Dresden, 11. Februar 1945: "Alles ist in Schicksals Hand" - DER SPIEGEL
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Dresden, 11. Februar 1945 "Alles ist in Schicksals Hand"

Die Lage in Dresden wird immer undurchsichtiger. Chronist Victor Klemperer hat die rätselhaften Neuigkeiten aufgeschrieben: Russische Fallschirmspringer sollen in der Stadt gelandet sein. Doch warum? SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Notizen des Zeitzeugen in einer Serie.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

11. Februar, Sonntagvormittag

[...] Neuestes Gerücht, darauf basierend, daß überall in den Straßen schärfste Militärkontrolle von Soldaten und SA ausgeübt wird: Es seien russische Fallschirmer in deutschen Uniformen gelandet und hielten sich versteckt. Ich glaube daran fast so wenig wie 1914 an die vergifteten Brunnen; aber bei der Masse russischer Leute, die auf deutscher Seite in deutschen Uniformen hier Dienst tun, ist ein Unterschlüpfen natürlich nicht vollkommen ausgeschlossen. Wiederum: Was könnten einzelne Fallschirmer hier ausrichten? Und, das sagt Eva, wozu die Kontrolle? Gute Pässe hätten diese Fallschirmer sicherlich. Freilich sagt Eva auch: Wozu das Schanzen? Es halte ja doch nicht auf.

Abends nach 19 Uhr

Vormittags waren Eisenmann sen. und Steinitz hier. Steinitz: Ein Individuum "zwischen Mann und Herr" habe ihm eben am Briefkasten, seinen Stern fixierend, in slawisch gebrochenem Deutsch gesagt, er solle "in den nächsten Tagen lieber zu Hause bleiben". Im Hinundherwägen kamen wir vier zu der Meinung, daß damit weniger auf ein Pogrom als auf einen Aufstand der vielen Ostarbeiter hingewiesen sein könnte, und daß dem Gerücht von den Fallschirmrussen vielleicht doch Glauben zu schenken sei. Aber alles ist rätselhaft und in Schicksals Hand. -

Eben eine Weile bei Witkowsky, dem vitalen Moriturus. Da kam Frau Spanier mit der Nachricht, sie habe am Bahnhof Flüchtlinge gesprochen, die sagten, die russischen Panzerspitzen (LTI. Neu!) stünden bei Görlitz. Und Frau Stühler bringt aus der Stadt mit: Im Osten Liegnitz, im Westen Cleve genommen. - Eisenmann sen. brachte mir bei: Ja Gewree - ich bin Jude. Er sprach von drei Gefahrenquellen; die erste: plündernde Ostarbeiter, die zweite: rückflutende deutsche Truppen, die dritte: eindringende Russen. Er vergaß dabei, was ich am meisten fürchte: die Gestapo.


SPIEGEL ONLINE veröffentlicht die Auszüge aus den Tagebüchern Victor Klemperers mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags. Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes erscheint im April im Aufbau-Verlag eine einmalige Sonderedition der Taschenbuchausgabe: Acht Bände in Kassette (1800 Seiten) zum Preis von 12 Euro.

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