Zeitgeschichte: Als der Krieg nach Rybitwy kam - DER SPIEGEL
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Zeitgeschichte Als der Krieg nach Rybitwy kam

Heute vor 65 Jahren begann mit Hitlers Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg: Eine Zeitzeugin aus einem kleinen Dorf nordwestlich von Warschau erinnert sich.
Von Michael Wingender
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein leises Summen liegt in der Luft, das so gar nicht in die friedliche Ruhe des kleinen Dörfchens Rybitwy passen will. Es ist noch früh am Morgen. Eben erst ist der neue Tag angebrochen, Vögel zwitschern. Die weiche Decke, die der Nebel über das ganze Land gebreitet hatte, wird löchrig, schmilzt allmählich dahin. Ein sanfter Wind lässt Farne und Gräser der gelbgrünen Wiesen tanzen. In Rybitwy erwacht langsam das Leben.

Schnell kommt das Summen näher. Schwillt an. Kleine schwarze Schatten ziehen in großer Höhe vorbei. Flugzeugmotoren dröhnen, der Lärm zerschneidet die Luft, dann verschwinden die Bomber nach Südost. Aus der Ferne sind dumpfe Detonationen zu hören.

Es ist der 1. September 1939. Hitlers Überfall auf Polen hat gerade begonnen. Die Deutschen bombardieren die Gegend um Warschau. Flugplätze, Motorenwerke und Fabrikhallen sollen zerstört werden. Deutsche Panzer und Infanterie haben bereits um 4.45 Uhr die Grenze überschritten und rücken nun gegen die polnischen Verteidigungslinien vor. Doch der befohlene große Luftangriff auf Warschau fällt zunächst aus, abgeblasen wegen zu schlechten Wetters. Überall Nebel, zu wenig Bodensicht, Luftwaffenchef Göring ist übel gelaunt.

Im Dörfchen aber herrscht Aufregung. "Die Menschen flohen in die Kirche", erinnert sich Zofia Mysiakowska, die als 21-Jährige in Rybitwy, nordwestlich von Warschau, den Beginn des Zweiten Weltkriegs erlebte, "Nachbarn und Bekannte, alle kamen zusammen". Angst geht um, Verzweiflung spricht aus allen Gesichtern. "Der Pfarrer, Hochwürden Golon, erzählte uns, dass Krieg ist. Er versuchte, die Leute zu beruhigen, und erbat im Gottesdienst für unsere Gemeinde Schutz und Erbarmen. Keiner wusste, was jetzt passieren würde."

Nach dem Gottesdienst gehen die Menschen zurück ins Dorf. Am Postamt werden einige Deutsche festgehalten. "Die lebten schon seit Generationen mit uns in guter Nachbarschaft. Einige aus dem Dorf waren jetzt aber sehr aufgeregt und dachten, die Deutschen seien Spione der Nazis."

Pfarrer Golon beruhigt die aufgebrachte Menge. Der Bürgermeister und ein Dorfpolizist bringen die Deutschen schließlich zum Verhör zur Polizeistation in die nächste Stadt. Weil Pfarrer Golon als einziger gut Deutsch spricht, muss er als Übersetzer mitgehen. Im Laufe des Nachmittags kehrt langsam die Normalität ins Dorf zurück. In der Landwirtschaft gibt es immer Arbeit, und auch das Vieh will versorgt sein. Aber es ist eine angespannte, äußerst brüchige Normalität, die den Menschen jedoch wenigstens ein Minimum an Sicherheit zurückgibt.

Als die Sonne an diesem 1. September 1939 untergeht, ist in dem kleinen Dörfchen aber nichts mehr, wie es einmal war. Der Krieg hat Einzug gehalten, in seinem Gefolge kommen Terror, Leid und Unterdrückung über das Land. "Wir haben nicht geschlafen in diesen Nächten, lagen angekleidet im Bett. Wir hatten immer Angst, dass etwas passiert, wollten vorbereitet sein."

Zuerst sind es nur Gerüchte, die sich rasch im Dorf verbreiten. Doch schnell wird es zur Gewissheit: Die deutschen Panzer kommen. Wenige Tage nach Kriegsbeginn steht die Wehrmacht schon tief im Land, und die Divisionen drängen unaufhaltsam weiter. Nach erbitterten Kämpfen ziehen sich polnische Einheiten in die nahen Wälder zurück. Aus Angst vor Luftangriffen marschieren sie nur nachts, querfeldein in Richtung Weichsel, denn nur hier ist noch ein Entkommen möglich. Genau das wollen die Deutschen aber um jeden Preis verhindern, und so beginnt ein mörderischer Wettlauf zur Weichsel.

Drei, vier Tage später nehmen die Deutschen westlich von Warschau, zwischen den Flüssen Weichsel und Bzura, eine ganze polnische Armee in die Zange. Die Polen rennen gegen die Deutschen an, versuchen, dem Kessel zu entkommen. "Die Schlacht tobte ganz in unserer Nähe. Jemand erzählte, dass polnische Soldaten Hals über Kopf über die Weichsel nach Osten fliehen. Fahrzeuge, Waffen, Verpflegung, alles blieb zurück." Im Tiefflug jagen deutsche Schlachtflieger über Flussfurten, Straßen und Felder, auf denen sich die flüchtenden Kolonnen dicht an dicht drängen.

Maschinengewehre bellen, Einschläge krachen in dichter Folge. Kleine gelbrote Blitze markieren Volltreffer. Rauch steigt auf. Pferde gehen durch, Einheiten brechen auseinander. Chaos herrscht und Panik. Verwundete schreien zwischen ihren gefallenen Kameraden. Am folgenden Tag geben die Polen im Kessel ihren Widerstand auf. Eine ganze Armee, 160.000 Soldaten, marschiert in die Gefangenschaft.

"Zusammen mit meinen Eltern, zwei Schwestern und zwei Brüdern packte ich schnell einige Sachen zusammen und ging zur Hauptstraße. Wir wollten fliehen wie viele andere auch." Auf der Hauptstraße, nicht weit vom Dorf entfernt, stehen aber schon die Deutschen. Die Straße ist gesperrt, es gibt kein Weiterkommen. "Dort habe ich zum ersten Mal deutsche Soldaten gesehen. Wir Mädchen hatten große Angst vor ihnen. Deshalb hielten wir uns hinter einem Pferdefuhrwerk versteckt." Die Soldaten lassen nicht mit sich verhandeln. Die Flüchtlinge werden zurück in ihre Häuser geschickt. Überall in dem sonst so friedlichen kleinen Dörfchen trifft man nun auf Angst - Angst verschleppt oder erschossen zu werden, Angst vor einer ungewissen Zukunft.

"Von einer Bekannten habe ich dann erfahren, dass die Deutschen das Landgut übernommen haben, auf dem ich damals als Verwaltungsangestellte gearbeitet habe. Ich hatte dort eine gute Stellung, habe gut verdient. Von einem Tag auf den anderen war ich ohne Arbeit."

Warschau ist in den letzten Tagen zur Festung geworden. Zehntausende polnischer Soldaten haben sich verschanzt, wollen in erbittertem Häuserkampf ihre Hauptstadt verteidigen. Am 25. September um acht Uhr morgens beginnt der deutsche Luftangriff, begleitet von massivem Artilleriefeuer. "Überall am Himmel sahen wir Flugzeuge, die in Richtung Warschau flogen. Ich habe mir gar nicht vorstellen können, dass eine Nation so viele Flugzeuge haben könnte."

Gegen Mittag steht eine gewaltige Rauchsäule über der Stadt, schraubt sich kilometerweit in den Himmel. Auch in Rybitwy ist sie noch zu sehen. Brandschwaden ziehen die Weichsel hinauf. "Mitten am Tag war alles ganz dunkel. Durch den Qualm und den aufgewirbelten Staub konnten wir die Sonne kaum mehr sehen." Und der Strom der Bomber und Kampfflugzeuge reißt nicht ab. Hitler ist eigens aus Berlin angereist, um die Schlagkraft seiner Kriegsmaschinerie in Augenschein zu nehmen. In einem Kommandostand weit hinter der Front verfolgt er den bis dahin schwersten Luftangriff in der Geschichte. Das Inferno, das er über Warschau entfesseln lässt, wird später auch über deutsche Städte hereinbrechen.

In der folgenden Nacht weist ein roter Feuerschein den Weg nach Warschau, Polens brennender Hauptstadt. Tags darauf kapitulieren die Polen, die stolze Metropole ist gefallen. "Zum Glück haben wir in Rybitwy nur sehr wenig vom Krieg mitbekommen. In dem kleinen Dörfchen waren wir richtig abgeschottet." Andere Familienmitglieder aber haben weniger Glück. "Meinem Vater hat man erzählt, dass sein Bruder, ein einfacher Mann, von den Deutschen umgebracht worden war. Die genauen Gründe haben wir nie erfahren." Ein Onkel berichtet, dass er zusehen musste, wie deutsche Soldaten polnische Zivilisten auf einem Friedhof erschossen haben. "Als er zu uns kam, war er ganz verstört, weinte nur."

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Informationen über den weiteren Kriegsverlauf und die politische Lage gibt es selten. "Radios hatten wir damals noch keine, und so fuhr der Bürgermeister mit dem Fahrrad von Haus zu Haus und verbreitete Neuigkeiten. Er verlas auch die Listen mit den Namen von allein stehenden Frauen und Mädchen. Die wurden dann von den Deutschen abgeholt und zum Arbeitsdienst nach Deutschland geschickt."

Nur verheirateten Frauen bleibt dieses Schicksal erspart. Pfarrer Golon spendet in diesen Tagen fast täglich das Sakrament der Ehe. "Im Oktober 1939 traf ich meinen Jugendfreund Jan wieder. Er war aus einem Nachbarort und hatte gerade einige Wochen in deutscher Gefangenschaft gesessen, weil er heimlich Butter, Speck und andere Lebensmittel nach Warschau geschmuggelt hatte. Wegen des Krieges war die Versorgungslage sehr schlecht, und die Leute in der Stadt waren auf solche Lieferungen angewiesen. Bei einer dieser Fahrten haben ihn die Deutschen erwischt und verhaftet. Wenige Wochen nach unserem Wiedersehen haben wir geheiratet."

Eines Tages stehen deutsche Soldaten vor der Tür. Jan ist Gärtnermeister, und deshalb soll er mit seiner Frau ins nahe gelegene Dziektarzewo gehen, um dort auf dem Landgut für den neuen Besitzer, einen Deutschen, zu arbeiten. "Mein Mann wollte aus unserem Dorf nicht weg, und da haben ihn die Soldaten schlimm verprügelt. Was konnten wir tun? Also sind wir nach Dziektarzewo gezogen. Meine Eltern und Geschwister musste ich in Rybitwy zurücklassen."

Der Krieg verlagert sich weiter nach Osten. Im Juni 1941 hat die Wehrmacht auch die Grenze nach Russland überschritten, Hitlers Unternehmen Barbarossa hat begonnen. Die Tage in Dziektarzewo aber sind ruhig, der Krieg scheint weit entfernt. Jan leitet für den Gutsherrn die Bewirtschaftung des 100 Hektar großen Landguts. "Der deutsche Gutsherr hat uns glücklicherweise sehr gut behandelt. Er trank abends auch ganz gerne mal ein Gläschen, und weil er nicht alleine trinken wollte, musste mein Mann ihm manchmal Gesellschaft leisten. Dabei hat Jan dann auch die deutsche Sprache gelernt."

Bald bekommt die junge Familie Nachwuchs. Frau Mysiakowska bringt Zwillinge zur Welt, einen Jungen und ein Mädchen. "Mein Sohn war wenige Monate alt, als er sehr krank wurde. Er bekam Durchfall und starkes Fieber. Wir haben alles versucht, aber er ist trotzdem gestorben. Eine richtige ärztliche Versorgung, die ihm hätte helfen können, hatten wir damals nicht."

Monate später muss die Familie erneut umziehen. "Ein Beamter kam zu uns und sagte, wir seien der Gemeinde Zabowo zugeteilt worden. Mein Mann sollte dort auf einer Obstplantage arbeiten. Also packten wir und gingen dorthin. Später haben wir dann erreicht, dass auch meine Eltern und Geschwister nachkommen durften. Nach so langer Zeit war die Familie endlich wieder beisammen."

Den Krieg im Osten hat Hitler mittlerweile verloren. Die deutsche Front ist unter dem wütenden Ansturm der Roten Armee zusammengebrochen, Reste deutscher Einheiten sind überall auf dem Rückzug. "Die Russen jagten die flüchtenden Soldaten vor sich her. Die wir sahen, waren nicht mehr die stolzen Eroberer von 1939. Ausgemergelte Gesichter in schmutzigen, zerrissenen Uniformen. Sie waren völlig erschöpft, viele trugen nicht mal mehr ein Gewehr." Unter den Deutschen, die sich in Zabowo und in der Umgebung angesiedelt haben, bricht Panik aus. "Sie packten zusammen, was sie tragen konnten, und flohen nach Westen. Überall hörte man, dass die Russen sich an denen, die ihnen in die Hände fielen, furchtbar rächten."

Durch Zabowo peitschen Gewehrschüsse. Plötzlich steht die Rote Armee im Ort. "Vier russische Offiziere kamen in unser Haus. Auf dem großen Eichentisch im Wohnzimmer breiteten sie ihre Landkarten aus und diskutierten die ganze Nacht. Noch vor Sonnenaufgang zogen sie mit ihrer Einheit weiter." Die neuen Herren im Land sind nun die Russen. Ein Soldat quartiert sich im Haus der Familie ein. In der Nachbarschaft feiert man eine Hochzeit, und auch der Russe geht hin.

"Als er zurückkam, war er völlig betrunken. Er sah, dass ich mit meiner kleinen Tochter allein im Haus war, und da wollte er sich schon über mich hermachen. Dann aber kam mein Vater nach Hause, ging dazwischen, versuchte, ihn zurückzuhalten. Der Russe schrie vor Wut. Plötzlich zielte er mit seinem Gewehr auf meinen Vater. Ich hatte solche Angst, dass er uns alle tötet." Ein Nachbar hört den Lärm und eilt herbei. Gemeinsam mit dem Vater kann der betrunkene Russe in einem wilden Handgemenge überwältigt werden. "Mein Vater hat den Vorfall sofort dem russischen Kommandanten gemeldet. Zwei Soldaten haben den Russen dann mitgenommen. Wir haben ihn nie wieder gesehen."

Auch nach nunmehr 65 Jahren schmerzt die Erinnerung, fällt das Reden über die damaligen Ereignisse schwer. "Ich kenne nicht eine Familie, die keinen Angehörigen in diesem Krieg verloren hat. Ein Onkel meines Mannes ist auf der Straße vor seinem Haus verhaftet worden. Angeblich hatte er eine Auseinandersetzung mit Deutschen. Erst viel später haben wir erfahren, dass er im KZ Dachau gestorben ist."

Auch Pfarrer Golon hat den Krieg nicht überlebt. "Weil er als Übersetzer dabei war, als die Polizei die deutschen Bewohner von Rybitwy verhörte, haben ihn die Deutschen erschossen. Wir waren mit dem Pfarrer und seiner Familie gut befreundet. Seine Mutter hat den Tod ihres Sohnes nie verwunden." Hass auf die Deutschen empfindet Frau Mysiakowska aber nicht. "Mit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union sind wir Teil einer großen Gemeinschaft geworden. Gebe Gott, dass künftigen Generationen unser Schicksal erspart bleibt."