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TERRORISTEN Ach so

Strafverfolger wundern sich über Post aus dem Untergrund. In einem Bekennerbrief entlasten Top-Terroristen einige Randfiguren, die von der Polizei als Helfer bei Attentaten verdächtigt werden.
• aus DER SPIEGEL 52/1981
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Fast immer, wenn die Rote Armee Fraktion (RAF) an Zeitungsredaktionen Post verschickte, waren es Bekennerbriefe zu Anschlägen. Tenor: »Heute haben wir ... das Hauptquartier ... angegriffen.« Vom »Kampf in der Metropole« war die Rede, von der »Liquidierung der bestehenden Ausbeuterverhältnisse«, von einer »OFF(ensive) auf verschiedenen Ebenen«.

Attentatspläne wurden den Helfern aus dem Umfeld der Täter bestätigt ("Zeit und Ort haben Bestand"), bisherige Zielpersonen von der Abschußliste genommen: »Rebmann interessiert uns jetzt nicht ... Wir haben auch nicht vor, Schmidt in die Luft zu jagen.«

Als in diesen Tagen bei Polizei und Presseorganen, unter anderem beim SPIEGEL, wieder ein RAF-Brief eintraf, konnte sich bei der Bundesanwaltschaft »keiner erinnern, daß es so etwas schon einmal gegeben hat« (ein Karlsruher Sprecher): eine Wortmeldung aus dem Untergrund, ohne daß zuvor Schüsse gefallen, Bomben hochgegangen oder RAF-Guerrilleros, wie 1980 in der Nähe des württembergischen Bietigheim, bei einem Verkehrsunfall zu Tode gekommen waren.

Die zweiseitige Terroristen-Epistel wird im BKA und in Karlsruhe als authentisch angesehen; die Bundesanwaltschaft sieht »nichts, was gegen die RAF-Urheberschaft spricht«. So habe der Brief »im Duktus große Ähnlichkeit« mit den in einer Heidelberger Wohnung gefundenen RAF-Texten, der »gehetzte Sprachstil«, das bestätigte der frühere BKA-Präsident Horst Herold seinen einstigen Kollegen, verrate wieder einmal den »Autoren, Christian Klar«.

Top-Terrorist Klar, wenn er denn der Verfasser ist, möchte »ein paar Tatsachen öffentlich machen ... auch wenn es sonst nicht unsere Sache ist, Gegenbeweise gegen Bullenkonstruktionen zu liefern«. Fast zornig kritisiert der Briefschreiber die Ahnungslosigkeit der Fahnder: »Die Bullen wissen nichts darüber, wie wir uns bewegen, wie wir unsere Aktionen vorbereiten, wie unsere Zusammenarbeit mit der legalen Linken praktisch aussieht.«

Neben Routine-Parolen, wie sie in früheren Texten vorgekommen sind, fiel den Fahndern eine bemerkenswerte Neuigkeit auf: Die Absender des Briefes versuchen, Randfiguren aus dem Raum Frankfurt/Mannheim, die in Untersuchungshaft sitzen oder saßen, von dem Verdacht zu befreien, an den Anschlägen auf das US-Hauptquartier in Ramstein (Ende August) und auf US-General Frederick Kroesen in Heidelberg (Mitte September) beteiligt gewesen zu sein.

Für die Attentate reklamieren die Verfasser die Urheberschaft: »Beide Aktionen haben von Anfang bis Ende nur Leute aus der RAF ausgecheckt, vorbereitet und durchgeführt.« Direkte Hilfe von »Leuten aus der Legalität« habe man nicht in Anspruch genommen. »Das ist ja eine richtige Entlastungsoffensive für Randfiguren«, bewertet ein Bundesanwalt das Schreiben.

Die RAF hat nach Meinung der Ermittler genügend Gründe, um »Leute, die nicht darauf vorbereitet sind« (Brieftext), vor Verfolgung zu bewahren. Im Raum Heidelberg gibt es zahlreiche Mitwisser, die bei Vernehmungen das Schweigegebot der RAF durchbrechen könnten. »Der oder die Briefschreiber«, deutet ein BKA-Mann die Hinweise, »haben einfach Angst, daß da welche im Knast umfallen und zu reden anfangen.«

Entlastet wird beispielsweise, weil angeblich »die ganzen Konstruktionen absurd sind«, die Mannheimerin Gabriele Gebhardt, deren Wohnung nach dem Heidelberger Attentat durchsucht worden war. »Als weiteren Gipfel«, heißt es im Text, »haben wir gehört, daß sie an der Erklärung des Kommandos Sigurd Debus (zu Ramstein) mitgearbeitet haben soll. Ach so.«

Gemessen am Verhalten von Polizei und Justiz, spricht viel für die Version des anonymen Verfassers. Die 28jährige war zunächst wegen des »Verdachts der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung« in Untersuchungshaft genommen worden. Nach fünf Wochen kam sie wieder frei, der Ermittlungsrichter verneinte »aus Gründen der Verhältnismäßigkeit eine weitere Inhaftierung«. Nachzuweisen war Gabriele Gebhardt S.84 nur, daß sie im September Anti-US-Parolen ("Haig, verpiß dich« - »Yankees verjagen, Nato zerschlagen") an Hauswände gepinselt hatte. In ihrer Handtasche fand die Polizei »konspirative Notizen« und den Textentwurf für ein Pro-RAF-Flugblatt.

Auch der fünf Monate vor dem Kroesen-Attentat verhaftete Karl-Friedrich Grosser, 25, wird durch den Bekennerbrief entlastet. Bei ihm hatte die Polizei im April einen Zettel gefunden, auf dem auch als Motorrad-Kennzeichen »HD-LD 291« vermerkt war.

Anfang Juni hatte Kroesen auf der Fahrt zum Hauptquartier an einer Ampel ein Motorrad bemerkt, dessen Fahrer auffällig oft in den Wagen des Generals schaute. Das Krad-Kennzeichen, das Kroesen sich notierte: HD-LD 291. Die Schlußfolgerung des BKA, daß Grosser »irgendwie etwas« mit der Sache zu tun haben müsse, versuchten die Brief-Autoren nun zu dementieren: »Tatsache ist, daß ein Motorrad zu keiner Zeit in der Vorbereitung zu dieser Aktion eine Rolle gespielt hat.«

Helga Roos, die laut BKA-Lagebericht »die fünf ''Kakao-Gold''-Flaschen beschafft« haben soll, die nach dem Kroesen-Anschlag im Heidelberger Schloßwald sichergestellt wurden, war nach den Angaben des Briefschreibers an den Tatvorbereitungen ebenfalls nicht beteiligt: »Wenn es eine Flasche mit ihren Fingerabdrücken gibt, dann haben sie die Bullen dort hingelegt oder die Abdrücke nachträglich draufgemacht.«

Tatsächlich gibt es auf den Flaschen keine Roos-Fingerabdrücke, wie in einigen Zeitungen fälschlich zu lesen war. Das BKA beruft sich jedoch auf »andere« Spuren.

Ganz spurlos bewegt sich auch Top-Terrorist Christian Klar nicht in deutschen Landen. Zeugenaussagen erlauben den Schluß, daß die Briefschreiber, als Ärzte und Sanitäter getarnt, bei Touren durch die Bundesrepublik aufgefallen sind. So wurde am 1. September, einen Tag nach dem Ramstein-Attentat, ein gelber VW-Passat auf der Bundesstraße 27 im hessischen Bad Sooden/ Allendorf in einen leichten Unfall verwickelt.

Weil kein schwerer Schaden entstanden war, einigten sich die Beteiligten ohne Polizei und tauschten Adressen aus. Der VW-Fahrer zeigte einen Kfz-Schein vor, der für eine »Praxis Dr. Elvira Koock« ausgestellt war - eine Adresse, die bei den Ärztekammern nicht registriert ist. Zeugen identifizierten später Christian Klar als Fahrer und Brigitte Mohnhaupt als seine Beifahrerin.

Das Kennzeichen des VW (HD - SU 966) hatten sich Polizeibeamte auch kurz nach dem Attentat auf Kroesen notiert. Eines der Tatfahrzeuge, ein Audi, war exakt so markiert. Im Fond des Wagens lag ein Arztkittel, an der Frontscheibe haftete ein Aufkleber mit dem Äskulapstab, dem Erkennungszeichen der Ärzte.

S.83Der Personenkraftwagen vom Typ Audi 80 und das Motorrad vom TypHonda 400 dienten Terroristen nach dem Attentat auf US-GeneralKroesen am 15. September in Heidelberg vermutlich alsFluchtfahrzeuge; im Audi wurde ein Arztkittel entdeckt.*

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