Zugbomber Regierung geht von Hintermännern aus
Berlin - "Mein Eindruck ist, dass da schon mehrere mitgewirkt haben im Hintergrund", sagte Innenstaatssekretär August Hanning heute im ARD-"Morgenmagazin". Seiner Ansicht nach müsse man nun prüfen, ob es Terrorstrukturen in Deutschland gebe. "Die Bedrohung ist ernster geworden. Der Terrorismus hat uns sehr unmittelbar erreicht", sagte er. Einen Zusammenhang mit al-Qaida könne er aber nicht bestätigen.
Ähnlich hatte sich gestern die Generalbundesanwältin Monika Harms geäußert, nachdem einer der mutmaßlichen Bombenleger verhaftet wurde: Die für die Kofferbomben erforderliche komplizierte logistische Vorbereitung lasse darauf schließen, dass die Täter Mitglieder einer terroristischen Vereinigung seien. Herstellung und Platzierung der Bomben seien vermutlich in Deutschland koordiniert worden.
Hanning wies ausdrücklich auf die Bedeutung der Videoüberwachung für die Aufklärung der vereitelten Straftaten hin. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte heute die Technik: "Sie hat jetzt aller Wahrscheinlichkeit dazu geführt, einen der beiden Täter zu identifizieren", sagte sie.
Aus den Ereignissen wolle man "notwendige Konsequenzen" ziehen, dazu gehöre auch die Einrichtung einer Anti-Terror-Datei, um den Datenaustausch zwischen Polizei und Geheimdiensten zu verbessern.
Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar hat sich heute Morgen gegen eine flächendeckende Ausweitung der Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen ausgesprochen. "Die Grenze ist die Totalüberwachung. So etwas darf es nicht geben", sagte Schaar im Deutschlandfunk. Auch der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, sprach sich dagegen aus, überall Kameras zu installieren. Dort aber, "wo unsere Verkehrsinfrastruktur angreifbar ist, da müssen wir mit Video-Überwachung präsent sein", sagte er dem "Flensburger Tageblatt".
Die Deutsche Bahn hat die Videoüberwachung als Reaktion auf die Bombenfunde bereits ausgeweitet, wie das Vorstandsmitglied Otto Wiesheu heute im Bayerischen Rundfunk erklärte. "Zudem wird die Bundespolizei stichprobenweise Gepäckkontrollen durchführen, und wir haben eine erhöhte Aufmerksamkeit an den Bahnhöfen und in den Zügen, speziell bei Gepäck, das niemandem zuzuordnen ist", sagte Wiesheu.
Indes sucht die Polizei nach dem zweiten Täter, der an den Bombenanschlägen auf Regionalzüge beteiligt gewesen sein soll. Es gebe allerdings keine neuen Erkenntnisse, sagte Hanning. "Wir fahnden mit Hochdruck." Gestern war wegen des fehlgeschlagenen Attentats bereits Haftbefehl gegen den 21-jährigen Libanesen Youssef Mohamad E. erlassen worden.
Dem Staatssekretär zufolge werteten Ermittler nun die Informationen und Spuren aus, die sich aufgrund der Festnahme ergeben hätten. Man hoffe, den zweiten Mann daraufhin identifizieren zu können. Die Täter hatten die Bomben am Kölner Hauptbahnhof in Regionalzügen platziert und wollten sie per Zeitzünder zeitgleich vor Erreichen der Bahnhöfe Dortmund und Koblenz zur Explosion bringen. Die Sprengsätze waren nur wegen handwerklicher Fehler nicht explodiert.
str/AP/reuters/dpa