Abschied vom »pipi rustique«
Tennis-Crack Nicolas Kiefer wusste nicht, wie ihm geschah. Um 2 Uhr morgens, auf dem Rasen vor dem Restaurant »Macarena« in Miami, stürzte ein muskulöser Mann auf ihn zu und riss ihn zu Boden.
»Ich bin der viertbeste Spieler der Welt, lass mich in Ruhe«, flehte der Spitzensportler - vergebens, der Wachmann legte ihm Handschellen an. Dass öffentliches Wasserlassen in Miami streng verboten ist, war dem angeheiterten Weltstar nicht bewusst.
In Kiefers deutscher Heimat gilt wildes Urinieren weithin noch immer als (männliches) Ur- und Naturrecht. Wer sich etwa in den welfischen Stammlanden rund um Hannover auf einem dörflichen Schützenfest nachts hinter dem Zelt erleichtert, riskiert höchstens, einen elektrischen Weidezaun zu tangieren.
Auch in ländlichen Regionen Frankreichs wird nach wie vor das »pipi rustique«, das Pinkeln in Gottes freier Natur, zelebriert. Dabei verbirgt sich der Gallier keineswegs immer hinter Busch oder Baum; mancher erklimmt vielmehr, wie der Schriftsteller Peter Mayle beobachtete, eigens »einen Felsen, wo sich seine Silhouette dann wie die eines von der Meute gestellten Rothirschs gegen den Himmel abhebt«.
Weltweit setzt sich allerdings mehr und mehr die Auffassung durch, dass Freipinkler, zumal in urbanen Zonen, »ein untrügliches Zeichen für einen Rückfall im Zivilisationsprozess« sind. So jedenfalls kommentiert der niederländische Soziologe Abram de Swaan die Neigung vieler Landsleute, »dem Drang nachzugeben, den man doch von Kindestagen an zu beherrschen gelernt hat«. Selbst im traditionell liberalen Holland müssen ertappte »Wildplassers« bis zu 500 Gulden (445 Mark) Strafe zahlen.
Seit New York allen Verwahrlosungstendenzen mit »zero tolerance« begegnet, drohen Open-Air-Pinklern dort zwei Tage Arrest. Selbst eine Großmutter, die ihren vierjährigen Enkel im Central Park abhielt, wurde von der Parkpolizei schon mit gezogener Pistole gestellt - Folge: 50 Dollar Bußgeld wegen Verbreitung von »noxious liquid« (gefährlicher Flüssigkeit).
Noch rigoroser geht Singapur mit Schmutzfinken um. In vielen Aufzügen der südostasiatischen Erziehungsdiktatur sind Harnstoffdetektoren installiert, die im Alarmfall die Lifttür blockieren und die Polizei alarmieren, damit der Pinkler arrestiert werden kann.
Hightech kommt auch in Deutschland zum Einsatz, wie etwa im Frankfurter Hauptbahnhof, der mit rund 100 Kameras überwacht wird. Lokalreporter erlauschten in der Monitorzentrale einen typischen Einsatz. Alarmruf: »Da, der pinkelt!« Zentrale an Außendienst: »Achtung, am Südeingang!« Festnahme nach 30 Sekunden, zufriedener Kommentar: »Das kostet den 20 Mark Strafe.«
Um ihre City nicht zum Pissoir verkommen zu lassen, haben etliche Kommunen ihre Vorschriften verschärft. Wildpinklern drohen Bußgeldverfahren und im Wiederholungsfall wie auch auf der Expo 2000 Platzverweise.
Allerdings: Bei Massenveranstaltungen ist das Verbot kaum durchsetzbar. Der Harndrang der Love-Paradisten beispielsweise, die im Berliner Tiergarten bis zu 800 000 Liter Urin versickern lassen, kann mit Polizeimitteln nicht gestoppt werden.
Gefährlich hingegen lebt, wer Privatgrund besudelt. Im Mai 1998 feuerte im Brandenburgischen ein Beamter drei Warnschüsse ab, nachdem ein 19-Jähriger in seinen Garten eingedrungen war, wo er »nur mal eben austreten« wollte. Ein Jahr später erstach nahe Weimar ein Hausbewohner einen 24-Jährigen, der an eine Wand uriniert hatte.