Zugkatastrophe in Belgien "Plötzlich war da ein brutaler Schlag"
Zugkatastrophe in Belgien: "Plötzlich war da ein brutaler Schlag"
Foto: Eric Vidal/ dpaEs ist ein Bild der Verwüstung: Zwei ineinander verkeilte Züge, durch die Wucht des Aufpralls mehrere Meter angehoben, umgekippte Waggons, zerquetschtes Metall. Rettungsfahrzeuge bahnen sich den Weg durch die Menschenmenge. Hubschrauber kreisen über dem Unglücksort in Buizingen, wo sich an diesem Montag eines der schwersten Zugunglücke in der Geschichte Belgiens ereignet hat.
Nach offiziellen Angaben vom Abend kamen mindestens 18 Menschen ums Leben, bis zu 80 wurden verletzt. Noch immer würden jedoch Leichen aus dem Zug geborgen, sagte der Sprecher des Krisenzentrums, Bart Ouvry, SPIEGEL ONLINE. Die Identifikation der Opfer sei äußerst schwierig, so heftig sei der Aufprall gewesen.
Wie genau es zu dem Unglück kam, ist noch unklar. Laut dem Chef der belgischen Bahngesellschaft SNCB, Marc Descheemaecker, stießen die beiden Regionalzüge frontal zusammen. Ein dritter Zug habe es gerade noch geschafft, rechtzeitig zu halten.
Nahe Brüssel: Viele Tote beim Zusammenstoß zweier Regionalzüge
An Bord der beiden Pendlerzüge waren laut Descheemaecker zwischen 250 bis 300 Personen. Wahrscheinlich weniger als sonst, denn am Montag begannen in Belgien die Faschingsferien.
Berichte, nach denen einer der Zugführer ein rotes Sigal überfahren haben soll, wie es der Gouverneur der Provinz Flams-Brabant, Lodewijk De Witte, erklärt hatte, wollte der SNCB-Chef nicht bestätigen. "Die Unfallursache ist bislang nicht geklärt", sagte er am Montag SPIEGEL ONLINE. "Das ist jetzt Sache der Staatsanwaltschaft."
Nach Angaben des belgisches Bahnbetreibers Infrabel war die Strecke mit einem Sicherheitssystem ausgestattet, das Züge beim Überfahren eines roten Signals automatisch stoppt. Doch es seien noch nicht alle Züge damit ausgerüstet.
Angaben dazu, wie viele Menschen bei dem Unglück getötet oder verletzt wurden und ob die Fahrer sich unter den Toten befanden, machte Descheemaecker nicht. "Wir haben noch keinen Überblick", sagte er. "Aber es ist ein sehr schwerer und dunkler Tag. Wir haben Passagiere und Mitarbeiter verloren. Unsere Gedanken sind jetzt bei den Opfern und ihren Familien."
Nach dem Unglück gegen 8.30 Uhr wurden die Opfer zunächst in den wenige Minuten von der Unfallstelle entfernten Bahnhof der Stadt Halle gebracht. Von dort aus seien sie, je nach Grad der Verletzung, in die umliegenden Krankenhäuser sowie in mehrere zu Krisenzentren umgerüstete Sportzentren verlegt worden, so Descheemaecker.
"Plötzlich war da ein brutaler Schlag"
Derweil rätselten auch manche Passagiere, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Einen Bremsversuch habe er nicht bemerkt, sagt Christian Wampach SPIEGEL ONLINE. Gemeinsam mit seiner Frau war er wie jeden Morgen in den Pendlerzug in Richtung Brüssel eingestiegen: "Plötzlich war da ein brutaler Schlag. Unser Waggon wurde auf die Seite geworfen und schlidderte noch etwa 15 Sekunden weiter."
"Ich dachte, jetzt ist es aus", sagt seine Frau Patricia Lallemand, die direkt neben ihm am Fenster saß und der der Schock noch anzusehen ist. "Ich hab es gerade noch geschafft, mich am Tisch festzuhalten, sonst wäre ich mit voller Wucht auf die anderen Leute gefallen."
Doch das Ehepaar hatte Glück: "Bei uns im Abteil wurde niemand richtig schwer verletzt", sagt Wampach. "Die meisten hatten nur ein paar Blessuren, ein Mädchen hatte einen Schnitt an der Schulter."
Ein Bild des Grauens
Im Wagenabschnitt davor habe es deutlich schlimmer ausgesehen. "Ein Abteil vor uns ist völlig verschwunden", so der Geschäftsmann. Er trägt einen Verband um den Kopf und ringt um Fassung. "Wir saßen im dritten Abteil. Und als wir ausgestiegen sind, war vor uns nur noch ein Waggon. Wo der andere geblieben ist, ob er unter die anderen geraten oder entgleist ist - keine Ahnung."
Nach dem Unglück dauerte es nach Angaben des Ehepaars etwa 15 Minuten, bis Hilfe eintraf. "Es gab eine Durchsage, dass wir wegen der Hochspannungsleitungen unbedingt im Wagen bleiben sollten." Dann seien Bahnarbeiter gekommen. "Die haben dann das Fenster von außen eingeschlagen und uns rausgelassen", so Wampach.
Dort bot sich den Passagieren ein Bild des Grauens. "Menschen lagen neben den Gleisen, einige schrien vor Schmerzen", berichtet Wampach. "Einer hatte einen tiefen Schnitt im Bein. Sie haben versucht, ihn wiederzubeleben. Ich weiß nicht, ob sie es geschafft haben."
"Ich dachte zuerst an ein Erdbeben"
Wira Leire, der direkt gegenüber der Unglückstelle wohnt, wurde von dem lauten Krach des Zusammenstoßes geweckt. "Ich dachte zuerst an ein Erdbeben", sagt er SPIEGEL ONINE. "Erst als ich durchs Fenster gesehen habe, ist mir klar geworden, was überhaupt passiert ist." Viel mehr als den Ersthelfern ein paar Decken und ein paar Stühle über die Mauer an den Bahngleisen zu reichen, habe er aber nicht tun können. "Die Stelle ist zu schwer zugänglich."
Bis zum Nachmittag war der Zugverkehr in Belgien aufgrund des Unglücks massiv eingeschränkt. Zwischen der Hauptstadt Brüssel und dem Ort Halle in der Nähe des Unglücksortes verkehrten Ersatzbusse. Für Angehörige wurden mehrere Hotlines eingerichtet.