Arbeitsplatz Ground Zero: Die größte Mission des Brian Lyons - DER SPIEGEL
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Arbeitsplatz Ground Zero Die größte Mission des Brian Lyons

Brian Lyons arbeitet auf einer der bekanntesten Baustellen der Welt. Dort, wo einst das World Trade Center stand, ist er nun Projektmanager - doch für Lyons ist Ground Zero mehr als ein Arbeitsplatz. Nämlich das Grab seines Bruders.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Er hat es sich absichtlich so ausgesucht. Brian Lyons wollte, dass sein Arbeitsplatz nur wenige Schritte von jener Stelle entfernt ist, an der sein Bruder Mike am 11. September 2001 starb. Er sagt: "So bin ich ihm immer nahe."

Lyons muss nur von seinem Zeichentisch aufstehen, aus seinem Büro hinaus auf den Flur gehen, dann zweimal um die Ecke und durch eine Tür in einen weiten, hellen Raum, der fast die gesamte Etage einnimmt. Die gegenüber liegende Wand dieses hellen Raums ist komplett verglast, vom Boden bis zur Decke und zu beiden Seiten hin. Nähert man sich dieser Glaswand, dann öffnet sich der Blick, besser: Er stürzt - hinunter in einen gigantischen Erdschlund, in dessen Tiefe winzige Bagger und Baulaster krabbeln wie ferngesteuerte Spielzeug-Trucks.

Eine der größten Baustellen der Welt - und zugleich ein Massengrab: Ground Zero. "Hier verbringe ich jeden Tag", sagt Lyons mit Stolz in der Stimme, "von 7 Uhr früh bis 15.30 Uhr."

Brian Lyons ist ein kräftiger, knorriger Mann, wortkarg, mit polterndem Tonfall, einem leicht wirren grauen Haarschopf und wachen, wenngleich traurigen stahlblauen Augen. Seine Stirn ist zerfurcht, das übrige Gesicht seltsam faltenfrei. Die Augenbrauen stehen buschig hervor. Er ist 45 Jahre alt - er könnte ebenso gut 35 sein. Oder 55.

Der Mann für die Eingeweide

Lyons arbeitet als einer der Projektmanager für den Freedom Tower, der jetzt aus dem Erdschlund heraus langsam in den Himmel zu wachsen beginnt. Ein symbolträchtiger Mammutbau im emotionalen Herzen New Yorks, mit dem endlich die Neugeburt Lower Manhattans beginnen soll - und eigentlich die Neugeburt der ganzen Stadt. Weil aber selbst diese höchste Symbolik letztlich die Techniken den profanen Hochbaus braucht, ist Lyons hier. Er ist für "die Eingeweide" des Freedom Towers verantwortlich, so nennt er es selbst: die Aufzüge, die mechanischen Systeme, die Treppen- und Lüftungsschächte, die Rohr- und Kabelleitungen, die Installationen, die ganze Elektrik.

Bei diesem Projekt muss man Optimist sein. Bis zuletzt hatten sich alle beteiligten Parteien um den Zeitplan und die Finanzierung des Freedom Towers gezankt, um das Design, die Ausrichtung, selbst um die Höhe der Antenne. Erst im April gab es grünes Licht.

Für Lyons ist das Projekt nun nicht nur "das größte, an dem ich je gearbeitet habe" - es ist vor allem eine sehr private Mission. Sein jüngerer Bruder Michael, ein 34-jähriger Feuerwehrmann der Rescue Squad 41 aus der South Bronx, war am 11. September 2001 einer der 2595 "Toten der Türme". Deswegen hat sich Vorarbeiter Lyons überhaupt erst für den Job am Freedom Tower beworben. "Das habe ich Mike geschuldet", sagt er.

Verkokelter Kinderkaufladen des Grauens

Allzu viel hat sich in den vergangenen fünf Jahren nicht geändert am Blick in den "pit", wie sie hier die Grube nennen. Nur die östliche Hälfte des 6,5 Hektar großen, 21 Meter tiefen Lochs, an dessen Stelle einst das World Trade Center stand, ist inzwischen bis knapp unterhalb der Straße wieder weitgehend zugedeckelt. Mit Klimaanlagen, mit elektrischen Gerätschaften und Fundamenten, mit den Aluminiumaufbauten der U-Bahn-Gleise und des Path-Vorortzuges nach New Jersey, der kreischend unter dem Gelände kehrtmacht.

Im Rest von Ground Zero allerdings klafft die Lücke noch immer so brutal wie im Mai 2002, als hier die letzten der 1,8 Millionen Tonnen Trümmer weggekarrt wurden. Meterdicke Stahlkabelbündel, abstrakte Skulpturen statischer Stärke ragen aus der rohen Betongusswand des Schwemmbeckens, der sogenannten Wanne, die das Gelände vor den Fluten des Hudson Rivers schützt. Die sieben aufgerissenen Untergeschosse der einstigen World-Trade-Center-Einkaufspassagen wirken noch heute wie ein verkokelter Kinderkaufladen des Grauens.

Ein hoher Gitterzaun, an den sich Touristen krallen, schirmt das Gelände ab. "Der Wiederaufbau geht weiter", steht auf einem Transparent für die Arbeitstrupps. Auf der anderen Straßenseite haben Touristen mit schwarzem Filzstift Widmungen an einen Bauzaun gekritzelt: "God Bless America", und: "So sorry for your loss". Oder auch mal auf Deutsch: "Niemals vergessen".

Lyons' Büro liegt im vierten Stock des ersten neuen Hochhauses an Ground Zero, eines 52-stöckigen Glasturms am Nordrand, fertiggestellt im November 2005. Er trägt die Adresse 7 World Trade Center, kurz 7 WTC.

"Man kommt nie darüber hinweg"

An der Stelle des jetzigen 7 WTC stand früher, als Teil des WTC-Gebäudekomplexes, ein gleichnamiger hässlicher Wolkenkratzer, etwa halb so hoch wie die Zwillingstürme daneben. Er wurde am 11. September 2001 von deren Trümmern schwer beschädigt, brannte aus, stürzte um 17.20 Uhr als letztes Gebäude am Ground Zero ein.

Der neue Tower 7 ist schmaler, aber fünf Stockwerke höher als der alte. Er hat eine glatte Glasfassade, in der sich die Wolken spiegeln - und das Vakuum von Ground Zero. Lyons steigt in einen der 32 Schnellaufzüge. "Viele Leute hier beginnen 9/11 langsam zu vergessen", sagt er. "Ich vergesse nichts, vor allem nicht hier." Stört es ihn gar nicht, jeden Tag am Grab seines Bruders zu arbeiten? "Überhaupt nicht. Es fühlt sich gut an. Mein Bruder würde das genau so wollen."

"Man kommt nie darüber hinweg", sagt er über Mikes Tod an diesem Ort, "aber wenigstens kann ich sagen, dass ich ein schreckliches Ereignis genutzt habe und daraus jetzt etwas Positives mache. Etwas, das in die Zukunft reicht - nicht in die Vergangenheit."

Für Brian Lyons ist dieses Gelände ist nicht nur Ground Zero, wo sein Bruder starb. Viele Geschichten verbinden die Familie Lyons mit dem Ort - gute und schlechte. Hier haben er und seine Frau 1989 ihre Verlobung gefeiert: im "Windows of the World", dem Restaurant ganz oben auf der Spitze des Trade Centers.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie Brian Lyons nach dem 11. September drei Wochen lang in den Trümmern seinen Bruder suchte - und dann beschloss, an Ground Zero zu bleiben.

Am 11. September 2001 arbeitete Brian Lyons bei einer Baufirma in Midtown. Als er hörte, was passiert war, raste er sofort zu Mikes Feuerwache in der Bronx - und von dort gleich weiter nach Ground Zero, um seinen Bruder zu suchen.

Mike sah Brian sehr ähnlich, nur jünger, und er hatte dunkles, lockiges Haar. Er war ein Bilderbuch-Feuerwehrmann, mit forschem Blick und festem Kinn. Seit sieben Jahren war er beim Fire Department, er galt als Spaßmacher. In der Freizeit ging er gerne golfen oder angeln. "Ich höre sein ansteckendes Lachen heute noch", schreibt auf Mikes Memorial-Webseite sein Schulfreund Paul Lavelle - der bei den Terroranschlägen außerdem seinen eigenen Bruder Denis verlor.

Drei Wochen lang suchte Brian Lyons nach dem 11. September 2001 im qualmenden Trümmergebirge von Ground Zero seinen Bruder. "21 Tage, ohne nach Hause zu gehen", sagt er monoton, als habe er das schon tausendmal erzählt. Erst dann gönnte er sich eine Pause. Doch aufgeben wollte er nicht. Er kündigte seinen Job und fing bei einer Räumfirma an - damit er weiter an Ground Zero bleiben konnte.

Erst ein halbes Jahr später, am St. Patrick's Day 2002, fanden die Suchtrupps Mikes mutmaßliches Grab im Schutt. Ganz unten im "pit", an der Stelle, über der die Lobby des Südturms war. Weil das Feuer in den Trümmern dort am heißesten und längsten gebrannt hatte, war nur von metallischen Gegenständen etwas Greifbares geblieben: Ausrüstung und Werkzeuge der Feuerwehrmänner, Äxte, Beile, Funkgeräte - unter anderem markiert mit dem Abzeichen des Rescue Squads 41.

Dem Schmerz durch Schuften entkommen

"Wir haben ihn nie identifizieren können", sagt Brian Lyons lakonisch. "Selbst nicht mit DNA-Analysen. Physisch war nichts übrig." Was Lyons aber zweifellos erkannte, war Mikes Axt - und ein ganz spezielles Messer, das er ihm geschenkt hatte.

Als die Bergungsarbeiten schließlich mit einer tristen Zeremonie beendet wurden, fast acht Monate nach dem 11. September, fielen viele Helfer in ein schwarzes Loch. Es war, als seien sie ihrem Schmerz die ganze Zeit durchs Schuften im Staub entkommen. Doch nun, da nichts mehr zu tun war, offenbarte sich erst das ganze Ausmaß des Grauens. Einige nahmen sich darüber das Leben; ein Sanitäter erhängte sich, ein Feuerwehrmann jagte sich eine Kugel in den Kopf. Lyons erinnert sich: "Viele sind durchgedreht. Manche haben sich geweigert, nach Hause zu gehen, und mussten abgeführt werden."

Lyons hat einen anderen Weg gefunden, an Ground Zero zu bleiben: Er bekam einen Job als Vorarbeiter bei der Wiederherstellung der Gleislinien und beim Bau der neuen Bahnstation. Im November 2003 stand Lyons im ersten Waggon des ersten Zugs, der seit 9/11 hier wieder einfuhr. Anschließend wechselte er zu Tishman Construction, der Hochbaugesellschaft für 7 WTC und den Freedom Tower.

"Ich wollte den Terroristen zeigen, dass wir uns nicht unterkriegen lassen." Er sagt, ohne Genugtuung erkennen zu lassen. Sein Gesicht bleibt ernst und emotionslos, und seine Augen blicken am Gegenüber vorbei ins Leere. "Ich werde hier jetzt das größte, höchste, beste Gebäude der Welt bauen, und das verschafft mir viel Stolz und viel Ehre."

Vierte Tafel von links, 19. Name von oben

Von 7 WTC aus kann man am Gitter entlang einmal ganz um Ground Zero wandern. Der Weg führt über die West Street durchs World Financial Center und vorbei am wiederaufgebauten Wintergarten mit seinen 16 Washingtonia-Robusta-Palmen, unter denen mittags die Sprengstoffspürhunde dösen. Man passiert stille Fensterpassagen, die einen freien Blick direkt auf den "pit" bieten, dann zurück über die Straßenbrücke und hinunter zur Liberty Street - vorbei an einer improvisierten Gedenkstätte aus Postern, Plakaten, Fotos, Stoffblumen, Schleifen und alten Stadtplänen, die sie hier an einen Bretterzaun geheftet haben. "Ich bin hier schon dreimal gewesen", steht auf einem Zettel, "doch dies ist das letzte Mal. Der Schmerz ist einfach zu groß."

Es geht vorbei am zerstörten Deutsche-Bank-Hochhaus, das gerade abgerissen wird und auf dessen Dach sie kürzlich noch menschliche Überreste entdeckt haben, zehn Knochensplitter, vermutlich von einem Brustkasten. Vorbei an der Feuerwache 10, an deren Tor eine Bronzeplakette an die sechs verlorenen Kameraden erinnert: "Alle gaben einiges, einige gaben alles."

Hinter dem Schnellimbiss "Pronto Pizza" erreicht man schließlich die Vorderfront von Ground Zero, wo die Touristen sich vor dem Zaun scharen. Hier hat die Stadtverwaltung eine Ode an New York City am Gitter befestigen lassen: "Es war von Anfang an eine Stadt, deren einzige Aufgabe es zu sein schien, die Grenzen dessen zu sprengen, was möglich ist."

Daneben hängen die großen Gedenktafeln aus Marmor mit den Namen aller Opfer des 11. Septembers. Und da findet er sich, ganz klein, auf der vierten Tafel von links, in der dritten Spalte, der 19. Name von oben: Michael J. Lyons.