Zentralchina: Deutsche in Erdbebengebiet verschollen - DER SPIEGEL
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Zentralchina Deutsche in Erdbebengebiet verschollen

In Chinas Erdbebengebiet ist das Schicksal von Zehntausenden ungewiss - und unter den Vermissten sind auch mehrere Deutsche, wie erst jetzt bekannt wird. Ein heftiges Nachbeben erschwert die Suche nach Überlebenden. Längst geräumte Straßen wurden wieder verschüttet.
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Berlin/Peking - Nach dem schweren Erdbeben in China werden in der Katastrophenregion noch einige Deutsche vermisst. "Einigen wenigen Vermisstenmeldungen gehen die Botschaft in Peking und das Generalkonsulat in Chengdu in Zusammenarbeit mit den chinesischen Behörden mit Hochdruck nach", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Freitag. Bisher war bekannt, dass ein deutscher Staatsangehöriger bei dem Erdbeben verletzt worden war.

Im Katastrophengebiet im zentralchinesischen Sichuan bebt immer wieder die Erde. Das bislang stärkste Nachbeben in der zentralchinesischen Provinz soll nach Angaben amerikanischer Geologen eine Stärke von 5,5 gehabt haben.

Die neuen Erschütterungen versetzten die Menschen in Panik - Erdrutsche wurden ausgelöst, Straßen, die nach dem großen Beben vom vergangenen Montag endlich geräumt waren, sind nun wieder verschüttet, Telefonlinien wurden erneut unterbrochen, Fahrzeuge wurden unter Geröllmassen begraben.

Ob bei dem neuen Beben Menschen zu Schaden kamen, ist bislang nicht bekannt. Die bestätigte Zahl der Todesopfer des ersten Bebens wurde inzwischen mit mehr als 22.000 angegeben, doch galten mindestens 14.000 Menschen noch als verschüttet, so dass letztlich mit etwa 50.000 Toten gerechnet wurde.

Mehr als 4,8 Millionen Menschen verloren ihr Zuhause

Fast unvorstellbar ist die Zahl der Obdachlosen: Mehr als 4,8 Millionen Menschen hätten ihr Zuhause verloren, sagte am Freitag der Vizegouverneur von Sichuan, Li Chengyun, vor Journalisten. 4.807.200 Menschen seien gezwungen gewesen, in "Behelfsunterkünfte" zu ziehen.

Zuvor hatte Li erklärt, in der Provinz seien mehr als 21.500 Menschen ums Leben gekommen. 14.000 weitere seien noch verschüttet, 159.000 verletzt.

Sichuan ist am schwersten von der Katastrophe betroffen, bei der nach Schätzungen der Regierung in Peking mehr als 50.000 Menschen ums Leben kamen. Chinas Regierungschef Wen hat das verheerende Erdbeben als das "zerstörerischste" seit Gründung der Volksrepublik im Jahre 1949 bezeichnet.

Sieben Stockwerke hoch türmt sich der Schutt in Beichuan

Nach Beichuan, einer der entlegensten Bergregionen des Landes, sollen nun erstmals Hilfstruppen der Armee vorgedrungen sein: Auch dort bot sich ihnen Bilder der totalen Zerstörung.

In Beichuan-Stadt türmt sich der Schutt sieben Stockwerke hoch, Rauch steigt aus den Trümmern auf, Menschen irren durch diese Mondlandschaft und rufen verzweifelt die Namen ihrer Angehörigen.

Auch in Beichuan passieren vier Tage nach dem Beben noch Wunder: Rettungskräfte begruben eine Frau aus einem Berg von Geröll - vier Stunden lang hatten sie zuvor nach ihr gegraben, oft mit bloßen Händen.

"Sie hatte eben Überlebenswillen", sagt Xu Tao, einer der Freiwilligen aus dem Rettungsteam. Er war früher Soldat, arbeitet nun als Büroangestellter. "Ich bin einfach völlig erledigt", sagt er, als die Frau schließlich geborgen ist.

Zehn Menschen wurden am Freitag in Beichuan noch lebend aus den Trümmern geborgen.

Wie überall im Erdbebengebiet kommt es auch in Beichuan zu Plünderungen: Überlebende brechen in verlassene Geschäfte ein oder durchkämmen fast zerstörte Häuser nach allem, was sich noch verwenden lässt.

"Von unserem Dorf ist nichts mehr übrig"

Die Region zählt drei größere Städte und 13 Dörfer - viele, die ihr Dorf nach dem Beben verließen und in die Städte flüchten wollten, mussten feststellen, dass auch diese nun zerstört sind.

Hunderte Familien kampieren an der Zufahrtsstraße nach Beichuan. "Wir haben alles verloren. Von unserem Dorf ist nichts mehr übrig, von unserem Haus auch nicht", sagt die schmächtige Pan Guihui.

Dreizehn Stunden lang sind sie aus ihrem Dorf weiter oben in den Bergen Richtung Stadt gewandert - Frau Pan, ihr Ehemann, ihr Kind, Frau Pans Vater und zwei ihrer Brüder. Alles, was sie noch besitzen, sind die Kleider, die sie tragen und ein bisschen Essen.

Während Hunderte Soldaten an ihr in Richtung der Berge vorbeimarschieren, kommen von dort weitere Flüchtlinge, die ihr weniges Hab und Gut auf dem Rücken mit sich schleppen.

"Ich habe einfach die ganze Zeit Angst", sagt Frau Pan. "Was wir jetzt machen sollen, weiß ich nicht."

Zwei Tage für die Reise ins Chaos - das letzte Stück zu Fuß

Viele Wanderarbeiter, die in den Industriegebieten des Landes ihr Geld verdienen, stammen aus der Bergregion Beichuan. Einer von ihnen ist Liu Jingyong, der in seine zerstörte Heimat zurückkam, um nach seinem Cousin zu suchen.

"Ich habe nichts von ihm gehört", sagt Liu. "Ich habe versucht, so schnell wie möglich hierher zu kommen, aber es gab keine Flüge. Also habe ich den Bus genommen."

Zwei Tage hat er für die Reise gebraucht, das letzte Stück kam er zu Fuß. "Das ist alles so schwer für mich. Ich weiß doch gar nicht, was los ist."

Chinas Staatspräsident Hu Jintao besuchte am Freitag die Stadt Mianyang, wohin sich Tausende Überlebende aus der Region geflüchtet haben - die größte Sporthalle der Stadt, in der mehr als 700 Menschen beim Erdbeben starben, ist die Anlaufstelle für Flüchtlinge. "Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind immer noch gewaltig", sagte Hu, "die Aufgabe ist beschwerlich und die Zeit drängt".

pad/jdl/AP