Ziselierte Lebensart - DER SPIEGEL
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Ziselierte Lebensart

Benimm-Bücher als Bestseller und Benimm-Kurse ausgebucht - die Amerikaner lernen gute Manieren. *
• aus DER SPIEGEL 29/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Festliches Dinner, Kerzenlicht, ein Mann erhebt sich zum Toast, dabei bemerkt er, daß sich in seinem Magen Lüfte zum Aufwind schürzen. Wie verhält er sich?

a) Verkneift er sich unter allen Umständen den Rülpser? b) Erleichert er sich leise durch gekonntes Gaumenspiel? c) Entsorgt er sich, deutlich hörbar, auf normalem Wege?

In allen Fragen des Benimms, angefangen von der rechten Art des Spargelverzehrs ("Um Gottes willen nicht schneiden") bis hin zu der des Geschlechtsverkehrs ("Beim ersten Mal über Verhütung sprechen") sind sich Mrs. Post und Mrs. Baldrige und Mrs. Martin weitgehend einig. Allein die Frage, wie dräuendem Windbruch aus dem Maule auf wohlerzogene Weise zu begegnen sei, diskutieren die drei führenden Anstands-Damen der amerikanischen Nation strittig- unter reger Anteilnahme eines nach Millionen zählenden Publikums, das nach Weisung in Sachen Etikette verlangt wie niemals zuvor.

»Die Amerikaner haben die Manieren entdeckt«, so Judith Martin, deren Etikette-Kolumne mittlerweile in über 200 Zeitungen erscheint. »Das Bemühen um geschliffenes Benehmen« sei »geradezu eine Mode geworden«, konstatierte auch ihre Kollegin Letitia ("Tish") Baldrige, deren erzieherisches Bemühen am amerikanischen Volk sogar mit einem Orden belohnt wurde.

Benimm-Bücher sind Bestseller in den USA, Benimm-Kurse ausgebucht, Benimm-Kolumnen zählen zum beliebtesten Lesefutter. Selbst Nachrichtenmagazine wie »Time« oder »Newsweek« beschäftigten sich ausführlich mit »dem neuen Interesse an Manieren« - es ist, als sei die amerikanische Nation von einem Zivilisationsschub erfaßt worden.

Inzwischen gibt es Ratgeber für nahezu jedes Lebensalter, jede Lebenslage jede Lebensfährnis. Den Verkehr zwischen den Geschlechtern beispielsweise regeln die Leitfäden »Sex Tips for Girls« ("Einschließlich wichtiger Hinweise über die Kunst, ein Diaphragma einzusetzen") und »Sex Etiquette« - worin der Leser Antwort auf zeitlose Zweifelsfragen zum Thema Triebabfuhr erhält: »Soll ich? Kann ich? Darf ich? Muß ich?«

Was die Männer im Zeitalter der Emanzipation noch und was sie nicht mehr dürfen, darüber wiederum gibt Letitia Baldrige (in ihrem »Complete Book of Etiquette") Auskunft: Mit Hinternkneifen und verwandten Formen der zwischengeschlechtlichen Kommunikation ist es endgültig vorbei; auch die Begleitung ins Hotelzimmer ist, außer im Konsensfall natürlich, fürderhin unstatthaft.

Erlaubt hingegen bleibt es, Frauen in den Mantel zu helfen, ihnen mit spanielartiger Dienstfertigkeit die Türe zu öffnen und sich bei ihrer Ankunft am Tisch zu erheben. In Restaurants zahlt heutzutage die Frau für sich - außer sie ist ihrem Gegenüber ehelich verbunden: Dann begleicht herkömmlicher Sitte folgend, der Mann auch diese Rechnung.

Die meisten ihrer Ratschläge seien »im Grunde banal«, so Judith Martin, die unter dem Pseudonym »Miss Manners« (Fräulein Benimm) jährlich rund 10000 Fragen von Lesern erhält - vornehmlich von Yuppie-Aufsteigern, deren von antiautoritärem Gedankengut und ähnlichem Spinnkram bewegte Elterngeneration es weithin verabsäumt hatte, ihren Kindern Umgangsformen beizubiegen. Als »halslose Ungeheuer« beschimpfte etwa der Schriftsteller Tennessee Williams die Produkte solcher Null-Erziehung.

Die bevölkern nun, zum Zwecke des nachträglichen Erwerbs einer ziselierten Lebensart, zu Hunderttausenden die Benimm-Kurse - wo sie etwa lernen, wie man sich bei einer mehrgängigen Mahlzeit mit den Besteckgirlanden beidseits des Tellers arrangiert.

Offenbar um ihnen solcherart Nachbringeunterricht zu ersparen, schicken die Yuppies ihre Kinder scharenweise zu Etikette-Tutorien, in denen die Kleinen schon im einschulungspflichtigen Alter unter anderem den korrekten Umgang mit Hummerzange und weiblichem Greifwerkzeug ("Beim Handkuß den Oberkörper vorbeugen") erlernen. In Ferien-Camps, deren Namen so gespreizt anmuten wie ein abstehender kleiner Finger, bekommt der Nachwuchs dann den letzten Schliff.

In der Ecole Ingenue beispielsweise gibt es, nach Morgensport ("la promenade") und Frühstück ("les delices du matin"), »etudes« in Make-up, eleganter Bewegung, Konversation und Tanz. Der Kurs kostet knapp 1500 Dollar für elf Tage, »le pique-nique« mit Gänseleberpastete und Linnentuch inklusive. Wem das zu teuer ist, der kann auf »Miss Manners Ratgeber zur Erziehung perfekter Kinder« zurückgreifen.

Pessimistische Kenner der menschlichen Natur wie der in Harvard lehrende Jura-Professor Alan Dershowitz freilich bestreiten, daß es sich bei der neuen Manierlichkeit um mehr handele als um »ein hauchdünnes Furnier": Den Benimm-Beflissenen gehe es vielmehr nur darum, »sich möglichst rücksichtslos durchzusetzen, ohne nach außen als allzu großes Schwein« zu erscheinen.

Wie dies zu bewerkstelligen sei, dafür bietet Letitia Baldriges jüngster Bestseller einschlägige Hinweise. In ihrem »Kompletten Ratgeber für Manager-Manieren« rät sie zum Beispiel: Der Chef, so er auch nur einen Funken Anstand besitzt, »erhebt sich, wenn Besucher sein Büro betreten, und begrüßt diese geziemend« - statt etwa kaugummikauend im Stuhl zu flezen wie ein gestrandetes Walroß. Er soll Mitarbeiter von »geplanten Umstrukturierungen oder Umsetzungen« frühzeitig informieren, »Kritik ertragen können« und immer dessen eingedenk sein, »daß Selbstlob stinkt«.

Vor allem aber, darauf legen Mrs. Baldrige und Mrs. Martin und Mrs. Summer gleichermaßen Wert, habe ein Mensch mit Manieren in der Lage zu sein, auch peinliche Situationen zu meistem; was allerdings die Bewältigung des eingangs angeführten Problemfalls an geht, geben die drei völlig verschiedene Ratschläge.

Mrs. Martin ist für Lösung a), »alles andere wäre ungehörig«. Mrs. Summer hingegen optiert für b) als »den elegantesten und sichersten Weg«. Mrs. Baldrige hingegen empfiehlt, shocking, shocking, Erleichterung nach Methode (c): »Es ist der natürliche Weg, überschüssige Luft loszuwerden; sie zu unterdrücken, könnte dem Körper schaden.« Sind das Manieren?

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