Zerstörungswut: Wenn Kinder gerne kaputt machen - DER SPIEGEL
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Elterncouch Vorsicht vor dem Mini-Godzilla

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Telefon: knack! Das Glas: klirr! Der Bauklotzturm des Bruders: rumms! Manche Kinder haben einfach ein Faible für Zerstörung. Eine Ode an die Vergänglichkeit der Dinge. Oder doch ein Klagelied?

Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch  im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Alles auf unserem schönen Planeten - mal abgesehen von Chuck Norris, der Mathematik und ein paar anderen Sachen - ist endlich, fragil, ja kaputtbar: Die Dinosaurier waren es, die Ehen von Lothar Matthäus sind es, der Akku meines iPads ist es definitiv und selbst die Sonette Shakespeares werden wohl irgendwann nichts weiter sein als die Ahnung längst verklungener Gedanken, denen die Größe und Kleinheit der ganzen Menschheit innewohnte.

Mir kam diese weitreichende Erkenntnis zuletzt, als ich mit meinen beiden Söhnen Frederik (knapp vier) und Oliver (anderthalb) mit Bauklötzen spielte. Frederik hat eine Vorliebe für sogenannte Kapla-Steine - die sind alle gleich groß, sind ganz aus Holz. Und sie sind viele: Wir haben Frederik die 250er-Packung geschenkt, in der Kita wird sogar mit der 1000er-Variante konstruiert.

Mitgeliefert werden Bauanleitungen für Baustein-Pyramiden, Baustein-Türme, ja sogar japanische Baustein-Pagoden. Und während Frederik die Anleitungen mit erstaunlicher Geduld und Ausdauer abarbeitet, obliegt es Oliver, die Bauwerke direkt nach der Fertigstellung wieder abzureißen.

Umarme die Nicht-Nachhaltigkeit

Wir haben ihm deshalb den liebevollen Beinamen "Godzilla" gegeben und ähnlich wie die japanische Monsterechse sorgt Oliver beim Einreißen der Klötzchentürme für die passende akustische Untermalung.

Ein Turm, der eine halbe Stunde lang Klotz um Klotz geduldig in die Höhe wuchs, nur um im Bruchteil einer Sekunde wieder zu vergehen.

Das hat so etwas Flüchtiges, ja, Kontemplatives in seiner absoluten Nicht-Nachhaltigkeit. Denn sind wir nicht alle nur Bausteine, die das Leben stapelt, um sie irgendwann einfach wieder umzustürzen? Plötzlich, ohne Ankündigung?

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Unstillbare Zerstörungs …leidenschaft

In der Zeitschrift "Nido" erfreut sich seit Jahren die Rubrik "Was mein Kind zerstört hat" großer Beliebtheit. Da finden sich: Wecker, deren Zeiger in inniger Umarmung zwar schön, aber funktionslos geworden sind. Oder ein psychedelisch-buntes Kunstwerk aus Knete und Mamas teurer Gesichtscreme. Hätte das Zeug fürs MoMA. Oder - ein Klassiker - das komplett ausgeweidete Handy, das Gero, zweieinhalb Jahre alt aus Köln, auf der Herdplatte zubereitete. Was es wohl werden sollte?

Auch Oliver zerstört mit einer geradezu unstillbaren Leidenschaft. Der Abriss der Klotz-Kunstwerke seines Bruders ist nur eine Disziplin in seinem Zehnkampf gegen Ordnung und Zusammenhalt der Dinge.

Nun überlege ich, welche Installation von Olli-Zilla ich bei der Nido einschicken könnte. Die Klassiker - bekritzelte Wände, unser kaputtes Festnetz-Telefon, ein 3D-Weihnachtskugel-Puzzle in 367 scharfkantigen Teilen - sind sicher den meisten Eltern geläufig.

Unsere Wohnzimmerlampe vielleicht, deren Glasschirm Oliver auf dem Gewissen hat und die wir nun mit nackter Glühbirne und stoischer Ergebenheit in unser Schicksal als Godzillas Erziehungsberechtigte weiterleuchten lassen?

Wahrscheinlich sollte ich Olivers Passion einfach unterstützen. Es als seine Stärke annehmen. Andere Kinder können mit drei Jahren Klavierspielen, gehen Reiten oder lernen Origami. Ich könnte mit Oliver jeden Samstag zum Wertstoffhof, Sachen zertrümmern. Später dann das Praktikum beim Abbruchunternehmen. Schließlich: Sprengmeister. Mit Diplom! Und eigener Firma. Vielleicht: Godzilla Inc. Ich hab' mir den Namen schon mal sichern lassen.

Zum Autor
Foto: Illustration: Michael Meißner

Jonas Ratz,
Vater von Frederik (vier Jahre) und Oliver (anderthalb Jahre)

Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de .

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