Zwei-Klassen-Hilfe: TV für Touristen, Lagerfeuer für Einheimische - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Zwei-Klassen-Hilfe TV für Touristen, Lagerfeuer für Einheimische

Angesichts des Ausmaßes der Flutkatastrophe in Südostasien ist es schwer, die Hilfe für die Opfer gerecht zu verteilen. Doch die Bevorzugung der Touristen scheint mancherorts übertrieben. Die Einheimischen fühlen sich ausgegrenzt und im Stich gelassen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ban Nam Khem/Thailand - Zwei-Klassen-Gesellschaft auch nach der Flut: Während ausländische Überlebende in Thailand in einer internationalen Schule untergebracht werden - ausgestattet mit Betten, Fernsehern und Internetzugang - müssen die Einheimischen im Freien schlafen. Viele von ihnen haben noch nicht einmal eine Decke. Um die Moskitos fernzuhalten, entzünden sie Feuer. "Niemand kam uns zu Hilfe, wir halfen einander gegenseitig", sagt die 65 Jahre alte Yokhin Chuaynui, deren Haus im Fischerdorf Ban Nam Khem völlig zerstört wurde.

"Im Krankenhaus wurden verletzte Thais nur behandelt, wenn sie kurz davor waren zu sterben. Ansonsten wurde zuerst den Menschen aus dem Westen geholfen", sagt sie. Der Kontrast war besonders in Thailand zu spüren, wo luxuriöse Ferienanlagen unweit von armen Fischerdörfern existierten. Doch Berichte über eine bevorzugte Behandlung von Ausländern kommen aus dem gesamten Katastrophengebiet.

Kurz nach dem Rückgang der Fluten begannen die Behörden an den palmengesäumten Stränden im Süden Thailands mit der Errichtung provisorischer Botschaften. Den Touristen wurden kostenlos Telefonverbindungen und Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt. Eine internationale Schule, die relativ unzerstört geblieben war, bot den geschockten Urlaubern Unterkunft, und ausländische Regierungen entsandten Flugzeuge, um die Überlebenden in ihre Heimat auszufliegen.

Hubschrauber zum Ausfliegen von Prominenten

Im Fischerdorf Ban Nam Khem traf dagegen nach Aussage des Bewohners Wimol Thongthae am ersten Tag keinerlei Hilfe ein. 2000 Menschen, die Hälfte der Einwohner des Dorfs, würden vermisst, darunter auch acht der 15 Mitglieder seiner Familie, sagt Wimol. "Ich lebe ohne Hoffnung und habe keinerlei Hilfe erhalten", sagt er weiter.

In Sri Lanka klagen Einheimische darüber, dass Hubschrauber zum Ausfliegen von Prominenten eingesetzt wurden, anstatt Hilfsgüter in verwüstete Gebiete zu bringen. Im Norden der indonesischen Insel Sumatra, wo sich praktisch keine Touristen aufhielten, setzte der Hilfseinsatz zwar verspätet ein, er verteilte sich aber gleichmäßig auf die völlig verwüsteten Städte und Dörfer.

In Indien stieß bei Überlebenden auf Befremden, dass gebrauchte Kleidung für sie einfach in großen Haufen am Straßenrand abgelegt wurde. In der Stadt Nagappattinam herrscht Verbitterung über die Haltung der Rettungskräfte, die als herablassend empfunden wird. "Sie bringen Essen für ein paar hundert Leute in ein Lager, wo tausende Menschen untergebracht sind", sagt die 35-jährige Lakshimi. "Sie bringen zu wenig Kleidung, zu wenig Milch, so dass Tumulte ausbrechen. Wir haben niemals jemanden um Almosen gebeten, und jetzt sind wir zu Bettlern geworden."

"Alle geben ihr Bestes"

In Ban Nam Khem spülten die Fluten Fischerboote mitten ins Dorf. Dort liegen sie noch am Freitag. Der Verwesungsgeruch der Leichen in dem Boot ist unerträglich. "Die Regierung hat sich mehr um Khao Lak und andere Touristengebiete gekümmert. Denn hier leben nur arme Leute", sagt Provinzsenator Wongphan Natakuathung. Der stellvertretende Landwirtschaftsminister Newin Chidchob, der den Rettungseinsatz in Ban Nam Khem leitet, betont dagegen, die Regierung tue ihr Möglichstes. "Wir lassen sie nicht im Stich. Alle geben ihr Bestes", sagt er am Freitag, während Einsatzkräfte das Wasser aus den Straßen pumpen. "Wenn es in den Augen der Dorfbewohner nicht schnell genug geht, liegt das am Ausmaß der Krise."

Der 52-jährige Robert Eunson aus Yorkshire in England gibt den Klagenden indirekt Recht. Grundsätzlich müsse denen am schnellsten geholfen werden, die die Hilfe am dringendsten benötigten, ohne Ansehen der Nationalität. Doch wenn die thailändischen Behörden sich besonders um die Ausländer kümmerten, täten sie das nicht zuletzt im eigenen Interesse. "Der Tourismus ist ihnen so wichtig, deshalb gibt es eine Art Hierarchie." Und darüber hinaus gehöre es zur Lebensart der Thais, Gästen zuerst zu helfen.

Die 32-jährige Jeanette Dombrowe stimmt zu. Die Deutsche, die seit Jahren auf der Insel Ko Payam lebt, sagt, die Dorfbewohner seien in der Tat Opfer zweiter Klasse. "Aber wenn wir uns nicht um die Ausländer kümmern, könnte das Land den Tourismus verlieren. Das müssen die Dorfbewohner verstehen."

Von Alisa Tang, AP