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HERBERGER 3:2

• aus DER SPIEGEL 28/1954
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Washington ließ Sir Winston Churchill seinen Blick über dieses Jahrhundert schweifen und meinte, die Völker hätten im »Jahrhundert des kleinen Mannes eine sehr rauhe Zeit gehabt«. Jetzt aber könnten angesichts der atomaren Gewalten Politik und Geschichte nur noch einen Sinn haben: den kleinen Leuten überall, auch in Rußland, die Chance zu gönnen, »Spaß zu haben«. Woran? »Am Fernsehen und am Fußballspiel«, sprach Sir Winston, der späte Friedensfürst.

In der gleichen Woche noch erhoben sich die kleinen Leute Deutschlands, die eine besonders rauhe Zeit hatten, erhoben sich mit Geschrei vor Fernsehschirmen(1) und an Fußballfeldern der Weltmeisterschaft(2). Vor aller Welt gaben sie sich, als hätten sie nun, Ende Juni 1954, nach zwanzighundertjährigem geschichtlichem Irrweg den alleinigen verheißungsvollen Sinn und die wahre Bestimmung ihrer nationalen Existenz entdeckt. Deutschland erhob sich, und Europa erbebte, weil Josef Herberger, ein gemütlicher kleiner Mannheimer mit verwittertem Bergbauern-Gesicht, die von ihm trainierte deutsche Mannschaft zum größten Triumph der deutschen Sportgeschichte geführt hatte. Am Schluß des 3:2-Spiels gegen Ungarn sangen die deutschen Schlachtenbummler und Sportfunktionäre statt des bundesamtlich konzessionierten »Einigkeit und Recht und Freiheit« das altvertraute »... über alles in der Welt«.

Nationale Begeisterungsstürme um sportliche Ereignisse hat es vorher schon gegeben: als Max Schmeling die Weltmeisterschaft erboxte, als die deutsche Olympia-Vertretung 1936 Goldmedaillen wie Fallobst sammelte. Niemals zuvor in Europa aber schäumten die kollektiven Gefühle der Deutschen so ausschließlich für nichts als ihre Fußballmannschaft. Früher feierten nationale Leidenschaften in Europa politische Triumphe, heute strömen die nationalen Empfindungen, die sich noch nicht »integrieren« lassen, zum Sport ab. Sie verschärfen den Sport, »machen etwas aus ihm, was er nicht sein will«, wie Dutzende von Kommentatoren warnen. Aber umgekehrt entschärft auch der Sport die Gefühle. Sir Winston hat den neuen Instinkt der Völker gespürt, die Deutschen haben ihn genossen.

Wie Sternstunden oft, begann auch die Fußballerhebung mit einer tiefsten Erniedrigung, als die deutsche Nationalmannschaft in ihrem ersten Spiel gegen Ungarn am 20. Juni 3:8 überrollt wurde. Von den wirbelnden Magyaren wurde sie auseinandergenommen wie eine kaputte Uhr - vor den geweiteten Augen von 35 000 Deutschen, die, von lange aufgestauter Siegessehnsucht prall, wider alle vernünftige Aussicht auf einen Erfolg hofften, ja, ihn blindlings forderten.

Auf das braungebrannte Haupt des kleinen, versonnen blickenden Mannes von 57 Jahren, der still am Rand des Spielfelds hockte, schien sich in diesem Augenblick grauses Verhängnis zu senken. Seit Monaten schien der Zeitpunkt unerbittlich näherzurücken, an dem die wiedererwachte Nation den verräterischen Bundestrainer Josef Herberger an einem sauren Apfelbaum würde aufhängen müssen. Jetzt hielt man den Zeitpunkt für gekommen.

Herberger hatte ausgerechnet den klopffesten Superspielern aus Ungarn einen verlorenen Haufen von nur sechs Standard-Nationalspielern und fünf Ersatzmännern entgegengeschickt, um seine erste Garnitur für künftige Prüfungen zu schonen. Damit hatte er den langerwarteten Kampf im vorhinein verloren gegeben.

Als der Sport-Journalist Dr. Leo Hintermayr seine Debakelmeldung nach Deutschland telephonierte, schlug ihm ein Landsmann auf die Schulter und schrie erregt: »Schreiben Sie es aber auch rein, diese Gemeinheit! Der Herberger gehört wegen Sabotage vor Gericht.«

Die Journalisten schrieben es rein: »Herbergers taktisches Manöver schädigte den deutschen Sport«, knirschte der Westberliner »Abend«. In der »Welt« zürnte Chefreporter Dr. Joachim Besser: »Dieses Spiel war das traurige Ergebnis einer taktischen Überlegung des Bundestrainers ... Ist das noch Sport ...? Für uns Deutsche war es eine beschämende Vorstellung.«

Nichts, so schien es, hatte der Bundestrainer unversucht gelassen, um die deutsche Niederlage zu sichern. Er hatte sich in ein paar überalterte, von Hannover 96 abgestrafte Trottel aus Kaiserslautern verliebt - vermutlich ihres katholischen Glaubens wegen. Die Matadoren des Nordens - wie Posipal - stellte er hinterlistig auf falsche Positionen. Er spielte defensiv, wo jeder normale Mensch offensiv spielen würde - und umgekehrt.

Drei Tage nach dem Ungarn-Fiasko jedoch preschten die fünf Aufrechten unverzagt aus Herbergers Schonung und überrannten die Türkei im Entscheidungsspiel um den Eintritt ins Viertelfinale 7:2. Jetzt strahlte jener Dr. Joachim Besser: »Sie bestätigten damit, daß Herbergers Taktik, gegen Ungarn nur mit zweiter Garnitur anzutreten, berechtigt war.«

Beim Spiel gegen Jugoslawien löste sich dann aus der lähmenden Spannung zwischen Durchhaltemut und Defaitismus der Erdrutsch. Aus dem Gewühl in ihrem Strafraum unterlief den Jugoslawen ein Selbsttor, und die deutsche Abwehr (der vorher allgemein für besonders schwach erkannte Teil der deutschen Mannschaft) begann, erbittert, »hingebungsvoll« zu kämpfen, um den Vorsprung gegen die wütend anstürmenden Jugoslawen zu halten.

Zitternde Erregung pflanzte sich durch die Pressezellen fort. Rundfunksprecher Gerd Krämer warf in der zweiten Halbzeit seine Seltersflasche um. Dann riß ein gestikulierender Kollege dem Dr. Joachim Besser das Telephon vom Tisch. Schwitzende Finger preßten Taschentücher. Einer wurde kreidebleich, als wieder desperater Nahkampf vorm deutschen Tor malmte. »Ich kann das nicht mehr mit ansehen«, stammelte ein Reporter und verschwand. Ihm wurde schlecht. Wacker würgten die anderen, und mancher harte Mann verlor die Herrschaft über seine Tränendrüsen, als die Deutschen sich zu einem Durchbruch aufrafften und das befreiende 2:0 errangen. Langverschüttete Urquellen brachen auf.

Unterschwellig war der Strom, auf dem die Deutschen nun ritten. Österreich wurde ausgespielt, während deutsche Fanatiker auf den Tribünen Platzpatronensalven abfeuerten. »Ein solches Stürmerspiel haben wir bei dieser Weltmeisterschaft noch nicht gesehen«, staunte der stets reservierte Züricher »Sport«. In Berlin erlitt der 57jährige Feuerwehrmann Wilhelm Lange nach Schluß der Radioübertragung vor Erregung einen tödlichen Herzschlag unter den Augen seiner plötzlich verstummten Kollegen.

Durch die Gassen Wiens schlich pestilenzialische Trauer. Bundeskanzler Raab, der seine Koffer schon für Glückwunschreise und Endspielbesuch in der Schweiz gepackt hatte, mußte wieder auspacken.

In Bonn war der Sieg Tischgespräch beim Empfang für den Marschall Papagos. Diesmal hatte nicht nur Bundesinnenminister Gerhard Schröder, sondern auch Vizekanzler Blücher ein Glückwunschtelegramm geschickt, worauf Schröder, der die Zeichen der Zeit zu lesen versteht, wenn er sie sieht, keck den Kollegen Blücher fragte: »Seit wann gehören denn nationale Siege ins Ressort des Marshallplans?«

Wenn je ein Phönix aus der Asche stieg, wenn je ein Gerechter auffuhr aus dem Orkus schnöder Verachtung ins Licht der Ehre - sein Name war Herberger. Doch auch der Bundessepp war von der überpersönlichen Wucht des Umschwungs ein wenig überfordert. Noch als er in die Schweiz fuhr, winkte er alle Glückwünsche ab: »Na ja, wir sind wenigstens dabei.« Was war geschehen? Herbergers Erklärung klingt zunächst wie eine ratlose Untertreibung: »Wenn ich die Mannschaft mal vier Wochen beisammen habe, dann sind wir eben dran.«

Immer wenn die Deutschen selbst nicht zu wissen scheinen, was mit ihnen passiert, klingeln in ausländischen Hirnen die Alarmglocken. Die italienische »Gazzetta dello Sport« bibberte: »Das war Deutschland wieder einmal, wie es leibt und lebt. Teutonische Unberechenbarkeit, die sich auf den Fußballrasen geschlichen hat ...« »Eine Orgie« schrieb selbst die Londoner »Times« zum Österreich-Massaker.

Der Franzose Hanot meint, daß die Wurzeln der sportlichen Leistung bei den Deutschen tiefer als sonstwo in unkontrollierbare Düsternis hinabreichen, woher die rätselhafte Fähigkeit rühre, in Augenblicken, in denen es am wenigsten erwartet wird, weit über sich selbst hinauszuwachsen, oder aber weit unter sich selbst zu sinken. Hanot fand das Luftballon-Aperçu: »Die Deutschen spielen einen metaphysischen Fußball.«

Aber das für die Deutschen selbst Überraschende und für die Nichtdeutschen Unheimliche am Furor Teutonicus ist nicht so sehr seine tatsächliche Wucht, vielmehr seine althergebrachte Eigenheit, aus Situationen der Schwäche und Zersplitterung, aus Stimmungen der Verwirrung und Mutlosigkeit scheinbar unvermittelt und unkontrollierbar hervorzubrechen. Der Kontrast zwischen lange währender Niedergeschlagenheit und plötzlicher Wallung ist es, der die Nachbarn Deutschlands in Unruhe hält.

Dieser Kontrast wird im deutschen Fußball besonders offen sichtbar. Mehr als andere Fußball-Nationen haben sich die Deutschen zerspalten und gegeneinander eingezäunt. Nach dem Krieg waren zwar an Stelle der alten »Gau-Ligen« als oberste Spielklasse die sogenannten »Oberligen« eingeführt worden, die die jeweils stärksten Vereine von Nord-, West-, Süd- und Südwestdeutschland zusammenfassen. Aber immer noch vertreiben die Liga-Angehörigen ihre Zeit im Grunde damit, an dreißig Sonntagen im Jahr im Schatten ihres Provinz-Kirchturms untereinander Punktspiele auszutragen. Lediglich die ein oder zwei besten Vereine jeder Liga treffen in der Meisterschafts-Endrunde zu entscheidenden Kämpfen auf andere Stämme deutscher Nation. Pokalrunden, Vergleichsrunden und Freundschaftsspiele sind nur Einlagen, die von den in lokalen Fehden erschöpften Spielern in lustloser »Sommerform« absolviert werden.

Dem föderalistischen Prinzip war damit Genüge getan, aber die nationale sportliche Auswahl, die in anderen Ländern durch National-Ligen (wie in England) fast von selbst hervorgebracht wird, wurde abgewürgt, mit unansehnlichen Konsequenzen. Ein talentierter Spieler etwa in Hamburg hat in der Hauptsaison kaum Gelegenheit, sich mit Stuttgarter Begabungen zu messen. Statt dessen rackert er sich damit ab, seine klotzbeinigen Klubkameraden zum Sieg über Provinzvereine zu schleppen, die oft noch nicht einmal das sind, was man in Frankfurt »Uganda-Kicker« nennt.

In der Ortsgemark wird der gute Spieler als einäugiger König der Blinden verehrt und dazu überredet, seine Fähigkeiten zu hoch einzuschätzen; hat er Selbstkritik, merkt er gar bald, wie seine Umgebung ihn hindert, sich weiterzuentwickeln.

Denn selbst wenn der Bundestrainer solch einen Mann als Edelstein inmitten des fußballerischen Lehms entdeckt, sträuben sich die eigenbrötlerischen Vereine, ihre Publikums-Attraktionen an den wenigen punktspielfreien Sonntagen für Vergleichstreffen regionaler Auswahlmannschaften herzuleihen. Sogar für die kurzen Lehrgänge des Bundestrainers und für Länderspiele werden die Stars von ihren kassenbewußten, partikularistischen Klubs oft nur mit größtem Widerwillen beurlaubt.

Noch vor wenigen Wochen forderten die Vereine eine Beschränkung des Länderspielverkehrs auf vier Begegnungen im Jahr. Mehr Spiele - so argumentierten die mit Klubhausbrettern vernagelten Vereinsmeier insgeheim - lohnten nicht, denn eine deutsche Nationalelf werde sich ohnehin nicht in die Weltklasse emporrackern können. Schlagend steht dem entgegen, daß eine Nationalmannschaft, genau wie jede andere Elf, desto besser wird, je mehr sie spielt. Im deutschen Fußball-Erfolgsjahr 1935 trug die deutsche Vertretung nicht weniger als 17 Länderkämpfe aus. Und Ungarn hat hauptsächlich deshalb den Gipfel mannschaftlicher Möglichkeiten erklommen, weil es in den vier Jahren vor der Weltmeisterschaft 1954 an 30 Länderspiele hat bestreiten können - von denen übrigens kein einziges verlorenging.

Und da wunderten sich die Vereine, daß ihre Zuschauerzahlen zurückgingen, und sahen nicht, daß die Popularität des Sports direkt mit dem internationalen Prestige zusammenhängt. So sinkt in England die Besuchermenge, auch der Liga-Mannschaften fast proportional mit dem Ruhm der Nationalvertretung.

Doch bei aller selbstverschuldeten Kurzsichtigkeit waren die deutschen Klubs auch Opfer des unglücklichen deutschen Kompromisses zwischen Turnvater Jahnscher Breitenarbeit einschließlich olympischer Amateurideale und dem Zwang zum professionellen Hochleistungssport, dessen Produkt der »Vertragsspieler« ist.

In der Bundesrepublik war 1948 mit dem »Vertragsspieler« ein Zwitter eingeführt worden, der sich vom Amateur dadurch unterschied, daß er von seinem Verein einen monatlichen Salär von 320 Mark brutto(3) regulär beziehen durfte und sich vom »Voll-Profi« im besten Fall dadurch abhob, daß er offiziell einem bürgerlichen Beruf nachging. In der Wirklichkeit ist dieser Beruf oft nur eine Farce.

Vor diesem deutschen Wintermärchen stand 1950 mit skeptisch gefältelter Miene Josef Herberger. Der Deutsche Fußballbund hatte den ehemaligen »Reichstrainer« zum Bundestrainer ernannt, als die internationalen Sanktionen gegen die deutschen Sportler aufzutauen begannen, und hatten ihm »Fahr wohl« gewünscht. Seine Aufgabe war nicht nur, gute Leute aus dem Dickicht und den Höhlen der Fußball-Stämme und -Sippen hervorzulocken und zu re-kultivieren, um eine Mannschaft alten Stils zusammenzubekommen. Es mußte eine Mannschaft werden, besser als alle vorherigen, wenn sie das Fußball-Spiel so spielen sollte, wie es sich inzwischen im Denken und Wollen von Männern weiterentwickelt hatte, die wie Sepp Herberger mit dem Fußball großgeworden waren, um dann den Fußball mit sich wachsen zu lassen.

Den Stil, der ihm für seine Nationalelf als Ideal vorschwebte, beschrieb Sepp Herberger 1950 im Jubiläums-Jahrbuch des Deutschen Fußball-Bundes: »Mit scheinbar sinnlosem rochierendem(4) Durcheinander wird die gegnerische Deckung abgeschüttelt, die Ordnung der Abwehr gestört, verwirrt und aufgerissen und ... die Lücken und Gassen geöffnet, in die hinein wirbelnde Blitzkombinationen, Dribblings und Alleingänge sich zu erfolgreichen Attacken vereinen.«

Das »scheinbar sinnlose Durcheinander« war bestimmt, das System endgültig zu überwinden, das noch in den dreißiger Jahren in Europa eindeutig dominiert hatte und von Herbergers Vorgänger Otto Nerz(5) nach Deutschland verpflanzt worden war: den athletischen und geradlinigen Mannschafts-Fußball der Engländer.

Nerz hatte sein Reformwerk wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft des Jahres 1934 mit der Einführung der »WM«-Formation gekrönt, die heute die mannschaftliche Grundstellung aller erfolgreichen Fußball-Teams der Welt geworden ist. Nach dem britannischen Grundsatz »Safety first« war der bis dahin zwischen Angriff und Verteidigung pendelnde Mittelläufer als defensiver »Stopper« zurückgezogen. Die beiden Halbstürmer waren hinter die Angriffs-Front zurückbeordert und bildeten mit den Außenläufern zusammen das mittelfeldbeherrschende »Magische Viereck«. Der Sturm erschien in Form eines W, die Abwehr in Form eines M gestaffelt (siehe Graphik Seite 25).

Nerzens weitgehend an englischen Vorbildern orientierte Strategie führte zunächst mit dem überraschend errungenen dritten Platz bei der Weltmeisterschaft von 1934 zu einem großen Erfolg. Als Deutschland aber 1936 bereits im Spiel gegen Norwegen durch eine 0:2-Niederlage aus dem olympischen Fußball-Turnier ausschied, wurden auch die Schwächen der Nerzschen Pauker-Pädagogik offenbar.

Mit der eindrucksvollen athletischen Vervollkommnung der englischen Profi-Stars ging eine Überschätzung der »Kondition«, also der körperlichen Verfassung des Spielers, Hand in Hand. Sie verband sich bei Nerz mit einer disziplinheischenden Unerbittlichkeit, wobei die Spieler-Persönlichkeit auch geistig zum willenlosen Roboter der Strategie degradiert wurde.

Der Fußball-Journalist Robert Ludwig schrieb im Nürnberger »Sport-Magazin": »Für Nerz gab es kein Improvisieren, für ihn war alles Berechnung, Methodik, Planung ... Seine Schüler wurden des Lebens nicht froh. Aber sie bissen die Zähne aufeinander und hielten durch ...«

Der 71fache deutsche Rekord-Internationale Paul Janes erklärt das olympische Debakel aus eigenem Erleben: »Ich selbst verletzte mich in den letzten Tagen vor dem Beginn der Weltspiele. Die sich fast täglich wiederholenden harten Sprints über die ''schwere'' 400-Meter-Strecke - sie bildete eine der zahlreichen, heute noch unverständlich erscheinenden Trainings-Methoden - waren der Grund.« Und der Münchner Sigmund Haringer berichtet: »Ich habe mich immer wie in einer Kaserne gefühlt.« Im Olympia-Vorbereitungs-Lehrgang in Duisburg hätten die Fußballer morgens von sieben bis acht Uhr unter Aufsicht eines SA-Mannes exerzieren müssen.

Als Nerz nach den Olympischen Spielen abtreten mußte, kam die große Stunde seines Assistenten Josef Herberger, der im Gegensatz zu dem mäßigen Fußball-Praktiker Nerz alter Nationalspieler(6) war und sich zuerst autodidaktisch in seiner Freizeit als Bankbeamter, später an der Berliner Hochschule für Leibesübungen zum Sport-Pädagogen ausgebildet hatte. Josef Herberger war ein Mann, der die Denkungsart des Aktiven zu gut kannte, um die kompromißlose Manneszucht und den absoluten Primat der System-Vernunft gutheißen zu können.

An dem Vorrang des nüchternen englischen »Teamwork« hatten sich bereits erste Zweifel gerührt, als aus dem vermeintlichen südamerikanischen Fußball-Urwald eine Truppe von Artisten herausgehüpft war, deren Spielweise allen westeuropäischen Grundsätzen Hohn sprach. Sie bot ein akrobatisches Varieté, gespickt mit Solo-Kunststücken, Clownerien und täuschenden Tricks, die der Gegner manchmal erst kapierte, wenn der Ball schon in seinem Tor lag. Für ihren Erfolg bürgten Uruguays Siege bei den Olympischen Spielen der Jahre 1924 und 1928 und bei der Weltmeisterschaft von 1930.

Josef Herberger war zwar weit davon entfernt, den ibero-amerikanischen Individualismus auf deutsche Verhältnisse übertragen zu wollen. Doch konnten ihn die Erfolge der Südamerikaner in seiner eigenen Erfahrung bestärken, daß man dem spielerischen Individuum im Rahmen der Mannschaft gewisse Grundrechte einräumen müsse. Dadurch konnte das Spiel vor der Erstarrung in einem leblosen und allzu leicht durchschaubaren Schema bewahrt werden.

Freilich gehörten dazu keine Roboter, sondern gelöste Sportsmänner mit fruchtbaren Ideen, Spielinstinkt und einer traumsicheren Ballbeherrschung. 1938 entdeckte Herberger in dem 18jährigen Kaiserslauterner Stürmer Fritz Walter einen Spieler-Charakter, der wie ein Modell alle diese erwünschten Tugenden in sich vereinigte und das starre WM-System zu einem neuen, variablen Spiel auflockern konnte, ohne im Kreuz und Quer der Fäden die Übersicht zu verlieren. Fritz Walter war der Mann, der einen Trainer zu Sätzen inspirieren konnte, wie Josef Herberger sie 1950 im Jubiläums-Jahrbuch des DFB niederlegte.

Daß Josef Herberger diese Verkörperung einer neuen Spielidee über den Krieg in die Aufbauzeit einer neuen deutschen National-Vertretung rettete, verdankt er dem Jagdflieger Major Graf. Der Brillantenträger forderte, um seinem erfolgreichen Geschwader eine ebenso schneidige Fußball-Mannschaft zulegen zu können, den malariakranken Infanteristen Fritz Walter beim Befehlshaber des Ersatzheeres persönlich an und holte den »Ball-Zauberer« von Sardinien zu sich nach Südfrankreich. Für den Rest des Krieges stürmte Fritz Walter für die Mannschaft der »Roten Jäger«, deren Tor Hermann Graf selbst hütete. Auch er war vor dem Kriege zweimal bei Herberger im Kursus gewesen.

Erst fünf Jahre nach der deutschen Kapitulation konnte Herberger endlich seine neue Nationalelf um den mittlerweile dreißigjährigen Träger seiner Spiel-Idee versammeln.

Bevor aber Herberger mit zweckvollem Durcheinander, deutschem Furor und Fritz Walter in die Weltmeisterschaft des Jahres 1954 stürmte, sah er seine These der »wirbelnden Blitzkombinationen« von einer Mannschaft bestätigt, die statt eines Fritz Walter ein halbes Dutzend Spieler von gleichem Witz und Können aufzuweisen hatte. Diese Spieler hatten sich unter der staatlichen Abschirmung der ungarischen Volksdemokratie bis zur Perfektion aufeinander einstellen können. Sie machten von sich reden, als sie 1952 das Olympische Turnier gewannen, und stellten eine ganze Fußball-Welt auf den Kopf, als sie im vergangenen Jahr England erstmals auf Insel-Boden besiegten, und das mit 6:3.

Als der Schock sich in Budapest noch deprimierender wiederholt hatte und England aus der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft hinausgeflogen war, fragte der Londoner »Daily Express« seine Leser allen Ernstes, ob England seinen Fußball nicht künftig ganz isolieren solle. Er bekam viele positive Antworten.

Aufbaufreudiger reagierte der »Daily Mirror«. Er forderte: »England muß eine stehende Nationalmannschaft haben«, und meinte mit Recht, auf diese Weise das Verständnis in der Mannschaft schaffen zu können, aus dem allein belebende Wechselwirkungen sprießen können.

In Deutschland hatte Herberger schon lange erkannt, daß der Stil des selbständig denkenden Mannschafts-Organismus absolut verläßlich nur auf die ungarische Art durchzusetzen war: durch ein Team, das ständig gemeinsam trainiert und lückenlos zusammenwachsen kann. Da Herberger aber seine Auserwählten nur wenige Male im Jahr eine Woche lang in die Finger bekommen konnte, hätte die alte durchgeplante Drillmethode an sich näher gelegen, mit der die Spieler in kurzer Zeit auf ein starres Spielsystem abgerichtet wurden.

Doch Herberger wußte, daß mit schablonisierter, allein durch Kondition motorisierter Technik kaum noch Triumphe zu ergattern sein würden, und er entschloß sich zu dem Risiko, das moderne »System der Systemlosigkeit« unter deutschen Bedingungen anzuwenden.

»Mannschaftlicher Zusammenhalt« heißt sein erstes Wort. Um den spielerischen Kontakt auch in der kurzen Vorbereitungszeit vor Länderspielen zuverlässig herzustellen, durfte er nach seiner Ansicht nicht die talentierten Leute aus den verschiedensten Mannschaften herauspicken (weil sie sich nicht schnell und selbständig genug würden zusammenraufen können), sondern mußte die stärksten Spieler der nach seiner Ansicht besten und intelligentesten Mannschaft, des 1. FC Kaiserslautern, als Aufhängepunkte des Nationalteams übernehmen und zwischen die Lauterer besonders erfahrene und anpassungsfähige Spieler aus anderen Mannschaften einspannen.

Herbergers Trainerdenken kreist, wie das jeden guten Trainers, um zwei Begriffe: Kondition und Form, die körperliche und seelische Verfassung. Für die Kondition hat Herberger einen unbestechlichen Blick. Gleich zu Anfang der Weltmeisterschafts-Vorbereitung in München-Grünwald eröffnete er dem strammen Nürnberger Morlock: »Du mußt zehn Pfund runter trainieren, sonst erreichst du Fritz Walters Eckbälle nicht mit der Stirn, sondern nur mit dem Scheitel.«

Wesentlich ist jedoch, daß für Herberger die Kondition den vor seiner Zeit absoluten Vorrang verloren hat. Die Form, die Spiellaune ist obenan geklettert. »Die Kondition ist nur das Gespann vor den spielerischen Möglichkeiten«, sagt Herberger.

Diese Doktrin des modernen Fußballs hat viel zu tun mit den Erkenntnissen der modernen Psychologie, die mit der materialistischen Meinung des 19. Jahrhunderts aufgeräumt hat, wonach die körperliche und auch die geistige Leistung eines Menschen vorweg von der Herz-, Leber- und Nierenfunktion abhängt.

Über diese Lehre, der Otto Nerz noch huldigte, sind Männer wie der Ungarn-Trainer Sebes und Herberger hinweggestiegen, nicht aber die Mehrzahl ihrer Kritiker, die erst jetzt einzusehen beginnen, daß ein Spieler mit 29 oder 33 Jahren noch nicht automatisch vergreist ist, wie es im Konditions-Katechismus steht. Die Mannschaft der Ungarn ist im Durchschnitt denn auch nicht jünger als Herbergers Elf.

Die Lehren dieser Weltmeisterschaft haben Sepp Herberger auf das glänzendste recht gegeben. Eine Mannschaft, die sich gutgelaunt aus dem Schema befreit und ganz nach Intelligenz und Instinkt draufloswirbelt, hält besser durch als alle Gegner.

Der System-Fußball englischer Provenienz schafft ein berechenbares mittleres Spielniveau ohne große Schwankung, weder nach oben noch nach unten. Das an der bloßen »Form« aufgehängte Spiel ist wilden, oft undefinierbaren Schwankungen ausgesetzt. Wenige Trainer besaßen das »Gespür« (wie Herberger sagt), gaben sich die Mühe, das individuelle, tiefenschichtige Potential der Mannschaft frei zu machen und zu lenken. Sepp Herberger tat es trotz entmutigender Rückschläge, etwa der 1:3-Niederlage 1952 in Paris, wo seine Leute, einander vorwurfsvoll zuwinkend, übers Feld stolperten.

Wenn das Nervenzentrum Fritz Walter nicht funktioniert, siecht das deutsche Spiel dahin; aber Herberger hat es fertiggebracht, dem Spielführer seiner Mannschaft den guten Mut zu erhalten, auch wenn der in eine seiner melancholischen Anwandlungen zu versinken droht. Wie?

Nach dem 1:3 gegen Frankreich war Fritz Walter derart deprimiert, daß er sich auf sein Zimmer in der Kaiserslauterner Beethovenstraße zurückzog und tagelang bei geschlossenen Vorhängen auf dem Bett lag. Herberger schrieb ihm Trostbriefe.

Jupp Posipal war ein weiteres Problem-Kind. Er reagierte auf Presse-Kritiken wie ein Abc-Schütze auf das Zeugnis. Ausgerechnet zu den Weltmeisterschaften ließ seine Form, nur teilweise durch Verletzung bedingt, nach. »Ich habe Angst, durch mein schlechtes Spiel die Kameraden zu belasten«, murmelte er zutiefst deprimiert. Stundenlang spazierte Herberger mit ihm durch den Wald und riet dem Jupp, sich genau so wenig um die Presse zu kümmern wie er selbst, der an kritischen Tagen einfach überhaupt keine Zeitung anschaut. Er schaltete die Mannschaft in die Behandlung Posipals ein, und die Kameraden kamen zu Jupp und sagten: »Du mußt spielen. Lieber ein schlechter Posipal als keiner.«

Als Sepp Herberger mit der Mannschaft am Thuner See ankam, begann sein Erziehungssystem bei der Zimmerverteilung. Es gab nur Doppelzimmer für das Weltmeisterschaftsteam. In einem dieser Doppelzimmer wohnte nun Jupp Posipal mit Mai zusammen. Sagt Herberger: »Der Mai hat doch anfangs immer noch zu offensiv gespielt, der mußte erst richtig in die Deckung und in die Mannschaft eingeführt werden.«

Bei Fritz Walter, dem Souverän (und Nervenbündel), wohnte Helmuth Rahn. Herberger: »Der Rahn hat doch Nerven wie Klaviersaiten, egal was da drauf kommt, es kommt immer eine Mordsstimmung heraus.«

Eckel und Schäfer ergänzen sich in ihrer Jungenhaftigkeit und sind mit ihren Späßen unzertrennlich geworden. So sehr, daß Frau Schäfer, die im »Eden« in Spiez auf eine freie Stunde mit ihrem Mann wartete, unumwunden klagt: »Wenn mein Mann vom Training und von den Spaziergängen wirklich mal ins Hotel kam, und wir hatten uns guten Tag gesagt, dann kam todsicher im nächsten Moment der Eckel an.«

Oder, in Herbergers Worten: »Eins, das gibt es in der ganzen Welt nicht mehr: Die Mannschaft ist so eine Gemeinschaft, die hängen aneinander, die glauben daran, daß es richtig ist, was man ihnen sagt, und sie glauben auch an sich.«

Die Loyalität gegenüber seinen Entdeckungen wird dem Bundestrainer oft als Subjektivität und Affenliebe ausgelegt. Herberger mogelte beispielsweise gegen den Willen des Fußball-Präsidenten Dr. Peco Bauwens den exzentrischen Alleingänger Rahn von Rot-Weiß Essen in die Weltmeister - Mannschaft. Herberger: »Solch ein Dribbelkünstler kann manchmal ein Spiel entscheiden.« Helmuth Rahn entschied das Endspiel in Bern, mit einem Tor und einer erfolgreichen Tor-Vorlage. Und dem Torwart Kwiatkowski, der der durch seine Nervosität die katastrophale Höhe der Niederlage im ersten Ungarnspiel mitverschuldete, sagte er: »Du kriegst deine Chance wieder, du kriegst sie noch oft, aber hier in der Schweiz wollen wir nichts mehr machen.«

Kwiatkowskis Reaktion wird nur verständlich aus Herbergers Fähigkeit, selbst harte Maßnahmen den Spielern so freundschaftlich zu suggerieren, daß sie an eine Erfüllung eigener Wünsche glauben. Kwiatkowski antwortete wie erlöst: »Das meine ich auch!«

Herberger übt eine gemütliche Tyrannei aus, die bewirkt, daß beispielsweise die beiden nikotinliebenden Verteidiger Laband und Kohlmeyer sich jedesmal einschließen, wenn sie eine Zigarette rauchen, obgleich Herberger erklärt: »Verboten habe ich das Rauchen nie. Ich glaube sogar, daß es für die Verfassung eines Rauchers schädlicher ist, wenn er plötzlich aufhört, als wenn er weiter qualmt.«

Eines der vielen Mittel, mit denen Herberger die Lust seiner Truppe schürt, ist der Entzug des Fußballes über eine Reihe von Tagen, der einen wilden »Ballhunger« wachruft und neben anderen Mitteln die Mannschaft in den von Herberger gewünschten Stimmungszustand versetzt: »Wie eine Hundemeute an der Kette.«

Das Amt Blank hat kürzlich einen Beobachter ins Trainingslager Grünwald des Deutschen Fußball-Bundes entsandt. Er sollte Herbergers Methode studieren, in den Spielern den Antrieb zur Höchstleistung zu wecken. Eine sonderbare Verkehrung der Dinge hat sich vollzogen. Fußballtrainer Otto Nerz war vom preußischen Unteroffizier beeinflußt. Sport wurde Dienst. Dem Sepp Herberger will man das Geheimnis ablauschen, wie aus Dienst Sport zu machen wäre.

(1) Die erregenden Weltmeisterschaftsübertragungen lösten einen Run auf Fernsehgeräte aus. Drei Firmen (Telefunken, Saba und Mende) setzten ihre gesamten Lagerbestände ab, Philips 1000 Tischgeräte in vierzehn Tagen. Die NWDR-Leute, beglückt von dem unverdienten Segen, verkündeten: »Jetzt hat das Fernsehen wirklich begonnen.« (2) Die Fußball-Weltmeisterschaft wird seit 1930 alle vier Jahre jeweils zwischen zwei Olympischen Spielen ausgetragen. Sie ist das eigentliche Olympia des Fußballs, an dem auch die von den Olympischen Spielen wegen der Amateur-Bestimmungen ausgeschlossenen Berufsspieler-Mannschaften teilnehmen können. (3) In diesem Jahr wurde der Betrag gemäß einer Vereinbarung mit dem Bundesfinanzministerium auf 320 Mark netto erhöht. (4) Rochade: Doppelzug im Schachspiel, bei dem der König mit dem Turm seine Stellung wechselt; im übertragenen Sinne: taktischer Stellungswechsel wichtiger Personen. (5) Otto Nerz, der als Volksschullehrer begonnen hatte und später Professor der Sportmedizin wurde, starb 1947 im sowjetzonalen KZ Sachsenhausen. (6) Herberger spielte in den Jahren 1921 bis 1925 dreimal als Innenstürmer international. Zeitgenossen seiner aktiven Jahre waren Berühmtheiten wie Harder, Jäger, Seiderer, Franz, Sutor, Träg, Sobek. [Grafiktext]

DER MITTELLÄUFER ALS »STOPPER«

WM-Formation und
»Magisches Viereck«
LINKSAUSSEN
MITTELSTURMER
RECNTSAUSSEN
HALBLINKS
HALBRECHTS
LINKER
LÄUFER

RECHTER
LÄUFER

LINKER
VERTEIDIGER

MITTELLÄUFER
RECHTER
VERTEIDIGER

TORWART

[GrafiktextEnde]

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