44 oder 45 Stunden? - DER SPIEGEL
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ARBEITSZEIT 44 oder 45 Stunden?

• aus DER SPIEGEL 44/1957
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Frankfurter Bundeszentrale der Industriegewerkschaft Metall geht seit einigen Tagen ein Mann mit amerikanischem Bürstenhaarschnitt und energisch vorspringenden Kinn ein und aus. Sein Name wird sogar Sekretärinnen und Gewerkschaftsangestellten gegenüber streng geheimgehalten.

Das Auftauchen des geheimnisvollen Unbekannten hat in der Zentrale des Gesamtverbandes der metallindustriellen Arbeitgeberverbände in Köln große Unruhe ausgelöst. Einem Vertrauensmann der Arbeitgeber war es nämlich gelungen, das Inkognito des Unbekannten teilweise zu lüften. Der V-Mann der Metallindustriellen fand heraus, daß es sich bei dem Unbekannten um einen Streikexperten der amerikanischen Automobilarbeiter-Gewerkschaft handelt. Er ist eigens nach Frankfurt gekommen, um Otto Brenner, den Vorsitzenden der IG Metall, bei seinem bevorstehenden Kampf um die Arbeitszeitverkürzung in der Metallindustrie zu beraten.

Zu dem ungewöhnlichen Schritt, Verstärkung aus den Vereinigten Staaten anzufordern, sah sich Otto Brenner veranlaßt, seit sich in der Frage einer weiteren Arbeitszeitverkürzung die Fronten auf beiden Seiten verhärtet haben.

Als vor wenigen Tagen die IG Metall in Württemberg-Baden, Hessen und Bremen die mit den Arbeitgebern abgeschlossenen Tarifverträge zum 31. Oktober kündigten, kommentierte der Vorsitzende des Verbandes der Metallindustriellen, Fabrikant Hans Bilstein, diesen Schritt mit der Feststellung, daß die Industrie Otto Brenners pauschale Forderung

- Verkürzung der Wochenarbeitszeit von

45 auf 44 Stunden und

- 10 Prozent Lohnerhöhung

keinesfalls bewilligen werde.

Die Metallindustriellen hatten zwar während der letzten Verhandlungen mit Otto Brenner durchblicken lassen, daß sie nicht abgeneigt seien, den Metallarbeitern eine angemessene Lohnerhöhung von etwa fünf bis sechs Prozent zu gewähren. Jede Diskussion über eine Arbeitszeitverkürzung dagegen verweigerten sie. Bilstein will durch diese Absage an die Gewerkschaften den Arbeitgeberverbänden anderer Industriezweige beweisen, daß die Metallindustrie diesmal entschlossen ist, Solidarität zu üben, und nicht - wie im vergangenen Jahr - mit einem sozialen Zugeständnis vorzuprellen.

Im Sommer letzten Jahres hatte Bilstein nämlich zum Verdruß - der Verbandsmanager anderer Industriegruppen mit Otto Brenner das sogenannte »Bremer Abkommen« ausgehandelt, das die Wochenarbeitszeit in der gesamten westdeutschen Metallindustrie von 48 auf 45 Stunden verkürzte. Die Folgen dieses Zugeständnisses waren - vom Standpunkt der Arbeitgeber aus betrachtet - verheerend. Seit Inkrafttreten des Bremer Abkommens mußten auch andere Industriezweige unter dem Druck gewerkschaftlicher Forderungen die Arbeitszeit verkürzen. Fast die Hälfte der westdeutschen Berufstätigen arbeitet seit einigen Monaten bei vollem Lohnausgleich weniger als 48 Stunden in der Woche, Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in der Industrie liegt bei 46,6 Stunden.

Die Industrie-Verbände sind dem Hans Bilstein heute noch gram, weil er das Bremer Abkommen unterschrieb, zumal seine eigene Branche, die gut verdienende Metallindustrie, die Arbeitszeitverkürzung ohne Produktionsausfall überstehen konnte. »Dies war . . . dadurch möglich«, erklärte kürzlich der Verband der Metallindustriellen, »daß die Zahl der Beschäftigten erhöht wurde und daß ein Teil des Produktionsausfalls durch damals bereits vorgenommene Rationalisierungen in den Betrieben wettgemacht werden konnte.«

Offenbar unter dem Eindruck, die Metallindustrie könne sich bei den kommenden Tarifverhandlungen wiederum zu unüberlegten, Zusagen verleiten lassen, schrieb der Hauptgeschäftsführer des Unternehmensverbandes Ruhrbergbau, Oberbergrat außer Diensten Theobald Keyser, am 26. August an den Verband der Metallindustriellen einen Brief, in dem er den Vorsitzenden Hans Bilstein ermahnte: »Ich möchte darauf hinweisen, daß wir in dem Kampf um die Spitzenstellung des Bergmannes in der Lohnskala... sorgfältig darauf sehen müssen, daß andere Wirtschaftszweige nicht sozial vorprellen.«

Der Oberbergrat erinnerte Hans Bilstein daran, »daß jedes Prozent Lohnsteigerung, welches Sie zugestehen werden, auch in gleicher Weise als Forderung der IG Bergbau auf uns zukommt«. Keyser verstieg sich in seinem Brief sogar dazu, den Metallindustriellen massiv zu drohen: »Wir machen deshalb darauf aufmerksam, daß jedes Prozent Lohnsteigerung im Steinkohlenbergbau eine Erhöhung des Kohlenpreises von mindestens 40 Pfennig je Tonne bedeuten wird. Diese zusätzlichen Kosten, müßten gegebenenfalls in den Kalkulationen Ihrer Betriebe berücksichtigt werden.«

Ebensosehr wie eine Lohnerhöhung fürchtet der Unternehmensverband Ruhrbergbau aber auch eine Arbeitszeitverkürzung in der Metallindustrie auf 44 Stunden in der Woche. Um das Abwandern der Bergleute in andere Industriezweige zu verhindern, müssen die Kohlenzechen darauf bedacht sein, ihren Arbeitern auch im Hinblick auf die Arbeitszeit die Spitzenstellung zu sichern.

Die Arbeitszeit unter Tage ist im Steinkohlenbergbau tariflich auf 43,2 Arbeitsstunden wöchentlich festgesetzt. Sollte den unter weniger schweren Bedingungen schaffenden Metallarbeitern die 44-Stunden-Woche zugestanden werden, dann würde der Metallarbeiter in der Woche nur noch 48 Minuten oder täglich nur acht Minuten länger arbeiten als der Bergmann. Um den Vorsprung zu halten, müßten sich die Zechen zu einer weiteren Arbeitszeitverkürzung entschließen.

In diesem Fall würde sich Hans Bilstein auch noch die restlichen Sympathien seiner Arbeitgeberkollegen verscherzen. Er ließ deshalb, ganz im Sinne des Ruhrbergbaus, erklären, daß nun auch die Reserven der Metallindustrie erschöpft seien., Es bedürfe einer längeren Atempause, um die Voraussetzungen für einen weiteren Schritt in der Arbeitszeitverkürzung zu schaffen.

Für den IG Metall-Boß Brenner bedeutet die Arbeitszeitverkürzung mehr als nur einen neuen gewerkschaftlichen Erfolg im Kampf um eine verbesserte soziale Stellung der Arbeitnehmer; für Otto Brenner ist die Arbeitszeitverkürzung mit einem persönlichen Prestigegewinn innerhalb des Deutschen Gewerkschaftsbundes verknüpft. Als einer der Verfasser des gewerkschaftlichen Aktionsprogramms, das als Ziel die 40-Stunden-Woche proklamierte, wurde Brenner seit Verkündung des Programms - am 1. Mai 19 55 - nicht müde, seine Gewerkschaftskollegen immer wieder zu ermahnen, über Lohnforderungen die Arbeitszeitverkürzung nicht zu vergessen. Schon jetzt nimmt Otto Brenner für sich in Anspruch, als Vater der Arbeitszeitverkürzung in die deutsche Gewerkschaftsgeschichte einzugehen.

Nun mußte Brenner allerdings in jüngster Zeit feststellen, daß sogar linientreue Funktionäre für seine ehrgeizigen Pläne nicht immer das erwünschte Verständnis aufbringen. Dies zeigte sich deutlich auf einer Funktionärssitzung im Bremer Gewerkschaftshaus, in dem die Tarifkommission der Bremer IG Metall tagte, um über die bevorstehenden Verhandlungen mit den Arbeitgebern zu beraten.

Einige Delegierte schlugen vor, außer Lohnerhöhungen eine Arbeitszeitverkürzung um zweieinhalb Stunden zu verlangen. Aber es wurden auch Stimmen laut, die verkündeten, daß die meisten Kollegen einer Arbeitszeitverkürzung wenig Sympathie entgegenbrächten und daß die Tarifkommission ihre Bemühungen lieber auf kräftige Lohnerhöhungen konzentrieren solle.

Diesen Extremisten las der von Otto Brenner instruierte Bevollmächtigte der Ortsverwaltung der Industriegewerkschaft Metall Bremen, Helmut Jolk, die Leviten: »Ihr habt nicht alle Tassen im Schrank. Wir müssen etwas fordern, was wir brauchen und was die Industrie auch gestatten kann.« Gleich vielen Delegierten auf der Funktionärssitzung erklärten aber auch die Bremer Automobilarbeiter von Borgward und Lloyd, daß sie im Gegensatz zu Lohnerhöhungen an einer weiteren Arbeitszeitverkürzung nicht sonderlich interessiert seien.

Diese mangelnde Kampfbereitschaft der Metallarbeiter für die Arbeitszeitverkürzung erklärt sich nicht zuletzt aus den Erfahrungen, die sie nach der letzten Arbeitszeitverkürzung durch das Bremer Abkommen sammeln mußten. Von diesem Abkommen hatten die Arbeiter viel weniger eine verlängerte Freizeit als eine kräftige Auffüllung ihrer Lohntüten erwartet.

Sie hatten gehofft, daß sich die Industrie angesichts der 45-Stunden-Woche entschließen würde, verstärkt Überstundenschichten mit 25prozentigem Lohnzuschlag einzulegen, um einen Produktionsausfall zu vermeiden. Diese Hoffnungen wurden jedoch enttäuscht. Die Betriebsleitungen zogen es vor, ihre Stammbelegschaft um rund vier Prozent zu erhöhen und auf diese Weise kostspielige Überstunden einzusparen. Jetzt müssen die Metallarbeiter fürchten, daß sich eine erneute Arbeitszeitverkürzung ähnlich auswirkt. Sie verlangen daher - um sicherzugehen - höhere Tariflöhne und verzichten gern auf längere Freizeit.

Otto Brenner dagegen hält stur an seinem Aktionsprogramm fest. Unlängst drohte er: »Ein Kampf wird unausbleiblich sein, wenn die Metallindustriellen eine kompromißlose Haltung in der Frage der Arbeitszeitverkürzung einnehmen oder sich auf eine Verschleppungstaktik einstellen.« So gewarnt gingen die Arbeitgeber eilig daran, sich ihrerseits auf einen möglichen Streik vorzubereiten. Sie präparieren sich bereits auf eine Abwehr des drohenden Arbeitskampfes und lenken soviel Aufträge wie möglich in die vorläufig noch neutralen Tarifgebiete. So wurden wie die Betriebsfunktionäre der IG Metall ihrer Zentrale meldeten - zum Beispiel eine Anzahl Schiffbau- und Reparaturaufträge von Bremen nach Hamburg und Schleswig-Holstein umdirigiert.

Die Hoffnung der Arbeitgeber, die Gewerkschaften könnten vor Weihnachten keinesfalls einen Streik riskieren, ohne die Arbeiterschaft zu verstimmen, ist in Pessimismus umgeschlagen: Das Landesarbeitsgericht Kiel verurteilte dieser Tage eine Lübecker Werft, die Flender-Werke AG, ihren Arbeitern, die im vergangenen Jahr streikten, das Weihnachtsgeld nachzuzahlen.

Arbeitgeber-Chef Bilstein

Mehr Lohn...

Arbeitnehmer-Chef Brenner

... für weniger Arbeit

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