Ground Zero: Das Haus im Zentrum der Katastrophe - DER SPIEGEL
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Ground Zero Das Haus im Zentrum der Katastrophe

Es sind überwiegend Künstler, die im Haus Nummer 125 an der Cedar Street in New York leben. Sie haben ihre ganz eigenen Erinnerungen an den Tag, an dem vor fünf Jahren die beiden Türme des World Trade Center einstürzten - direkt gegenüber. SPIEGEL TV hat die Bewohner besucht.
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Hamburg - Wenn der Fotograf Kyle Brooks aus dem Fenster sieht, bietet sich ihm ein atemberaubendes Panorama: links der Hudson-River, rechts das Millennium-Hilton-Hotel und geradeaus ein Stück von Manhattans Skyline. Ein Blick, der lediglich durch die Nachbarschaft zu New Yorks berühmtester Baustelle getrübt wird. Brooks wohnt im achten Stock eines klassischen Brownstone-Gebäudes in der Cedar Street 125 - unmittelbar am Ground Zero.

Vor fünf Jahren kollabierte auf der anderen Straßenseite der mehr als vierhundert Meter hohe Südturm des World Trade Center. "Es ist nicht leicht, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass vor unserer Haustür fast dreitausend Menschen gestorben sind", sagt Brooks und gießt sich ein Glas Rotwein ein.

In seinem Regal steht ein kleines Apothekerfläschchen, gefüllt mit rund 200 Gramm Feinstaub vom 11. September 2001 - eingesammelt in der eigenen Wohnung. "Es gab damals diesen Manhattan-Geruch, den Geruch der Türme. Kurioserweise ist er hier drin konserviert. Wenn ich die Flasche öffne, habe ich die Bilder sofort wieder vor Augen", erzählt Brooks.

"Es regnete brennende Papierfetzen"

Das Haus in der Cedar Street stand vor fünf Jahren direkt im Zentrum der Katastrophe. Als das erste Flugzeug um 8.45 Uhr in den Nordturm einschlug, wussten die Bewohner zunächst überhaupt nicht, was passiert war. Sie konnten die Unglücksstelle nicht sehen, der Südturm verdeckte den Blick.

"Ich hörte diesen unglaublichen Knall. Dann sah ich aus dem Fenster, und es regnete brennende Papierfetzen", erinnert sich Schmuckdesignerin Pat Moore. "Ich schaltete nach der zweiten Explosion auf Autopilot, griff mein Telefon und meine Handtasche und rannte durch das Treppenhaus hinunter auf die Straße", erinnert sich die Videokünstlerin Mary Perillo. Vor der Haustür stößt sie auf eine Frau, die den Griff ihres Kinderwagens fest umklammert hält und mit Tränen in den Augen auf die brennenden Türme starrt. "Ich ging auf sie zu, berührte sie und sagte: 'Lady, sie müssen hier sofort weg, es ist zu gefährlich.' Erst neun oder zehn Stunden später dämmerte es mir, dass irgendwo da oben ihr Ehemann gewesen sein muss."

Um 10.05 Uhr sackt der Südturm in sich zusammen, 23 Minuten später stürzt auch der Nordturm ein. Trümmerteile durchschlagen die Fassade des Hauses in der Cedar Street, sämtliche Fenster zerbersten durch die Druckwelle, die Tornadostärke erreicht. Wohnungen und Treppenhaus füllen sich bis in die oberen Stockwerke mit dichtem Staub. Aber das Haus, Baujahr 1897, bleibt stehen.

Fast alle Mieter sind rechtzeitig geflohen, lediglich der Maler Michael Mulhern harrt in seinem Atelier in der neunten Etage aus. Er will seine Gemälde nicht zurücklassen und kauert sich, ausgerüstet mit einer Atemmaske aus dem Künstlerbedarf, hinter einer dick gemauerten Wand seiner Wohnung auf den Boden. Mulhern überlebt das Inferno unverletzt.

Wohnungen, vor Staub so weiß wie Winterlandschaften

Drei Tage später dürfen die übrigen Mieter in Begleitung von Sicherheitskräften für zehn Minuten zurück in ihre Lofts. Es herrscht striktes Fotografier- und Filmverbot. Der Künstler Andy Jurinko schmuggelt trotzdem eine Videokamera mit in seine Wohnung. Er filmt sein völlig verwüstetes Loft, durch den zentimeterdicken grau-weißen Staub gleicht es einer zerklüfteten Winterlandschaft. Erst später stellt sich heraus, wie gefährlich die Substanz wirklich ist, Jurinko muss seine Gemälde entgiften lassen.

Auch heute, fünf Jahre danach, graut ihm vor dem Gedanken, das Geschehene in einem Bild festzuhalten. Stattdessen ist er dazu übergegangen, Unterwäsche-Models zu porträtieren. "Vielleicht ist das egoistisch, aber ich versuche damit, dem Schrecken zu entkommen, der seitdem auf uns lastet. Am leichtesten gelingt mir das mit schönen Frauen."

Neun Stockwerke über Jurinko schaut Mark Scherzer von seiner Dachterrasse auf die gigantische Baustelle am Groud Zero. Der Rechtsanwalt hat kurz nach der Katastrophe auf seinem Penthouse neben Trümmerteilen eine große Menge Schuhe gefunden. Er bewahrt sie in drei Papiertüten auf. "Viele Leute haben damals von Schuhen gesprochen, die überall herumlagen. Die meisten, die ich hier gefunden habe, sind Einzelstücke. Es ist nur ein Paar dabei", erzählt er.

Eine Trutzburg gegen den Terror

Direkt vor den Fenstern von Cedar Street 125 soll schon bald der "Freedom Tower" stehen. Die Höhe von 1776 Fuß (541 Meter) soll an das Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4.07.1776 erinnern. Der Monumentalklotz soll nach dem Willen der Verantwortlichen das Symbol schlechthin für die USA und amerikanische Werte werden - eine Trutzburg gegen den Terror.

Ein Vorhaben, das Kyle Brooks und die anderen Anwohner zynisch stimmt. Sie hätten sich eine schlichte Gedenkstätte inmitten eines Parks gewünscht. "Dem Freedom-Tower können sie auch gleich eine Zielscheibe auf die Fassade pinseln", sagt Brooks.

Dirk Schulze


Mehr zu diesem Thema bei SPIEGEL TV Magazin am Sonntag, 10. September, um 22.45 Uhr auf RTL.