Tinder, Bumble, OkCupid und die Folgen: Was »Dr. Tinder« über Sex und Liebe weiß - DER SPIEGEL
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Zerstören Dating-Apps die Beziehungskompetenz?

Zerstören Dating-Apps die Beziehungskompetenz?

Foto: Studio Firma / Stocksy United

Dating-Apps und die Folgen Was »Dr. Tinder« über Sex und Liebe weiß

Mehr Kopf, weniger Herz: Zehntausende suchen auf dem Handy nach der Liebe. Die Folgen: schlechter Sex, Frust und das Comeback alter Stereotype. Die Sozialpsychologin Johanna Degen hat das Problem erforscht.
• aus DER SPIEGEL 7/2024

Was lassen Dating-Apps von der Liebe übrig? Zerstören sie die Idee romantischer Paarbeziehung? Oder befeuern sie sie noch? Immerhin ist die Suche nach der oder dem Richtigen mit ihnen pausenlos möglich: im Wartezimmer, an der Ampel, auf dem Klo.

DER SPIEGEL 7/2024

Lieben und lieben lassen

Sexuelle Freundschaften, offene Beziehungen und Polyamorie treten in Konkurrenz zur romantischen Paarbeziehung. Das Freiheitsversprechen ist groß, die Verunsicherung auch: Lässt sich die Liebe neu erfinden, ohne sie zu zerstören? Was wird aus Werten wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit?

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Bis vor drei Jahren habe sie Dating-Apps primär positiv bewertet, sagt die Sozialpsychologin Johanna Degen, 37. Sie habe die Apps für eine »fröhliche Sphäre« gehalten, durchaus funktional auch. »Aber dann ist mein Narrativ gekippt.«

Heute sieht Degen vor allem Anzeichen für eine »digitale Vereinsamung«, auch für schwindende Beziehungskompetenz durch die Apps. Die Scheu vor Kontroversen und Ambivalenzen wachse, kommentarlose Kontaktabbrüche normalisierten sich. Und das nicht nur online, sondern auch im sogenannten realen Leben.

Und so befreien die Dating-Apps die Liebe nicht. Sondern legen ihr neue Fesseln an.


Auf Tinder gilt die Schnäppchenregel

Degen arbeitet als Paartherapeutin  und forscht an der Universität Flensburg  zum Wandel der Intimität im digitalen Zeitalter. »Dr. Tinder« nennen Studierende sie. Im Mai soll im Psychosozial-Verlag ihre Studie »Swipe, like, love«  erscheinen, die der SPIEGEL vorab einsehen konnte.

Fast jedes zweite Paar lerne sich heute auf Apps wie Tinder, Bumble, OkCupid oder Grindr kennen, berichtet Degen. Die Apps hätten die Normen des Datings verändert. »Das einzelne Date soll nicht zu viel kosten.« Nicht zu viel Geld, nicht zu viel Zeit, nicht zu viel Emotionen. Es gilt die Schnäppchenregel: einen guten Fang machen, ohne zu viel zu investieren. Nach dem Date wird auf dem Handy weitergewischt, das Risiko auf mehrere Optionen verteilt.

Alle Beteiligten wissen das – und gleichzeitig wundern sich alle, dass es kaum funktioniert. »Wir verkalkulieren uns«, sagt Degen, »wir sparen unmittelbar, aber auf lange Sicht zahlen wir drauf.«

So erlebten viele Menschen das Dating per App als verletzend und demütigend, kaum freud- und lustvoll. Sie bekämen nicht das, was sie sich ersehnten: Anerkennung, Intimität, erfüllenden Sex. Und das sei nicht nur individuell traurig, sondern auch gesellschaftlich bedeutsam. Denn um die Enttäuschungen wegzustecken und den eigenen Selbstwert zu retten, erklärt Degen, werteten die Nutzer und Nutzerinnen »alle Männer« oder »alle Frauen« ab und trügen diese Haltung auf Social Media, um sie sich dort bestätigen zu lassen. »Altbekannte Stereotype erleben ein Revival.«

Frauen würden als umtriebig dargestellt (»Schlampen«), als monetär motiviert (»Golddigger«) oder als überanspruchsvoll und zickig (»Bitches«). Männer als armselig (»Loser«), animalisch-verroht und triebgesteuert (»Player«) oder gefährlich (»Täter«). »Das führt zu einer Verhärtung im Geschlechterkampf«, sagt Degen. Immer mehr Männer und Frauen stünden sich beim Dating misstrauisch gegenüber, lauernd auf die nächste Abwertung.

»In diesem Wirklichkeitskonstrukt datet es sich grauenhaft.« Wer vom anderen das Schlechteste erwartet, zeigt kaum die beste Version von sich selbst. Mal abgesehen davon, dass die Motive des Gegenübers oft ganz andere sind als vermutet. »Es liegen millionenfache Fehlinterpretationen vor.«


Kritische Konsumenten treffen auf Produkte im Präsentationsmodus

Wer schon mal auf einer Dating-App war, kennt die Frage: »Was suchst du hier?« Es ist eine Frage, die für viele gar nicht so einfach zu beantworten ist. Ironischerweise auch für viele derjenigen nicht, die sie stellen. Sie haben ja selbst keine Ahnung. Sie sind offen. Offen wofür? Für alles Mögliche.

Der Liebesfilm ist traditionell das Genre, das kein offenes Ende hat, die ganz reale Liebesgeschichte hat es heute immer.

Wer datet, ist gleichzeitig Konsument und Ware, er begibt sich in einen Präsentationsmodus – und findet da so schnell oft gar nicht mehr heraus. »Manche sagen uns in Interviews sogar, dass sie beim Sex versuchen, nicht zum Orgasmus zu kommen, weil ihr Gesicht dann so komisch aussehe«, berichtet Degen. Diese Menschen erlebten sich als produktförmig, »sie entwerfen sich für einen Markt.« Gleichzeitig beäugten sie die anderen und deren Werbeversprechen mit Skepsis, so wie sich das für kritische Konsumenten gehört.

Dating-Apps rationalisieren die Suche: mehr Kopf, weniger Herz, mehr Kontrolle, weniger Schicksal. Aber funktioniert das auch?

Treffen wir einen Menschen persönlich, können wir seine Eignung als potenzieller Partner schon 200 Millisekunden nach dem ersten Blickkontakt einschätzen. Degen plädiert dafür, wieder mehr auf echte Begegnungen zu setzen, auf Intuition und Körperwissen, also zum Beispiel auch mal jemanden in einer Bar oder beim Bäcker spontan anzusprechen statt immer mit innerer Checkliste in den Apps vorzusortieren: »Onlinedating führt zu sehr vielen sehr schlechten Begegnungen.« Das liege unter anderem daran, dass wir unserer Intuition misstrauten, wenn es nach einem Match und einem Chat zu einem ersten Treffen komme. »Der Körper reagiert vielleicht skeptisch, aber digital in der App hat sich doch alles so richtig angefühlt. Also haben wir Sex, den wir nicht haben wollen.« Männer wie Frauen übrigens. »Sehr viele Männer haben Sex, den sie nicht genießen.« Degen spricht von »performativem Sex«, der sehr mechanisch sei, eine Nichtbegegnung.

Natürlich weiß Degen, dass es auch Leute gibt, die zufrieden online daten. Die meisten von ihnen, sagt sie, entzögen sich geschickt der Logik der Apps: Sie swipen nur, bis sie ein Match haben. Sie investieren Zeit in den Chat, dann ins erste Date. Und wenn das Date nicht ideal läuft, kontern sie es nicht gleich mit noch einem Date. »Wer mit den Apps umzugehen weiß, kann durchaus von ihnen profitieren.«

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