BÜCHER Abstehende Ohren
Als Petrus vor der Christenverfolgung aus Rom fliehen wollte, erschien ihm auf der Via Appia der Heiland und bewog ihn mit der Frage »Quo vadis?« zur Umkehr. Die Fußabdrücke, die der Auferstandene bei dieser Gelegenheit hinterlassen hat, galten bisher als recht S.216 obskures Heiligtum - nun aber kommt Philipp Vandenberg und weiß aufgeregt zu melden: Die Schuhnummer dieser Abdrücke paßt »ziemlich genau« zu den Füßen auf dem berühmten Turiner Leichentuch. O Wunder!
Mit so abseitigen Histörchen muß Vandenberg, der bestsellernde bayrische Pharaonenfledderer, ein Buch aufmotzen, das doch eigentlich die »Wahrheit« über Nero offenbaren will - doch über Nero sind seit gut 1800 Jahren keine nennenswerten Neuigkeiten bekanntgeworden, und die Detail-Verläßlichkeit der spätantiken Geschichtsschreiber bleibt unüberprüfbar wie eh und je.
Was Vandenberg also, wohl oder übel, dem Tacitus und dem Sueton nacherzählt und gelegentlich mit einem Verschnitt aus den gut hundertjährigen »Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms« von Ludwig Friedländer würzt, kommt in einer drögen, unsäglich holprigen Prosa daher, der nur selten eine Stilblüte Glanz gibt, etwa: »Die schneidenden Worte des Anklägers standen im Raum, als wären sie an die Wand geschrieben.«
Die »Wahrheit«? Natürlich kann auch Vandenberg nicht wissen, ob Nero ein guter oder ein schlechter Sänger war und ob er Rom hat anzünden lassen oder nicht. Daß Vandenberg aber dem römischen Senat mal 500 und mal 600 Mitglieder zuschreibt, und daß er beim Großen Brand mal »ein Zehntel der Stadt« und mal »beinahe ganz Rom« untergehen läßt, kann nur daran liegen, daß er sein eigenes Buch nicht gelesen hat. Wenn er an einem Problem lang genug herumgewurstelt hat, kommt er zum messerscharfen Schluß: »Die Frage kann heute nicht völlig ausgeschlossen, aber auch nicht bestätigt werden.«
Am Ende spitzt sich die Wahrheitssuche auf die Frage zu: War Nero wahnsinnig? Und die, immerhin, kann Vandenberg klar beantworten - dank einem Experten, der genau weiß, woran Schizophrenie zu erkennen ist: »Übernormal große Füße, sehr blasse Haut, abstehende Ohren, borstiges Haar usw.«
Und so kommt dieses Buch zu dem triumphalen Schlußsatz: »Wahnsinnig war Nero nie. Was war er aber wirklich? Ein Spielball der Geschichte.« Als Fazit von 330 Seiten eine Jahrtausend-Platitüde, die im Raum steht, als wäre sie in den Schnee gepinkelt - »Startauflage 150 000 Exemplare«, behauptet stolz der Verlag.