DRITTE WELT »7000 Aidstote pro Tag«
Schaaber, 46, ist Sprecher der »Buko-Pharmakampagne«. Seit 19 Jahren setzt sich diese Organisation für die Arzneimittelversorgung in der Dritten Welt ein. Mit Initiativen in 70 Ländern vernetzt, wird sie von den großen Kirchen und der Europäischen Union unterstützt. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: In der letzten Woche haben fünf große Pharmakonzerne gegenüber der Uno signalisiert, dass sie in Zukunft Anti-Aids-Medikamente bis zu 90 Prozent billiger als bisher in die Länder der Dritten Welt liefern wollen. Macht Ihnen das Mut?
Schaaber: Das ist ein Anfang. Für Aidskranke in Afrika oder Indien ist die bei uns übliche und lebensverlängernde Behandlung bisher völlig unbezahlbar.
SPIEGEL: Können billige Arzneien das Aidsproblem in Afrika lösen?
Schaaber: Das natürlich nicht. Für mehr als 90 Prozent der Kranken ist selbst ein Zehntel des bisherigen Arzneipreises noch viel zu viel. Und selbst wenn sie die Mittel bekämen, fehlt es oft an der nötigen medizinischen Infrastruktur. Meist gibt es nicht einmal Aidstests.
SPIEGEL: Müssen die Pharmafirmen denn um ihren Profit bangen?
Schaaber: Wenn die ihre überhöhten Gewinnspannen reduzieren, verdienen sie ja immer noch Geld. Wir dürfen nicht vergessen: Das ist die profitabelste Industrie der Welt.
SPIEGEL: Die US-Regierung betrachtet die globale Seuche neuerdings als Gefahr für die nationale Sicherheit des Landes und empfiehlt deshalb, die Preise der Anti-Aids-Medikamente noch viel stärker zu senken, auf zwei bis drei Prozent ...
Schaaber: Bei dem jetzigen Entgegenkommen der Pharmaindustrie handelt es sich ohne Zweifel um das Ergebnis internationalen Drucks, immerhin sterben jeden Tag bereits 7000 Menschen an Aids. Es ist aber sicher auch der Versuch, weitergehende Maßnahmen zu verhindern. Die haben vor allem Angst vor Eingriffen in das Patentrecht.
SPIEGEL: Was für Eingriffe könnten das sein?
Schaaber: Südafrika und Thailand haben bereits Gesetze erlassen. Eine Notlage rechtfertigt es demnach, sich über die Patentinteressen von Pharmafirmen hinwegzusetzen. Diese Länder produzieren die Medikamente dann selbst in so genannten Zwangslizenzen. Das ist viel billiger.
SPIEGEL: Ist der Aufbau einer eigenen Pharmaindustrie in Dritte-Welt-Staaten überhaupt möglich?
Schaaber: Möglich schon. Aber es gibt dabei natürlich erhebliche Schwierigkeiten. Zum Beispiel braucht man für eine tiefe Produktion eine chemische Grundindustrie, die haben nur wenige Länder, etwa Ägypten, Indien, Thailand, Südkorea.
SPIEGEL: Würden billige Medikamente in der Dritten Welt nicht unweigerlich auch auf den europäischen oder auf den US-Markt gelangen? Die Gewinnspannen wären schließlich fast so hoch wie im Drogenhandel.
Schaaber: Diese Gefahr wird von der Pharmaindustrie immer hochgespielt. Die verbilligten Medikamente würden ja über staatliche Versorgungsstrukturen vertrieben werden, nicht über den freien Markt.
SPIEGEL: Deutet das Entgegenkommen der Pharmaindustrie darauf hin, dass es künftig möglich sein könnte, bei armen Ländern zu unterscheiden: wirklich unverzichtbare Medikamente zum Billigpreis, verzichtbare zum Weltmarktpreis?
Schaaber: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat versucht, eine Liste der 300 wichtigsten Arzneimittel zusammenzustellen. Unsere Kampagne hat aber herausgefunden, dass nur 20 Prozent der von deutschen Firmen in der Dritten Welt angebotenen Mittel auf dieser Liste stehen. Schlimmer noch: 42 Prozent sind kaum wirksam oder schädlich. Einige wurden in Deutschland sogar verboten, etwa das Schmerzmittel Buscopan compositum, das noch immer von Boehringer Ingelheim vertrieben wird.
SPIEGEL: Wonach richtet sich dann der Preis dieser Präparate?
Schaaber: Es gibt arme Länder, Südafrika etwa, aber auch einige lateinamerikanische Länder, wo deutsche Präparate viel teurer verkauft werden als in Deutschland. Dasselbe Markenprodukt weist manchmal Preisdifferenzen von mehreren hundert Prozent auf. Am billigsten sind die Mittel meist in Indien - nicht weil die Inder so arm sind, sondern weil das Patentrecht dort nicht anerkannt wird.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt das Patentrecht im Arzneimittelmarkt der Dritten Welt?
Schaaber: Eine wachsende und zunehmend negative. Früher waren die meisten unentbehrlichen Arzneimittel nicht patentgeschützt. Bei den Aidsmedikamenten ist das anders. Deshalb sind sie ja so teuer.
SPIEGEL: Und die Patentrechte gehören immer den Ländern der Ersten Welt?
Schaaber: Nahezu ausnahmslos. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass das Patentrecht für Arzneimittel auch in den entwickelten Industrieländern erst in den fünfziger und sechziger Jahren Gestalt angenommen hat. Vorher konnte man keine Wirkstoffe patentieren, nur Warenzeichen oder etwa Produktionsverfahren. Unter diesen Bedingungen ist die europäische und amerikanische Pharmaindustrie so stark geworden. Und eben diese Startvoraussetzungen werden der Dritten Welt jetzt vorenthalten. INTERVIEW: HANS HALTER