Zwei, eins, danke
Schmidt läuft vorbei an der Betonkuppel, die sich über den Atomreaktor wölbt, er trägt einen blauen Bauarbeiterhelm und einen Anzug. An seiner Brusttasche klemmt ein Plastikschildchen mit einem Bild von Schmidt und der Bildunterschrift: Schmidt, Holger Wolfgang, KWO. KWO steht für Kernkraftwerk Obrigheim, Baden-Württemberg, stillgelegt nach fast 37 Jahren Laufzeit. KWO steht auch für den Versuch, von der Atomkraft loszukommen. Holger Schmidt, 54 Jahre alt, Schnauzbartträger, ist der Kraftwerkschef. Schmidt steht für Demontage.
Es sieht nicht gut aus für die Atomindustrie im Moment. Politiker fordern, Kraftwerke abzuschalten, bevor noch mehr passiert. Die unheimlichen Wörter aus den Achtzigern ploppen von neuem hoch. Störfall, Schnellabschaltung, Endlagerfrage. Viele Deutsche haben wieder Angst vor der Atomkraft, sie suchen nach Alternativen.
Firmen wollen Solarstrom aus der afrikanischen Wüste importieren, es ist eine Vision wie geschaffen für das 21. Jahrhundert. Atomkraft ist die Idee von gestern, aus der alten BRD, als man von der sichersten Energiequelle der Welt träumte, unerschöpflich noch dazu. Holger Schmidt würde das nie so sagen, aber er demontiert diese Idee gerade in Obrigheim.
Schmidt läuft neben Michael Wenk, und Wenk sagt, Kernkraft wird es weiter geben, auch um den Klimawandel zu bremsen. Michael Wenk ist Vorsitzender der EnBW Kernkraft GmbH, Chef von drei Atomkraftwerken, er ist auch der Vorgesetzte von Holger Schmidt. Wenk sagt, es habe fast vier Jahre gedauert, bis die Genehmigung vom Landesumweltministerium kam und der Rückbau beginnen konnte. 44 Monate, korrigiert Schmidt leise durch seinen Schnauzbart. Er berichtigt seinen Chef nur ungern, er ist ein loyaler Angestellter, einerseits. Andererseits ist er Diplomingenieur für Wärmephysik. Er lässt ungefähre Zahlen nicht einfach so im Raum stehen, und deshalb unterliegt Schmidt, der Angestellte, im Ringen um die Vorherrschaft manchmal Schmidt, dem Ingenieur. Wenk sagt, in Obrigheim seien rund 200 Mitarbeiter mit dem Rückbau beschäftigt. Schmidt nuschelt: 180.
Wenk sagt, Obrigheim hätte noch viel länger Strom liefern können, die Anlage und die Maschinen waren auf dem Stand der aktuellen Technik. Alle sagen das, die Schlosser, die Ingenieure, sie hängen an ihrem Atomkraftwerk. Holger Schmidt, der Rückbauer, kann darauf keine Rücksicht nehmen, vermutlich hat ihn die Energiefirma EnBW auch deshalb vor gut einem Jahr aus dem stillgelegten Atomkraftwerk Greifswald in den Westen geholt, weil Schmidt nicht in Wasserabscheider und Turbinen verliebt ist wie die anderen in Obrigheim, die seit Jahrzehnten Knöpfe drücken und Ventile bedienen. Was unverstrahlt ist, versucht Schmidt weiterzuverkaufen, aber wenn niemand eine Niederdruckturbine haben will, sagt Schmidt: »Wir machen die Turbine jetzt kaputt.« Er hat sich überlegt, einige Turbinenschaufeln, schmale Blätter, ungefähr einen Meter lang, an Mitarbeiter zu verschenken, so nehmen sie zumindest eine Kleinigkeit von ihrem Atomkraftwerk mit in den Ruhestand.
Schmidt schiebt eine Eisentür auf, steigt in einen Fahrstuhl und steht kurz darauf in einer großen Halle. Arbeiter hämmern auf Stahlteile ein. Schmidts Leute müssen jedes Teil auf Radioaktivität prüfen, bevor es das Gelände verlässt. Als das Kraftwerk noch in Betrieb war, wurde es wiederholt wegen Störungen abgeschaltet; 1972 brach ein Entwässerungsbehälter und setzte radioaktives Wasser frei. Auch die Turbinen wurden verstrahlt. Jeder, der in das Atomkraftwerk hinein- und wieder hinauswill, muss durch ein Strahlenmessgerät gehen. Wenn alles okay ist, flötet eine Frauenstimme aus dem Computer: »Zwei, eins, danke.«
Schmidt hat gelbe und blaue Aufkleber mit der Aufschrift »Restbetrieb« und »Demontieren« auf Rohre, Pumpen und Ventilräder pappen lassen. Restbetrieb heißt, das Bauteil ist noch wichtig und darf erst mal nicht abgebaut werden; demontieren heißt abschrauben oder absägen.
Im Jahr 2000 hatte die rot-grüne Bundesregierung beschlossen, die Atomkraftwerke nacheinander abzuschalten. Der Atomausstieg war das große rot-grüne Projekt, und Obrigheim war 2005 das erste Kernkraftwerk, das wegen dieses Beschlusses abgeschaltet wurde. Schmidt sagt nicht »abgeschaltet«, er spricht von der »Einstellung des Leistungsbetriebs«. Er sagt auch nicht »Atomkraftwerk«, sondern »Anlage«. Außerdem macht es für ihn wenig Unterschied, was er auseinanderbaut, ob es das Atomkraftwerk Greifswald ist oder ein U-Boot der Nordmeerflotte - alles aus Stahl, verschraubt und verschweißt, alles zerleg- und zersägbare Anlagen, alles schon zerlegt und zersägt von Schmidt.
Von Obrigheim werden am Ende 2300 Tonnen Atomabfall bleiben, dazu kommen 342 Uran-Brennelemente, 500 Millionen Euro wird der Rückbau am Ende gekostet haben. Schmidt treibt die Lust am Unmöglichen: je unlösbarer das Problem, desto besser. Im Oktober hat er seinen Zeitplan vorgestellt: Erst werden Armaturen, Generatoren und Leitungen zerlegt, dann die kontaminierten Teile. 2012 wird der Reaktordruckbehälter abgebaut, das verstrahlteste, gefährlichste Bauteil der Anlage. Schmidt freut sich seit Oktober auf den Druckbehälter: »Ingenieurtechnisch die anspruchsvollste Aufgabe«.
Er steht vor dem Gittertor, nimmt den Bauhelm ab, greift seine schwarze Aktenmappe und stellt sich in das Strahlenmessgerät. Es ist kurz nach fünf, als Holger Schmidt seinen Leistungsbetrieb einstellt für diesen Tag. Feierabend. Der Demonteur der alten Bundesrepublik geht heim. Zwei, eins, danke. CHRISTOPH SCHEUERMANN