84 Pfeffer - DER SPIEGEL
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TERRORISMUS 84 Pfeffer

Panne bei der Polizei: Für den Vorgänger des von Terroristen getöteten Spitzendiplomaten von Braunmühl wurden besondere Schutzmaßnahmen getroffen, beim Nachfolger nicht. *
• aus DER SPIEGEL 44/1986
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Stundenlang marschierte Hermann Sirch durch den stillen Bonner Stadtteil Ippendorf, klingelte an Türen, sprach mit den Bewohnern und hinterließ ein kleines Faltblatt - wie ein Vertreter.

Doch Sirch, Polizeiobermeister von der Wache Poppelsdorf, arbeitete für die Sicherheit zweier Mitbürger.

Was er verteilte, stammte aus dem Bundeskriminalamt (BKA) und begann mit den wenig beruhigenden Worten: »Sie wohnen in der Nachbarschaft einer Person, die aufgrund ihrer Stellung im öffentlichen oder im Wirtschaftsleben bevorzugtes Angriffsobjekt krimineller Aktivitäten sein könnte. Sie und Ihre Familienangehörigen können dazu beitragen, daß derartige Aktionen frühzeitig erkannt und abgewehrt werden.

Dann folgte eine lange Liste von Verhaltensregeln, beispielsweise auch für die Annahme »irgendwelcher Gegenstände, die Ihnen später als sprengstoffverdächtig erscheinen«. BKA-Tip: »Nicht rauchen, sofern offenes oder loses Pulver o.ä. freiliegt!«

Wer dem Kriminalamt als »bevorzugtes Angriffsobjekt« erschien, wußte in Sirchs Sprengel kaum einer. Am Abend des 10. Oktober wurde in Bonn-Ippendorf der Diplomat Gerold von Braunmühl, Leiter der Politischen Abteilung 2 im Auswärtigen Amt, auf offener Straße von Terroristen der »Roten Armee Fraktion« ( RAF) erschossen. Ihm hatten die Vorwarnungen nicht gegolten - obschon sein Vorgänger als gefährdet eingestuft worden war.

Karlsruhe, 14. Juli 1984: In der Bahnhofstraße 1 enttarnen Fahnder eine konspirative Wohnung der RAF. Sie finden, so ein Polizist, »viel Schreibkram, einen Haufen Papier«, unter anderem eine Notiz über das Komitee »Europäische Politische Zusammenarbeit« (EPZ): »Struktur der EPZ: Sie treffen sich monatlich. Von der BRD ist es der Leiter der Polit. Abteilung des AA - 82 G. Poensgen.«

Hier irrte die RAF. Diplomat Gisbert Poensgen, von 1979 bis 1985 Botschafter bei der EC in Brüssel, war nie Abteilungschef im Auswärtigen Amt. Ein handschriftlicher Zusatz aber, offenbar von der Alt-Terroristin Sigrid Sternebeck verfaßt, war korrekt: »84 Politischer Direktor Pfeffer«.

Franz Pfeffer hatte 1981 als Ministerialdirektor die Leitung der Politischen Abteilung 2 übernommen. Im August 1983 beschrieb er in der »FAZ« die Funktion jener EPZ, die, so Pfeffer, eine »zweite Dimension« der Europäischen Gemeinschaft sei und die »nationalen Außenpolitiken von 270 Millionen Menschen« bündele.

Der »FAZ«-Artikel fand sich auch in der Karlsruher Terroristenunterkunft (SPIEGEL 43/1986). Nach Auswertung des Fundes reagierte das Bundeskriminalamt: Pfeffer wurde als bedroht eingestuft und fortan besonderem Schutz unterstellt.

Drei Sicherheitsstufen kennt die in allen Bundesländern geltende »Polizeidienstvorschrift (PDV) 100": Erhebliche Gefährdung, »mit einem Anschlag ist zu rechnen« (Stufe 1 ); Gefährdung, »ein Anschlag ist nicht auszuschließen« (2); »Gefährdung der Person ist nicht auszuschließen« (3).

Hat die Polizei eine Gefährdungsstufe festgelegt, kommen in der Regel sechs Sicherheitsvorkehrungen in Betracht - von der »standigen Begleitung der gefährdeten Person« bis zur »Bestreifung des Objekts zu unregelmäßigen Zeiten im Rahmen des Streifendienstes«.

BKA-Beamte übernehmen dabei nur den Schutz der Mitglieder von Verfassungsorganen und des Personals ausländischer Missionen. Alles andere hat die Schutzpolizei vor Ort zu erledigen - wie auch bei Braunmühl-Vorgänger Pfeffer. Der Diplomat war, bestätigt die Bonner Polizei, seit Anfang 1985 »in besondere Schutzmaßnahmen einbezogen« gewesen. Sie endeten, weil Pfeffer im Mai letzten Jahres als Botschafter nach Warschau ging.

Der Wechsel im Amt, von Pfeffer zu Braunmühl, aber führte bei den Sicherheitsbehörden zu keinerlei Konsequenz. Sie versäumten, die Gefährdungsanalyse um den Namen von Braunmühl zu ergänzen. Dabei war den zuständigen Beamten »ziemlich klar« gewesen, so ein Kripo-Experte, daß sich die Terroristen nicht die Person sondern die Funktion des Abteilungsleiters als mögliches Ziel vorgenommen hatten.

So beschrieb es die RAF später in ihrem Bekennerbrief: »Unser Angriff zielt auf den aggressiven BRD-Staatsapparat in seiner Funktion als Kernstaat der politischen Formierung Westeuropas in der imperialistischen Kriegsstrategie«, von Braunmühl sei dabei »eine der zentralen Figuren« gewesen.

Eine Mitteilung über »Veränderungen » im Listenkomplex«, sagt der Bonner Polizeipräsident Hans-Wilhelm Fritsch über die Polizei-Tabelle gefährdeter Personen, habe »gefehlt«. Fritsch: »Ein Orts- oder Dorfsheriff wie ich kann nicht alles wissen.«

Fritschs Mitarbeiter Sirch, Beamter des Bezirks- und Ermittlungsdienstes, hatte indes die Ippendorfer Bürger um Aufmerksamkeit in anderen Fällen gebeten. Der frühere persönliche Referent eines CDU-Bundesministers, mittlerweile Spezialist für Weltraumforschung, schien gefährdet, auch Klaus Dieter Leister, ehedem Kanzler-Berater bei Helmut Schmidt und nun Chef der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei.

Das BKA bat im Faltblatt, »die Identität von Ihnen bestellter Handwerker, Lieferanten usw.« zu prüfen. Kennzeichen fremder, »evtl. mit Funk ausgerüsteter Kfz«, die sich im Viertel »ohne erkennbaren Grund aufhalten (z.B. öfter vorfahrende Taxen, die weder Fahrgäste bringen noch abholen, Wohnmobile und Transportfahrzeuge)«, sollten registriert werden.

Aus der Nachbarschaft Leisters und des Forschungsspezialisten kamen keine Meldungen. Gerold von Braunmühl wohnte nur wenige hundert Meter entfernt. _(Mit Blumenschmuck am Tatort. )

Mit Blumenschmuck am Tatort.

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