stadtteil Soho Kleidung an, die schick und zugleich kugelsicher ist.

»Alle 50 Sekunden wird in den USA jemand überfallen«, sagt der Besitzer, Joh Jolcin, »und 60 Prozent dieser Überfälle werden mit der Waffe verübt. Mein Angebot ist ein Zeichen der Zeit.«

Der Erfolg scheint Jolcin recht zu geben. In den ersten zwei Monaten setzte der Laden bereits 40 000 Dollar um, und Jolcin hofft, demnächst seinen Umsatz mit einem angegliederten Versandhaus in die Millionen zu steigern.

Jolcins Angebot enthält viel Sportliches: Anoraks, Safarijacken, daunengefüllte Westen und Mäntel. Aber auch Smokingjacken, Frackhemden und andere wichtige Kleidungsstücke für den Verkehr in feiner Gesellschaft fehlen nicht in seinem Sortiment.

Die Kollektion wird von Jolcin selbst entworfen. Der geborene Israeli war Chef-Designer für die israelisch-amerikanische Firma Emgo USA, die kugelsichere Uniformen an die Nato, nach Mittelamerika und Israel liefert. Als er vor ein paar Jahren versuchte, auch Zivilisten für seine Entwürfe zu gewinnen, stieß er zunächst auf Ablehnung. »Man fand die Idee geradezu anstößig«, erinnert er sich.

Das lag mit daran, daß die herkömmlichen kugelsicheren Westen meist schwere, unhandliche Panzer, beim Atmen störend und im Sommer unerträglich heiß, waren. Jolcin ließ sich eine andere Lösung einfallen.

Er kam darauf, in die Kleider maßgeschneiderte Schutzschilde einzusetzen, die mittels Reißverschluß schnell befestigt und entfernt werden können. Ein Schild schützt den Rücken, zwei weitere die Brust. Eine derart bestückte Jolcin-Jacke wiegt nicht einmal vier Pfund.

Das Material ist Kevlar, eine von Du Pont im Spezialverfahren hergestellte Faser, die in unterschiedlicher Dichte und Webkonzentration geliefert und mit Laserstrahlen in die gewünschte Form geschnitten wird.

Je nach Anzahl der Schichten und der Dichte des Gewebes bietet die Defensivmode Schutz gegen verschieden schwere Geschosse. Stufe I, für den, der sich auf der Straße sichern möchte, hält Kugeln aus der gängigen 22-kalibrigen »street gun« (auch »Saturday Night Special« genannt) ab, ebenso wie die aus der 38er, mit der etwa die New Yorker Polizei ausgerüstet ist.

Stufe II bedeutet zusätzliche Verstärkung: Der Kunde kann Projektilen des Kalibers .357 Magnum standhalten.

Nur für Profis - Armeemitglieder und Sondereinheiten - sind die weiteren zwei Schutzstufen gedacht, die im Extremfall sogar Kugeln aus einer 9-mm-Maschinenpistole abhalten sollen.

Daß dies nicht alles leeres Versprechen bleibt, dafür verbürgen sich die Hersteller mit der stattlichen Haftungssumme von 10 Millionen Dollar. Die ist fällig, wenn der Kunde trotz Schutzkleidung von einer Kugel verletzt wird.

So was kostet natürlich. Zwischen 200 und 400 Dollar verlangt Jolcin allein für die Kleider. Wer auch die maßgefertigten Schilde will, muß noch mal 300 Dollar zahlen.

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