WIEDERBEWAFFNUNG 08/15
Souveränität und Wiederbewaffnung Deutschlands werden wir in kürzester Frist auf die Beine stellen, wenn Frankreich seinen Wahnsinn nicht bald einsehen sollte.«
Mit diesem Satz hatte der amerikanische Senator Alexander Wiley, Vorsitzender des auswärtigen Senats-Ausschusses, den Bundeskanzler Konrad Adenauer trösten wollen, der sich auf Bühlerhöhe gerade anschickte, nach dem EVG-Bankrott »die bittersten Wochen meiner Kanzlerschaft« durchzustehen. Wiley hatte hinzugefügt: »Waffen im Wert von mehr als einer Million
Dollar versperren unsere Häfen. Sie liegen dort bereit, um nach Hamburg verschifft zu werden.« Mit ähnlichen Versprechungen machte Wiley wenige Tage später auch Belgiens geknicktem Europa-Matador Spaak neuen Mut.
Frankreich reagierte mehr als empfindlich. »Dieses Wort macht Lärm ...«, vermerkte »Paris-presse«. Das Blatt beschwichtigte seine Leser jedoch: »... einen Lärm, der lauter ist als für Waffen im Werte von einer Million Dollar. Denn diese Menge Waffen könnte tatsächlich höchstens einen ganz kleinen Fischerhafen versperren. Für eine Million Dollar kriegt man noch nicht einmal zwei Flugzeuge.«
Der Republikaner Wiley war nicht der einzige Amerikaner, der mit faszinierenden Zahlen den gebefreudigen Rüstungs-Onkel spielte, obschon er die kleinste Dollarsumme nannte. Es besteht aber noch ein zweiter Unterschied zwischen Wileys Wehr- und Waffenpräsent und den amtlichen Verlautbarungen Washingtons über die amerikanische Waffenhilfe.
Als nämlich Senator Wiley die zunächst für Westdeutschland reservierten Waffen immer noch »nach Hamburg« verladebereit wähnte, hatte sich das amerikanische Verteidigungsministerium bereits entschlossen, diesen Depot-Posten anderweitig abzustoßen. Präsident Eisenhower, Verteidigungsminister Wilson und Mr. Cutler vom Nationalen Sicherheitsrat - Cutler fungiert seit 1948 als Eisenhowers Berater in Rüstungsfragen - waren sich schon wenige Tage nach dem Pariser EVG-Abgesang einig, jenes ohnehin längst veraltete Gerät nicht noch älter werden zu lassen, sondern
schnellstens dorthin loszuwerden, wo es möglicherweise noch etwas taugen könnte.
In der Tat, bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Amerikaner nichts dabei gefunden, den von ihnen herbeigesehnten westdeutschen EVG-Rekruten solche Waffen in die Hand zu drücken, mit denen die GIs schon im Weltkrieg II geschossen hatten und die von ihnen bereits damals als »Klamotten« abgewertet worden waren.
Mr. Warren Webster jr., Direktor des Produktions- und Beschaffungsamtes im amerikanischen Verteidigungsministerium, hat in seiner Denkschrift vom 3. Februar 1954 im einzelnen aufgezählt, was Amerika aus seinen Weltkriegs-Beständen für die Erstausstattung nicht von zwölf, sondern nur von je zwei westdeutschen Infanterie- und Panzerdivisionen bereitgestellt hatte. Diese Ladenhüter-Kollektion bestand beispielsweise aus den veralteten Panzern Sherman und Pershing, der schwerfälligen 9-cm-Pak und wassergekühlten Maschinengewehren - eine 08/15-Wiederkehr*), die kaum jemand aus dieser Richtung erwartet hätte.
Außerdem lag die alte kombinierte 5,7-cm-Pak-Flak bereit, die Heeresminister Stevens 1952 aus den aktiven US-Divisionen herausziehen ließ, nachdem Truppe und Generalstab Krach geschlagen hatten. Die westdeutschen EVG-Flieger schließlich sollten sich in Maschinen (F 80, F 84 A) setzen, die von der US-Air Force als »ungeeignet für den modernen Krieg« bezeichnet werden
*) 08/15 ist die Bezeichnung eines wassergekühlten leichten Maschinengewehrs, das, aus dem sMG 08 entwickelt, von 1915 bis 1935/37 in der deutschen Wehrmacht verwendet wurde.
den und die allenfalls bei eigener Luftherrschaft als Schlachtflugzeuge oder Jabos noch brauchbar sind.
Den Wert aller dieser Waffen hatte Generalmajor R. W. Colglaziers jr., Leiter der Planungsabteilung im Generalstab der US-Army, schon vor Jahren so beurteilt: »Eine Gefahr für jeden Soldaten, der gegen einen modern ausgerüsteten Gegner kämpfen muß.«
Der französischen Nationalversammlung ist es zu verdanken, daß die künftigen westdeutschen Landser von diesem Gerümpel verschont bleiben. Erst die Ablehnung der EVG in Paris veranlaßte das Defense Department in Washington, seine »surplus stocks« (Überschuß-Lager) schleunigst auszukehren. An dieser Inventur antiquierter Schießprügel sollen profitieren die
* House Armed Services (US-Heimatfront),
* Israel,
* Ägypten,
* Irak,
* Siam und die
* Philippinen.
Mr. Lincoln White vom State Department kündigte am 8. September 1954 an, daß Amerikas Freunde in Nah-, Mittel- und Fernost die Ausverkaufsbestände gratis bekommen würden. Geschenkte Waffen kann man in bestimmten Gegenden immer gebrauchen. Und für Amerika ist die Schenkung dennoch ein Geschäft, wenn sie sich nämlich gegen neu belebten goodwill aufrechnen läßt.
Womit Westdeutschlands Soldaten später nach Ratifizierung des erweiterten Brüsseler Vertrages ausgerüstet werden sollen, ist noch nicht sicher. Geprüft wird in Washington zunächst der sogenannte Bedell-Smith-Plan. Danach soll die westdeutsche Armee aus drei Quellen versorgt werden, und zwar aus
* den Reservedepots der neunzehn aktiven US-Divisionen,
* der laufenden amerikanischen Produktion modernster Waffen und
* der westdeutschen Eigenproduktion (zunächst Munition und leichtes Gerät).
In den Reservedepots der US-Divisionen lagern zur Zeit Waffen, die während des Korea-Krieges verwendet beziehungsweise hergestellt wurden, jetzt also vier bis fünf
Jahre alt sind. So auch der nicht in bestem Ruf stehende Panzer M 47*).
Neben dem Smith-Projekt existiert noch ein halbes Dutzend anderer Pläne, die zwischen Totalkauf der Waffen in Amerika und Totalproduktion in der Bundesrepublik schwanken.
Doch gibt es niemand, der auch nur andeutungsweise sagen könnte, woher das Geld für Aufbau und Erstausstattung der westdeutschen Nato-Armee kommen
*) Ein Vergleich des zum Kauf angebotenen amerikanischen Panzers mit dem modernsten sowjetischen und dem letzten deutschen Kampfwagen ergibt folgende Differenzen:
könnte. Sicher ist jedenfalls, daß Heeresminister Stevens und Direktor Warren Webster vom Verteidigungsministerium nicht die geringste Hoffnung sehen, der amerikanische Kongreß werde die notwendigen Mittel oder auch nur einen wesentlichen Teil dieser Mittel bewilligen.
Die Ausrüstung wird von Jahr zu Jahr teurer, zumal nahezu jährlich neue Waffen entwickelt werden. Die Amerikaner veranschlagen die Kosten für die Erstausstattung, ohne Marine, auf 15 Milliarden Dollar heute; in zwei Jahren, sagt man in Washington, werden es mindestens 17 Milliarden Dollar sein.
Nach Schätzungen des Düsseldorfer »Handelsblatt« dagegen kostet die Aufrüstung Westdeutschlands in den ersten drei Jahren, einschließlich Versorgung, Sold, Gehälter, Kasernenbauten, Heimatverteidigung und Luftschutz, aber ohne Stationierungsunterhalt für fremde Truppen, 100 Milliarden Mark.
Im Außenamt, im Verteidigungsministerium und in der Nationalen Sicherheitsbehörde Washingtons meint man, es könnte kein Parlament in Westdeutschland geben, das diese Summe bewilligen werde.