Terror Deutschland im Fadenkreuz
Berlin - "Ansteckungsgefährliche Stoffe" steht auf dem 17-Zoll-Monitor - ein Gag mit ernstem Hintergrund. Denn hier ist der Arbeitsplatz von Markus Kaiser, Mitarbeiter der "Kompetenzgruppe Islamismus" beim Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, und obwohl Islamismus nicht im medizinischen Sinne ansteckend ist, im ideologischen Sinne ist er es allemal.
Früher hat Kaiser sich mit Rechtsextremisten beschäftigt, heute behält er gemeinsam mit dem Islamwissenschaftler Benno Köpfer islamistische Websites im Auge und prüft Querverbindungen nach Baden-Württemberg. Die gibt es durchaus: Immer wieder orten die Verfassungsschützer im Ländle beheimatete Hass-Websites. "Das größte Gift", sagt Köpfer, "ist die Verbreitung der Qaida-Ideologie."
Auch Herbert Landolin Müller, Chef der Kompetenzgruppe, verhehlt die Gefahr nicht. "Ich glaube, es wird kommen. Aber wir wissen noch nicht, wo oder wann", lautet seine Antwort auf die Frage, ob man in Deutschland mit einem islamistischen Terroranschlag in den nächsten Jahren rechnen muss.
Bis heute ist es islamistischen Terroristen noch nicht gelungen, in Deutschland zuzuschlagen. Aber das muss nach einhelliger Expertenmeinung nichts besagen. Vor allem nicht, da es bereits drei Versuche gegeben hat:
- 2002 wollte eine an Abu Mussab al-Sarkawi angegliederte Terrorzelle Anschläge gegen jüdische und vermeintlich jüdische Einrichtungen in Berlin und im Ruhrgebiet verüben.
- 2003 soll der Tunesier Ihsan Garnaoui geplant haben, inmitten einer Demonstration in Berlin einen Anschlag auszuführen.
- Ende 2004 hoben die Sicherheitsbehörden eine Gruppe kurdischer Iraker aus, die zu "Ansar-e Islam" gehörten und offenbar vorhatten, den damaligen irakischen Interimspremier Ijad Alawi während eines Staatsbesuches in Berlin zu ermorden.
Seit Ende letzter Woche ist diese Liste noch länger. Denn in zwei Regionalzügen auf dem Weg nach Koblenz und nach Dortmund sollten Sprengsätze ein Blutbad anrichten. Einer der Bombenleger, ein Libanese, wurde am Wochenende festgenommen. Seitdem muss man auch hier von einem islamistischen Terrorkomplott ausgehen.
Anschläge auf deutschem Boden sind also ein realistisches Szenario. Doch wer organisiert sie? Wer heckt die Pläne aus? Etwa 200 "Top-Gefährder", die hier leben, haben die Behörden im Laufe der letzten fünf Jahre identifiziert. Unter diese Rubrik fassen sie alle Islamisten, denen sie die Planung oder Durchführung von Terroranschlägen aufgrund ihrer Vorgeschichte zutrauen.
Nicht sehr weit oben auf der Qaida-Liste
"Abstrakt hoch" - das ist deshalb die Phrase, mit der seit dem 11. September 2001 die Behörden zunächst unter SPD-Innenminister Otto Schily und nun unter Wolfgang Schäuble (CDU) die Gefahrenlage in Deutschland charakterisieren. Seit sich in London im Juli 2005 drei pakistanischstämmige Briten und ein zum Islam konvertierter Jamaikaner in die Luft sprengten, ist darüber hinaus klar, dass neben den "Gefährdern" nun auch eine neue Attentäter-Generation vor der Tür steht. Die im August verhinderte Flugzeugattacke von London und der aktuell fehlgeschlagene Anschlag verstärken diesen Eindruck noch.
Aber wieso befindet sich Deutschland überhaupt im Fadenkreuz des internationalen Dschihadismus? Die beiden bisherigen Großanschläge al-Qaidas in Europa waren doch der Tatsache geschuldet, dass die Regierungen Spaniens und Großbritanniens am Irak-Krieg teilgenommen haben - im Gegensatz zu Deutschland. Und auch die verhinderten Anschläge hier hatten ja zunächst nicht die Bundesrepublik zum Ziel, sondern im ersten Fall einen irakischen Politiker, im zweiten Fall deutsche Juden, die von Islamisten wegen ihrer Religionszugehörigkeit, nicht wegen ihrer Staatsangehörigkeit angegriffen werden.
Tatsächlich steht die Bundesrepublik nicht besonders weit oben auf der Zielliste von al-Qaida & Co. Über Deutschland hat sich Osama Bin Laden zum Beisiel bisher zweimal geäußert; damit nimmt Deutschland einen Platz im unteren Mittelfeld ein. Um Vergleichswerte zu liefern: Marokko, Großbritannien, Jordanien, Pakistan, Australien und die Philippinen wurden je zwischen vier- und siebenmal von Bin Laden genannt, Schweden und Nigeria je einmal.
Aber eine Gefährdung kann man auf dieser Grundlage auf keinen Fall ausschließen. "Was spielt denn dieser Krieg für Deutschland für eine Rolle, wenn nicht als Krieg des Unglaubens und als Kreuzzug", fragte der Qaida-Gründer im Oktober 2001 - und reihte Deutschland damit in die "Achse der Ungläubigen" ein. Fast genau ein Jahr später fügte er hinzu: "Was treibt denn diese Regierungen, sich am Krieg gegen uns zu beteiligen? Am wichtigsten ist es, Großbritannien, Frankreich und Italien zu nennen - aber auch Deutschland und Australien."
Der Krieg, den Bin Laden ansprach, war der US-geführte Feldzug gegen Afghanistan, der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eingeleitet worden war. Anders als im Fall des 2003 gestarteten Einmarsches in den Irak war die Bundesrepublik beteiligt. Deshalb sind Deutschland und seine Bürger seither bereits potentielle Terrorziele.
Im Mai 2004 wurde der Beleg dafür geliefert, dass dies auch nach Beginn des Irak-Kriegs noch gilt: Mitten in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad erschossen drei Terroristen den Deutschen Hermann D. "Die Mudschahidin in Riad haben einen westlichen Ungläubigen getötet, der deutscher Staatsangehöriger war", schrieb die saudische Qaida-Filiale später in ihrem Bekennerschreiben. Zur Begründung führten sie an, es gelte "sich zu erinnern, dass Deutschland eines der zentralen Länder der internationalen Allianz gegen den Islam ist".
Solche Textstellen reichen jedem militanten Islamisten aus, der eine Legitimation für einen Anschlag in Deutschland oder gegen deutsche Ziele sucht. Deutschland war also zu keinem Zeitpunkt vor Anschlägen gefeit, nur weil keine deutschen Panzer in Bagdad stehen. Radikale Islamisten finden, dass die Bundesrepublik sehr wohl verstrickt ist, unter anderem, weil Berlin diplomatische Beziehungen zur neuen irakischen Regierung unterhält und ihr bei der Ausbildung von Sicherheitskräften hilft. Al-Qaida & Co. setzen das mit einer direkten Unterstützung der USA gleich.
Deutschland als Feindstaat
Susanne Osthoff war die erste Deutsche im Irak, die die Reaktion auf die deutsche Politik am eigenen Leib zu spüren bekam. Im November 2005 wurde sie im Norden des Landes entführt. Vielleicht waren die Kidnapper nicht mehr als eine Bande Krimineller. In dem Videoband jedoch, das sie von der Geisel veröffentlichten, verlangten sie, dass die Bundesregierung jegliche Kooperation mit der irakischen Regierung einstelle. Auch die Entführer der sächsischen Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitzschke forderten zwei Monate darauf ein Ende der deutschen Unterstützung für den Irak.
Einen Ruf als Friedensmacht genießt die Bundesrepublik in islamistischen Kreisen also nicht. Die Tatsache, dass in der BND-Affäre herauskam, dass der deutsche Auslandsnachrichtendienst im Irak den USA während des Krieges Informationen lieferte, verstärkte diesen fatalen Eindruck noch - genau so wie die das zögerliche Verhalten der deutschen Regierung angesichts der Entführung des deutschen Staatsbürgers Khaled el-Masri durch die CIA. In islamistischen Diskussionsforen im Internet wird Deutschland deswegen auch als Feindstaat angesehen.
Außerdem wird Deutschland wegen seiner besonderen Beziehung zu Israel häufig als einseitig israelfreundlich wahrgenommen. Gerade im Zusammenhang mit der aktuellen Krise im Libanon könnte ein solches Gefühl vielleicht auch einen hier lebenden Libanesen zu einer gegen Deutsche gerichteten Tat inspirieren. Gerüchten zufolge wurde ein Bruder des in Kiel verhafteten Bombenlegers vor wenigen Wochen im Libanon durch israelische Truppen getötet.
Das verhinderte Schreckensszenario von NRW hätte bedeutet, dass nach den Niederlanden, Spanien und Großbritannien auch Deutschland von Attentätern der "dritten Generation" heimgesucht worden wäre - Attentäter, die augenscheinlich ohne feste Anbindung an ein Netzwerk wie al-Qaida mehr oder weniger auf eigene Initiative aktiv werden und sich auf dem Weg zu ihrer Tat in atemberaubend kurzer Zeit radikalisieren.
Mord an Chefredakteur um ein Haar verhindert
So wie Muhammad Bouyeri, 1978 geboren, der Mörder von Theo Van Gogh, der innerhalb von Monaten abrutschte, sich immer feindseliger gegenüber seinem vermeintlichen Heimatland, den Niederlanden, verhielt und schließlich zum Mörder wurde. Einen ähnlichen Weg von scheinbarer Integration zu offenem Hass legten die vier Londoner Attentäter zurück, bevor sie im Juli 2005 52 Menschen ermordeten.
Anlässe für Ad-hoc-Anschläge des neuen Typs, der komplexe Operationen nach dem Muster des 11. September abgelöst zu haben schient, finden sich immer wieder. Ein Beispiel war der "Karikaturen-Streit", der die Welt Anfang 2006 in Atem hielt. Al-Qaida versuchte ausdrücklich, daraus Kapital zu schlagen. Der erste Versuch stammte von der Nummer zwei, Eiman al-Sawahiri. Osama Bin Laden erklärte im April 2006 ebenfalls, die Zeichnungen seien ein Angriff auf den Islam. Fast gleichzeitig widmete außerdem das irakische "Ansar"-Netzwerk eine Sonderausgabe seines Onlinemagazins diesem Thema - und zählte die Namen europäischer Zeitungen und Magazine auf, die die Zeichnungen nachgedruckt hatten. Darunter waren auch die "taz", die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Welt".
Wie leicht solche Saat aufgehen kann, zeigte sich im Mai 2006, als bekannt wurde, dass bereits im März ein in Mönchengladbach lebender pakistanischer Student versucht hatte, in das Springer-Hochhaus in Berlin einzudringen, um den damaligen "Welt"-Chefredakteur Roger Köppel anzugreifen - wegen des Abdrucks der Karikaturen. Um ein Haar wurde damals ein Mord just nach dem Muster von Amsterdam verhindert.
Bislang ist Deutschland verschont geblieben. "Wir haben ein gesundes Selbstbewusstsein", sagt Verfassungsschützer Müller. "Aber wir sind die Ersten, die in der Kritik stehen, wenn hier etwas passiert." Und das wiederum lässt an das berühmte Zitat eines IRA-Terroristen denken, der gesagt haben soll: "Damit ihr Erfolg habt, müsst ihr jeden Anschlag verhindern. Damit wir Erfolg haben, muss nur einer gelingen." So knapp wie in der vergangenen Woche war es noch nie.