62,34 Sekunden pro Minute
Nr. 6/2006, Tarifpolitik: Gewerkschafter und Politiker fordern mehr Geld für die Arbeitnehmer
Die soziale Gerechtigkeit steht längst auf dem Prüfstand. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Es ist nachvollziehbar und völlig legitim, wenn hartarbeitende Menschen, die der globalen Lohnentwicklung ausgeliefert sind, für eine bessere Bezahlung kämpfen und streiken. Aber dass Staatsbezahlte vom Öffentlichen Dienst, die einen sicheren, gutbezahlten Arbeitsplatz haben, streiken, weil sie pro Tag 18 Minuten länger arbeiten sollen, halte ich für unverantwortlich und kontraproduktiv. So wird unser Staat zur Beute organisierter Sonderinteressen.
NIEDEN (MECKL.-VORP.) OLIVER GANSKE
Die geplante Mehrwertsteuererhöhung frisst eine Lohnerhöhung auf; lediglich der Finanzminister bedient sich noch zusätzlich der daraus anfallenden Lohnsteuern. Deshalb keine Mehrwertsteuererhöhung, damit auch tatsächlich den Verbrauchern mehr Geld für den Konsum zur Verfügung steht und somit Wirtschaftswachstum gewährleistet ist und Arbeitsplätze gesichert werden.
EMMENDINGEN HORST SIMON
Leider hat nun auch noch der SPIEGEL die dummdreiste Argumentation der öffentlichen Arbeitgeber übernommen, 18 Minuten Mehrarbeit am Tag sei doch eigentlich ein Vergnügen und zumutbar. Man verpackt eine ungerechtfertigte längere Arbeitszeit in eine kleine Einheit, um sie besser verkaufen zu können. Aufs Jahr gerechnet wären das aber bereits circa neun zusätzliche Arbeitstage - in einem Arbeitsleben von 45 Jahren ganze 400 Tage. Ich könnte auch eine für Befürworter der 40-Stunden-Woche angenehmere Rechenvariante anbieten: Die Arbeitsminute beträgt künftig 62,34 Sekunden.
WALLDORF PETER HARBRECHT
Die Drohung, bei der Müllabfuhr, in Kindertagesstätten und Krankenhäusern werde nun jeder Stadt- und Landkreis den Arbeitskampf zu spüren bekommen, gibt Anlass, grundsätzlich darüber nachzudenken, ob diese Inanspruchnahme des Arbeitskampfrechts seinem verfassungsrechtlichen Zweck gerecht wird. Das Druckmittel des Streiks war gegen kapitalistische Arbeitgeber erdacht und sollte dazu beitragen, zwischen diesen und den Arbeitnehmern ein ausgewogenes Kräfteverhältnis herzustellen. Wo auf der Arbeitgeberseite der Staat, also öffentliche Institutionen stehen, bekommt den Druck die Gesamtheit der
Bürger zu spüren, am stärksten oft sogar ein besonders schutzbedürftiger Teil.
ERLANGEN PROF. DR. REINHOLD ZIPPELIUS
Was für Heuchler sind doch die öffentlichen Arbeitgeber: Als »Regierung« fordern sie mehr Lohn, um die Kaufkraft zu stärken, als Arbeitgeber tun sie das Gegenteil. Und den Gewerkschaften, speziell Ver.di, geht es ja leider auch nur um die eigene Macht: Wer über Jahre im Öffentlichen Dienst massiven Stellenabbau und Reallohnkürzungen im Austausch für eine quälend langsame Angleichung der Ost- an die Westgehälter und den Konsens mit den Genossen in der Regierung ohne Probleme durchwinkt, sollte sich jetzt nicht selbst feiern für einen sinnlosen Streik.
BONN ANTJE SCHMALBRUCH