Geheimdienste 123 Treffs
Immer, wenn wir neues Material erhielten, haben wir uns gefragt: Kann das stimmen?« berichtete »Stern«-Reporter Sepp Ebelseder: »Wir haben gecheckt und gegengecheckt -- und siehe da, es paßte.«
Im Material fanden sich Berichte des Agenten »Nante« an den Ost-Berliner Staatssicherheitsdienst (SSD) und des Agenten »Handwerker« an den westdeutschen Bundesnachrichtendienst (BND).
Auch ein paar SSD-Quittungen des Doppelagenten waren dabei: mal über 800 DM West ("für Neuordnung der Abwehrdienste Bonn"), mal über 2000 DM West ("für Material »Pariser Konferenzen« erhalten. Restzahlung nach Vereinbarung"). Unterschrieben hatte: Heinz Losecaat van Nouhuys, heute 44, Redaktionsdirektor der Münchner Illustrierten »Quick«.
»Die Unterlagen beweisen«, berichtete vergangene Woche der »Stern«, »daß Nouhuys über Jahre für den BND als Agent arbeitete. Und sie beweisen mehr: daß Nouhuys zur selben Zeit sich beim Staatssicherheitsdienst der DDR verdingte und dort innerhalb von sechs Jahren fast 200 000 Mark abkassierte -- den Gegenwert für 123 Treffs und rund 100 Berichte.« Und der »Stern« eruierte noch mehr: Aus Bonn hatte »Nante« Ende 1960 den Auftraggebern in Ost-Berlin beispielsweise mitgeteilt, John F. Kennedys Deutschland-Konzept habe Adenauer in »schwere Depressionen« versetzt. Aus München übermittelte er die Top-secret-Information, BND-Chef General Reinhard Gehlen plane, das BND-Agentennetz in der Sowjetunion »um 90 Prozent« zu reduzieren, in den USA hingegen zu verdreifachen.
Alle zehn Wochen begab sich »Nante« nach Ost-Berlin. jedesmal traf er den Agentenführer »Oberst Wagner« (Deckname) vom DDR-.Ministerium für Staatssicherheit«, meistens am Spittelmarkt mindestens, so weisen es Geheimdienstakten aus, sieben Jahre lang. von 1953 bis 1960. wahrscheinlich, so »Stern«-Rechercheur Ebelseder. »bis weit in die sechziger Jahre«.
Mindestens sieben Jahre. mit Unterbrechungen. trieb »Handwerker« es auch für den westdeutschen BND. Er observierte Politiker wie Erhard. Gerstenmaier und den damaligen gesamtdeutschen Minister Ernst Lemmer, der im Ruch stand. während des Zweiten Weltkrieges für die Russen spioniert zu haben. Dem SSD lieferte er Spielmaterial vom BND. aber auch, so der »Stern«, »Schriftstücke, die der BND nicht freigegeben hatte«.
Die Gehlen-Männer zogen »Handwerker« später wieder aus dem Ostgeschäft zurück, weil der SSD anscheinend die Agentenmasche mit dem Spielmaterial durchschaut hatte. Nouhuys jedoch machte offenbar auf eigene Faust und Rechnung weiter. SSD-Überläufer berichteten jedenfalls mehrfach von einem ergiebigen »Nante«.
So entschloß sich denn die Gehlen-Truppe, Nouhuys erneut zu »tippen« (Geheimdienst-Jargon). l960 lief V-Mann »Steffen« ihn an und kam zu dem Schluß, der Mann sei zu haben, entweder durch »den Einsatz hoher Mittel« oder durch »Erpressung«. Das Arrangement kam auf Honorarbasis zustande. Nun lieferte »Handwerker« dem SSD wieder Spielmaterial vom BND, um, auftragsgemäß, an SSD-Material über den BND zu gelangen.
BND-Kontakte wurden dem Blattmacher Nouhuys auch noch nachgesagt, als er 1972 zum Redaktionsdirektor der »Quick« avancierte. Im Clinch mit dem liberalen »Stern« schob er das Blatt immer weiter ins Rechts-Kartell. Im Juni publizierte Nouhuys das Bestechungsgeständnis des einstigen Doppelagenten Julius Steiner. Herbert Wehner schwanten Geheimdienstumtriebe« »bei denen ja die Gifte zweier Seiten miteinander vermischt und dann losgeschossen werden«.
Im Wechselspiel mit ZDF-Löwenthal und Springer-Presse brachte die »Quick« geheime Protokolle zur Bonner Ostpolitik heraus und publizierte im Juni das Bestechungsgeständnis des einstigen Doppelagenten Julius Steiner. Herbert Wehner schwanten Geheimdienstumtriebe, »bei denen ja die Gifte zweier Seiten miteinander vermischt und dann losgeschossen werden«.
Selber in die Schußlinie geriet der quicke Mixer. als der »Stern« ihn als »Doppelagenten« darstellte. Nouhuys suchte Deckung: »Wenn das so stimmen würde, wie das da steht, dann hätte ich vor sechs Jahren meine Memoiren geschrieben und würde sie schluckweise in Florida vernaschen.« In Kontakt mit dem BND will er nur zweimal gekommen sein: so 1962 zum Tee bei BND-Chef Gehlen.
Das aber scheint den Leuten vom »Stern« eine »kühne Behauptung«. Ebelseder hatte in Hamburg Geheimdienst-Papiere aufgetrieben, die längst hätten vernichtet sein sollen -- umfangreiche Nouhuys-Dossiers, die nach dem Machtwechsel in Bonn mit »ganzen Aktenbergen« von »SPD-geschädigten Geheimdienstlern« ("Stern") aus der BND-Zentrale herausgeschafft statt in den Reißwolf geworfen worden waren. Mit diesem Fund schockte der »Stern« den Staatssekretär im Kanzleramt, Horst Grabert. der den BND alarmierte. Dort waren -- offenbar von inzwischen ausgeschiedenen CDU! CSU-Sympathisanten -- Nouhuys belastende SSD-Dossiers verschwunden, die Nouhuys-Karteikarte mit verfänglichen Hinweisen gegen eine gesäuberte ausgetauscht. Nach dieser Entdeckung verstand sich Grabert mit den. aktenkundigen »Stern« -Redakteuren zu einem Gegengeschäft: Er sagte zu, »Steffen« und anderen »Handwerker« -Kontaktern Aussagegenehmigung zu erteilen.
Dem »Stern« war Grabert auch sonst hilfreich. Einen Tag nach dem Druck der Agenten-Story und einen Tag, bevor der »Quick«-Verlag vor der Handelskammer des Landgerichts München eine einstweilige Verfügung gegen die Agenten-Version des »Stern« beantragen wollte, bestätigte der Bonner Staatssekretär dem ZDF, daß Nouhuys bis in die sechziger Jahre für den BND gearbeitet habe. In einer eidesstaatlichen Erklärung des Redaktionsdirektors, mit der die »Quick«-Leute ihre einstweilige Verfügung durchbringen wollten, hatte der »lying dutchman« (Branchenspott) versichert: »Der gesamte Artikel »ist eine raffinierte Mischung aus willkürlichen Verzerrungen und professionellen Fälschungen.«
Tags darauf vorm Landgericht zogen die Bauer-Anwälte alle vier Punkte ihres Antrags. die sich gegen die »Stern« -- Vision vom Doppelagenten Nouhuys bezogen, zurück.
Die Hamburger Illustrierte hatte in der Tat gecheckt und gegengecheckt. Heinz van Nouhuys der mit seinen »Quick«-Attacken ("Nazis ·in der DDR") »drüben soviel Wirbel gemacht« hatte, argwöhnt denn auch: »Der Schuß kommt doch aus der DDR.«