TRUPPENSTÄRKE 175:2
Seit Kriegsende lastete auf der westlichen Welt ein Alptraum mit einer magischen Zahl. Sie bestimmte Strategie und Militärpolitik der Mächte, die sich zum Atlantikpakt zusammenschlossen: die Zahl von 175 schwerbewaffneten Divisionen, die den Sowjetherrschern zu Gebote standen.
Letzte Woche verflog der Alp: Amerikas Verteidigungsminister Robert Mc -Namara erklärte die Zahl von 175 Sowjetdivisionen zur Schimäre. McNamara: Weniger als die Hälfte dieser Divisionen sei einsatzbereit.
Mehr noch: Würde die Nato ihre an Mannschaften und Gerät stärkeren Divisionen nach sowjetrussischem Muster organisieren, dann könnte der Westen gegenwärtig sogar mehr Divisionen bereitstellen als die Sowjet-Union.
Der Minister, der als kühler Rechner gefürchtet ist und beispielsweise Kampfkraft und Wert neuer Waffensysteme durch Elektronengehirne ermitteln läßt, machte eine neue Rechnung auf: »In Mitteleuropa hat die Nato mehr Männer und mehr Kampftruppen als der (Warschauer) Block. Sie hat mehr Bodenstreitkräfte in Westdeutschland als der Block in Ostdeutschland. Sie hat mehr und bessere taktische Kampfflugzeuge.«
In einer Grundsatzerklärung vor dem New Yorker Wirtschaftsklub legte McNamara in der vergangenen Woche
- kurz vor dem Besuch des deutschen
Bundeskanzlers und seines Wehrministers Kai-Uwe von Hassel in Washington - dar, warum die Vereinigten Staaten von ihrer Forderung nach erhöhter Kampfbereitschaft der konventionellen Nato-Verbände nicht ablassen werden.
Er wies gleichzeitig die auch in der deutschen Generalität vorherrschende Ansicht zurück, daß die Sowjet-Union ein »Monopol« auf dem Gebiet der konventionellen Streitkräfte habe und daß deshalb schon zu Beginn eines Konflikts der Einsatz von Atomwaffen erforderlich sei. McNamara: »Diese Vorstellung, die immer noch das Denken beeinflußt, ist jetzt allzu weit von der Wirklichkeit entfernt.«
Zur Begründung seiner Thesen gab der Minister zum erstenmal offiziell die neuen Zahlen über die sowjetische Truppenstärke bekannt, die der USGeheimdienst beschafft und die der USGeneralstab jetzt zur Grundlage seiner Planungen gemacht hat.
Danach verfügt die Sowjetarmee, die 1955 noch 5,75 Millionen Mann hatte, heute nur noch über 3,3 Millionen Mann. Die Streitkräfte des Warschauer Paktes umfassen 4,5 Millionen Manne Die Nato-Mächte haben dagegen über fünf Millionen Soldaten unter Waffen.
Mit dieser Zahlen-Demonstration, die er noch durch eine Darstellung der amerikanischen Überlegenheit auf dem Gebiet der strategischen und taktischen Atomwaffen ergänzte ("Tausende von Atomsprengköpfen sind für die sofortige Verteidigung Europas bereitgestellt; sie haben zusammen eine Explosivkraft, die mehr als zehntausendmal so groß ist wie die derjenigen Atomwaffen, die am Ende des Krieges benutzt wurden"), verfolgte der Minister einen doppelten Zweck: Er wollte
- die amerikanische Öffentlichkeit und die Verbündeten darauf vorbereiten, daß die USA ihre Militär-Ausgaben nicht weiter erhöhen, vielleicht sogar einschränken werden;
- den Nachweis führen, daß die Nato sich nicht aus einem Gefühl der Unterlegenheit heraus auf den sofortigen Einsatz von Atomwaffen festzulegen braucht.
Entsprechende Forderungen haben sowohl deutsche als auch französische Generäle bei den jüngsten Nato-Beratungen über eine neue Strategie des Atlantik-Paktes erhoben.
Bonn und Paris sehen in der amerikanischen Strategie der »Pause« - wonach bei einem konventionellen russischen Angriff die Nato-Truppen erst Atomwaffen einsetzen, wenn sich herausgestellt hat, daß dieser Angriff nicht mit konventionellen Mitteln abgefangen werden kann - nach wie vor die große Gefahr, daß Teile Europas verlorengehen könnten. Ein Verlust der Grenzgebiete aber könne den späteren Einsatz von taktischen Atomwaffen,erschweren oder gar unmöglich machen, weil die nachrichtentechnischen Führungs- und Aufklärungsmittel im vorderen Abwehrraum stationiert sind.
Aus diesen Gründen, so argumentieren die europäischen Militärs, sei die amerikanische Vorstellung von einem »begrenzten Krieg« in Europa falsch. Statt dessen müsse bei der Planung der Vorwärtsverteidigung der automatische Einsatz von taktischen, Atomwaffen kleinster und größerer Kaliber für den Fall vereinbart werden, daß es sich wirklich um einen sowjetischen Angriff und nicht nur um einen örtlichen Zusammenstoß handele.
Die Franzosen sind mit ihren Forderungen an die USA noch einen Schritt weiter gegangen: Sie wünschen die Wiederherstellung des Prinzips der »massiven Vergeltung«, also eine amerikanische Garantie, daß bei einem Sowjetangriff sofort mit strategischen Atomwaffen zurückgeschlagen wird.
Die amerikanische Führung will sich dagegen die Wahl zwischen konventionellen und atomaren Kampfmitteln offenhalten. Sie hält es für möglich, daß in Europa Konflikte ausbrechen, die auch ohne Einsatz von Atomwaffen erfolgreich ausgefochten werden können - beispielsweise eine Unterbrechung der Land- und Luftverbindungen nach Westberlin, die laut Notstandsplanung mit herkömmlichen militärischen Mitteln wieder frei gemacht werden sollen.
McNamara sieht die Gefahr, daß ein lokaler Konflikt in irgendeinem Teil der Welt sich zu einem großen Krieg ausweiten könne, wenn der Westen nicht bereit oder nicht fähig ist, einen begrenzten Vorstoß der Sowjets im Keime zu ersticken.
Deshalb forderte er in New York: »Wir brauchen die richtige Kombination von weit vorgeschobenen, hochbeweglichen und kampfbereiten Land-, See- und Luftstreitkräften, die in der Lage sind, sofort und wirksam einzugreifen.« McNamara: »Untätigkeit oder eine schwache Aktion können einen schweren Rückschlag, eine verpaßte Gelegenheit oder sogar eine Katastrophe zur Folge haben.«
US-Verteidigungsminister McNamara: »Der Westen hat mehr Divisionen als Moskau«