Kriegsende 1945 - Heute vor 60 Jahren: "Der Russe schien gar nicht begeistert" - DER SPIEGEL
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Kriegsende 1945 - Heute vor 60 Jahren "Der Russe schien gar nicht begeistert"

Am 25. April 1945 stoßen bei Torgau an der Elbe Amerikaner und Russen aufeinander. Gleichzeitig gelingt es der Roten Armee, Berlin vollständig einzukesseln. Doch obwohl das Kriegsende fast mit den Händen zu greifen ist, beginnt in der Reichshauptstadt ein erbarmungsloser Häuserkampf.
Von Roman Heflik
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aus dem Führerhauptquartier, Montag, 25. April 1945. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

+++In der Schlacht um Berlin wird um jeden Fußbreit Boden gerungen. Im Süden drangen die Sowjets bis in die Linie Neubabelsberg-Zehlendorf-Neukölln vor. Im östlichen und nördlichen Stadtgebiet dauern die Kämpfe an. Westlich der Stadt erreichten sowjetische Panzerspitzen den Raum von Nauen und Ketzin. Bei Oranienburg wurde das Nordufer des Stettiner Kanals gegen heftige Angriffe gehalten. Wiederholte Angriffe auf Eberswalde führten zu Einbrüchen in südlichen Stadtteilen.+++

(Quelle: Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Bd. VIII), 1944-1945, Bernard & Graefe Verlag, Bonn)


Zehn Meter unter der Erde hört Adolf Hitler an diesem Tag in seinem Führerbunker unter der Reichskanzlei die dumpfen Einschläge der russischen Artillerie, die aus Tausenden Rohren in die zerstörte Stadt hineinfeuert. Der meterdicke Stahlbeton dröhnt dumpf, wenn Granaten in der Nähe einschlagen.

Der "Führer" ist in der Falle, umzingelt von den so verachteten Bolschewisten. Mit schweren Schritten schleppt er sich durch die Gänge seines Hauptquartiers. Dieser Bunker soll sein Grab werden. Nur eine winzige Chance sieht der Diktator noch: Die Armeen der Generale Wenck und Steiner sollen von außen den russischen Belagerungsring sprengen.

Die Nachricht verbreitet sich im Bunker: "Wenck wird uns befreien." Doch je später es wird, desto klarer wird: Der hoffnungslose Angriff gegen die russische Übermacht ist stecken geblieben. Um halb drei am Nachmittag ereilt eine weitere Hiobsbotschaft Hitler: Russen und Amerikaner sind bei Torgau an der Elbe aufeinander getroffen. Der US-Lieutenant Albert L. Kotzebue ist einer der Amerikaner dieses historischen Aufeinandertreffens. Er berichtet:

"Am nächsten Morgen fuhr ich mit fünf Jeeps ostwärts; zwei Jeeps ließ ich zum Aufrechterhalten des Funkkontakts mit dem Regiment zurück. Als ich Kühren an diesem kalten Aprilmorgen verließ, hatte ich keinen Befehl, mich weiter nach Osten zu bewegen. Ich legte meine Anweisung, "mit den Russen Kontakt aufzunehmen", sehr weitherzig aus. Da es zwischen Mulde und Elbe wirklich keinen Widerstand mehr zu geben schien und die Gerüchte davon sprachen, daß die Russen ganz in der Nähe seien, hielt ich es für naheliegend, die Patrouille weiterzuführen und zu versuchen, einen Kontakt herzustellen. Außerdem hegte ich ein besonderes persönliches Interesse am russischen Volk. Einer meiner Vorfahren, der Dramatiker August von Kotzebue, war ein Günstling am Hof der russischen Zarin Katharina der Großen gewesen [...].

Wir passierten Lampertswalde, bewegten uns auf verschiedenen Landstraßen voran und erreichten den kleinen Ort Leckwitz. Auf der Hauptstraße sah ich einige hundert Yards entfernt einen einzelnen Reiter. Er verschwand in einem Hof. Er nahm sich seltsam fehl am Platz aus. Was hatte es mit ihm auf sich? Wir rissen die Jeeps herum und stoppten vor dem Eingang zu diesem Hof. Dort, inmitten einer zerlumpten Schar verschleppter Menschen, saß ein russischer Soldat auf einem Pferd. Es war jetzt 11.30 Uhr. Das war der erste Kontakt zwischen Angehörigen der Armeen der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Der Soldat war ein Kavallerist. Er blieb ruhig und zurückhaltend und schien gar nicht begeistert."

(Quelle: Walter Kempowski: Das Echolot. Abgesang '45, Albrecht Knaus Verlag, München, 2005)

Für die Amerikaner ist der Krieg nun weitgehend vorbei, nur noch vereinzelt leisten die Deutschen Widerstand gegen den "Ami". Aus Angst und von der Propaganda aufgestachelt kämpft die Wehrmacht aber gegen die Russen erbittert weiter. Ohne Rücksicht auf Verluste treiben Stalin und seine Militärs ihre Soldaten weiter: Berlin soll so schnell wie möglich eingenommen werden. Wie blutig die Kämpfe noch werden sollen, ahnt Nataija Krischanowskaja nicht, als sie an ihren Mann an die Front schreibt:

"Lieber Witussik! Heute ist ein ganz besonderer Tag: im Radio haben wir gehört, daß unsere Truppen von Osten und von Süden her nach Berlin eingedrungen sind. Diese freudige Nachricht hat bei uns eine solche Aufregung verursacht, daß ich es gar nicht beschreiben kann! Stolz, Begeisterung, Vorfreude auf das Wiedersehen - das sind die Gefühle, von denen wir alle erfaßt wurden ... Berlin - das heißt: die Höhle des faschistischen Untiers - steht kurz vor der völligen Vernichtung!
Mein lieber Witussik, ich bin mir sicher, dass diese Postkarte Dich erst nach Kriegsende erreichen wird, nach der vollkommenen Kapitulation des faschistischen Untiers Deutschland, und daß dies in den nächsten Tagen geschehen wird, ist meine feste Überzeugung! Bis zum baldigen Wiedersehen, mein Liebster!!! Wir küssen Dich ganz, ganz herzlich, Deine Natalka, die Mamas und die Kinder.
Ich warte auf Briefe von Dir.
N."

(Quelle: Walter Kempowski: Das Echolot)

Der Rotarmist Boris Bajanow schildert in einem Brief an seine Frau die Eindrücke aus der Umgebung Berlins, in der vor wenigen Tagen noch heftige Kämpfe tobten, und in der jetzt schon Frieden herrscht, während wenige Kilometer entfernt das Morden und Schlachten weiter geht:

"Meine liebe Asko! Ich bin durch das Umland von Berlin gefahren, überall sieht man die Folgen heißer Kämpfe, Schützengräben, Panzergräben, ausgebrannte Panzer, Waffen, die von den Deutschen zurückgelassen wurden. Die Gegend ist schön, es gibt Kiefernwälder, viele Seen und in deren Nähe Ortschaften mit Wochenendhäusern. Die Natur ist immer die Natur. Aber trotz der Freude des Sieges bleibt einem doch die ganze Zeit spürbar und bewusst, dass man auf fremder Erde ist, und mit Innigkeit denkt man an unsere Gegend um Moskau, die uns lieb und teuer ist. Ich sende Dir, Liebe, einen Gruß aus dem Umland von Berlin.
Gruß an die Töchterchen
Ich küsse Dich
Dein Boris

(Quelle: Walter Kempowski: Das Echolot)

In zwei Wochen wird der Krieg zu Ende sein. Für die Soldaten und Zivilisten in der umzingelten Stadt werden es die furchtbarsten Wochen des Kriegs werden.

SPIEGEL ONLINE veröffentlicht die Auszüge mit freundlicher Genehmigung des Bernard & Graefe Verlags, des Albrecht Knaus Verlags und Walter Kempowskis.

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