Zeitgeschichte Eisenhowers Hiobsbotschaft
Für den Fall, dass die Invasion scheitern sollte, hatte Eisenhower vorgesorgt: Auf einem Zettel hatte er bereits mit Bleistift aufgeschrieben, wie er der freien Welt die Niederlage gegen Hitlers Wehrmacht beibringen wollte:
"Mit unseren Landungen im Gebiet von Cherbourg-Havre haben wir es nicht geschafft, einen ausreichenden Brückenkopf zu bilden, und ich habe die Truppen zurückgezogen. Meine Entscheidung, zu dieser Zeit und an diesem Ort anzugreifen, basierte auf den besten Informationen, die verfügbar waren. Die Truppen, die Luftwaffe und die Navy taten alles, was an Tapferkeit und Pflichthingabe von ihnen verlangt werden konnte. Falls dem Versuch irgendein Tadel oder Fehler anhaftet, ist dies allein meine Schuld."
Beim Schreiben dieser Hiobsbotschaft war dem sonst so akribisch planenden Eisenhower, von seinen Untergebenen "Ike" genannt, ein Fehler unterlaufen: Datiert hatte er den Brief auf den 5. Juli. Dabei fand die Invasion bereits einen Monat früher statt. Tatsächlich war die Landung wegen des rauen Wetters vom 5. auf den 6. Juni verlegt worden. "Möglicherweise könnte dieser Fehler ein Zeichen sein, unter welchem Stress Eisenhower damals stand", vermutet James Leyerzapf, Archivar an der "Dwight D. Eisenhower"-Bücherei in Abilene im US-Bundesstaat Kansas. "Eisenhower war wohl klar, dass ein Scheitern eine kolossale Niederlage dargestellt hätte, für die es - außer einer Evakuierung - wohl keine ausgearbeiteten Alternativen gab."
Der 18 mal 10 Zentimeter große Zettel wird unter den Dokumentaren und Historikern der Eisenhower-Stiftung "In Case of Failure"-Message genannt, die "Botschaft für den Fall des Scheiterns". Aufbewahrt wird der unscheinbare Zettel mit der schwer zu entziffernden Handschrift Eisenhowers in einem Schutzumschlag im Tresor des Museums.
Nur durch einen Zufall wurde die Notiz zum historischen Dokument. "Tatsächlich pflegte Eisenhower ähnliche Mitteilungen vor jeder seiner militärischen Operationen zu verfassen", berichtet Leyerzapf. Sobald die Mission abgeschlossen war, zerriss der General den entsprechenden Zettel einfach.
Doch die "In Case of Failure"-Botschaft vergaß der Feldherr in seiner Geldbörse. Erst mehr als einen Monat nach der geglückten Landung zeigte Eisenhower seinem Adjutanten, dem Captain Harry C. Butcher, das verknickte Papierstück. "Ich sagte ihm, dass ich es gerne hätte", berichtete Butcher später. "Ike" zögerte, dann gab er seinem Offizier den Zettel. Butcher veröffentlichte die Botschaft später in seinem Buch "My Three Years With Eisenhower".
Geschrieben hatte Eisenhower die Nachricht in seinem Feldlager in der Nähe von Portsmouth in Südengland. Von dort hatte er auch am Tag der Invasion seinen Tagesbefehl an die Truppen herausgegeben, die den Kanal in Richtung Frankreich überqueren sollten. Nach seinen zagenden Zeilen vom Vortag schlug der Fünf-Sterne-General jedoch am 6. Juni einen ganz anderen, wesentlich markigeren Ton an:
"Soldaten, Seeleute, Luftwaffensoldaten,
Ihr steht kurz davor, euch auf den Großen Kreuzzug einzuschiffen, auf den wir so viele Monate hingeeifert haben. Die Augen der Welt sind auf euch gerichtet. Die Hoffnungen und Gebete der freiheitsliebenden Völker überall marschieren mit euch. Zusammen mit unseren tapferen Alliierten und Waffenbrüdern an anderen Fronten werdet ihr die Zerstörung der deutschen Kriegsmaschine, die Beseitigung der Nazi-Tyrannei über Europas Völker und Sicherheit für uns selbst in einer freien Welt bringen.
Eure Aufgabe wird keine einfache sein. Euer Feind ist gut ausgebildet, gut ausgerüstet und kampferprobt. Er wird wild kämpfen.
Aber dies ist das Jahr 1944! Seit den Nazi-Triumphen 1940-41 ist viel passiert. Die vereinigten Nationen haben den Deutschen große Niederlagen beigebracht, in offener Schlacht, Mann gegen Mann. Unsere Luftoffensive hat ihre Kampfstärke in der Luft und am Boden ernsthaft reduziert. Unsere Heimatfront hat uns überwältigende Überlegenheit in Waffen und Munition beschert und uns eine große Reserve an kämpfenden Männern zur Verfügung gestellt. Die Gezeiten haben gewechselt! Die freien Menschen der Welt marschieren gemeinsam zum Sieg!
Ich habe volles Vertrauen in euren Mut, euer Pflichtbewusstsein und eure Kampffähigkeiten. Wir werden nichts akzeptieren außer einem vollständigen Sieg!
Viel Glück! Und lasst uns alle den Segen des allmächtigen Gottes erflehen für dieses großartige und edle Vorhaben."