Hausmitteilung 15. Oktober 2001 Titel
Selten war es so schwierig, verlässliche Informationen aus einem Krisengebiet zu bekommen, wie derzeit beim Krieg am Hindukusch. Afghanistan lässt Berichterstatter nicht mehr ins Land, und die USA geben nur jene Meldungen heraus, von denen sie sich etwas versprechen. Acht SPIEGEL-Journalisten waren vergangene Woche in der Region, um authentische, ungefilterte Nachrichten und Interviews zu sammeln und in Reportagen den Konflikt mit seinen Auswirkungen auf die Menschen vor Ort zu beschreiben. Verschleiert ließ sich SPIEGEL-Redakteurin Carolin Emcke, 34, in ein pakistanisches Flüchtlingslager nahe der afghanischen Grenze bringen, wo vor allem Mütter mit Kindern auf das Ende der Gewalt in ihrer Heimat warten: »Immerhin dürfen auch Frauen hier etwas lernen und ohne Burka auf die Straße gehen«, so Emcke, »in anderen Lagern herrschen dagegen die Taliban, dort ist das strikt verboten.«
In der nahe gelegenen Grenzstadt Peschawar leben Gegner und Anhänger der radikalen Koranstudenten relativ einträchtig vom traditionellen Schmuggel. »Einige Händler fahren angeblich auch dieser Tage noch nach Kabul, um dort ihrem 'business' nachzugehen«, so SPIEGEL-Reporter Alexander Smoltczyk, 42, der gemeinsam mit Ralf Hoppe, 41, auf den Basaren in Peschawar Gerüchte einfing und mit politischen Strippenziehern sprach, die in den Hinterzimmern der Moscheen schon Allianzen für die Zeit nach dem Ende des Konflikts schmieden.
Niemand weiß, wann das sein wird - andernorts laufen die Vorbereitungen für weitere Kriegshandlungen erst an. Redakteur Jörg R. Mettke, 58, war bei der die Taliban bekämpfenden Nordallianz in Afghanistan, 60 Kilometer nördlich von Kabul. »Trotz ihres erbärmlichen Waffenarsenals verbreiten die Soldaten Zuversicht«, so Mettke, »einer hat mir schon eine Telefonnummer in Kabul gegeben, wohin er in wenigen Tagen zurückzukehren hofft.« Optimistisch gibt sich auch der afghanische Usbeken-General Abdul Raschid Dostam, der die nächstgelegene Stadt Masar-i-Scharif erobern will: »Wir schaffen das«, sagte er SPIEGEL-Redakteur Christian Neef, 49. In Usbekistan wächst indes die Angst, in den Konflikt hineingezogen zu werden, nachdem die Regierung den US-Truppen einen großen - ehemals sowjetischen - Militärflughafen zur Verfügung gestellt hat. »Vor nicht langer Zeit wurden von hier aus die afghanischen Aufständischen bekämpft, die nun plötzlich gute Freunde im Krieg gegen die Taliban sein sollen«, so Neef, »viele Menschen hier verstehen das nicht.«
Einen früheren, 1996 von den Taliban vertriebenen ehemaligen Machthaber Afghanistans traf SPIEGEL-Autor Erich Follath, 52, im Teheraner Exil - Ex-Premier Gulbuddin Hekmatjar, 53, der wegen seines brutalen Vorgehens gegen die Zivilbevölkerung gefürchtet war. Hekmatjar versucht sich und seine noch in Afghanistan lebenden Anhänger als dritte Kraft neben den Taliban und der Nordallianz zu positionieren. Er bezweifelt, dass die USA den Krieg gewinnen können: »Sie sind in eine Falle geraten, so wie einst die Sowjets.«