Ackersegen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 20 / 61

Ackersegen

• aus DER SPIEGEL 13/1949
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ueber Sylts Hindenburgdamm zwischen Morsum und Niebüll rollen bei Windstärke 10 jetzt Italiener Hähne mit ihren breitbrüstigen Rhodeländer Hennenfrauen, ostfriesische Milchschafe im wollenen Winterwams neben Blauen Wienern und Belgier Riesen, die jüngsten Trecks: Zweitausend Pommern räumen Westerlands Fliegerhorst. Die Engländer wollen ihn wieder in Betrieb nehmen. Kein Protest hat sie davon abgebracht.

Friesen und Pommern scheiden wie Partner einer unverstandenen Ehe. Den Friesen stelzen die schicksalverbeulten Pommern jetzt nicht mehr über die fashionable Kurpromenade, und die Pommern atmen auf, aus den Karteisärgen der Inseldörfer Tinnum, Hörnum, Keitum oder Rantrum herauszukommen. Wer da registriert war, bekam auf dem Festland zwischen Flensburg und Hamburg keinen Zuzug.

Jetzt aber rücken zweitausend amtlich befohlen aufs Festland. Sie fahren nach Wedel bei Hamburg, Mürwik bei Flensburg, Itzehoe und Rendsburg. Vorkommandos haben dort die Baracken schon halbwegs in Ordnung gebracht. Hausrat und Vieh können mitgenommen werden.

Eng war es auf Sylt geworden: zu 13027 Eingeborenen kamen 13829 Habenichtse*). Im steingemauerten Westerland behielten die 6680 Friesen zu 4158 Pommern die Oberhand, aber im schilfgedeckten Rantrum leben 136 Friesen verloren zwischen 2146 Pommern. Da so viele Pommern nimmer in Rantrums, Tinnums oder Hörnums Katen gingen, teilten sie sich in 8211 Lagerinsassen und 5618 Haus-Untergekommene. Das ging deswegen, weil zwischen Sylts Dünen noch Görings Luftwaffen- und Dönitz' U-Boot-Baracken standen.

Gipfelpunkt des Dünen-Dasein: Lager Dikjen Deel. Drei Familien in der Waffenkammer.

*) Das Sylter Fluchtlingsproblem kompliziert sich durch das Ueberwiegen von Witwen und Waisen, die Unterstützung beziehen und bei der großen Zahl ihrer Kleinkinder keine Arbeit außerhalb des Haushaltes annehmen können. Die arbeitsfähigen Männer unter den Ostvertriebenen sind in der Minderzahl. Tausende sind noch gefangen oder verschleppt. Da half kein teilender Kreidestrich auf dem Fußboden, nur Auflockern.

Als zweitausend dann zum Fliegerhorst abmarschierten, gab es Luft auch in Dikjen Deel. Jede Familie bekam eine Stube. Ehe noch die zweitausend das Pommern-Wappen an die Barackenwand gepinnt hatten, rigolten sie den Flugplatz zum Garten um. Es wuchsen da Heckenrosen und weißer Flieder zwischen Pommerns Alt-Kartoffelsorten »Ackersegen« und »Roter Woltmann«.

Das ist nun vorbei, es geht wieder auf die Reise. Und alles, was einst den Luftwaffenadler tintenfest eingestempelt erhielt, mußte Niebülls Finanzamt von den Flüchtlingen wieder einsammeln. So kann man einen Wehrmachtstisch auf Sylt nur mehr erwerben, nicht mehr organisieren.

Von den Horstmenschen gehen dreißig Familien nicht auf den neuen Treck, sondern wieder in das Dünenlager Dikjen Deel: neun sind Sylter, die in die Baracken abgerutscht - auch so etwas gibt es - , und einundzwanzig sind. So konnten sich Söhne in der Lehre sind. So konnten sich dreißig Familien aus dem Lager Dikjen Deel melden, für den Abzug von Sylt.

Aber auch für die Flüchtlinge, die nach dem Abzug der zweitausend von den ursprünglichen 13829 Pommern, Schlesiern und Ostpreußen noch auf Sylt zurückbleiben, wird es nie genug Arbeit geben können. »Die Tendenz, die sich immer deutlicher abzeichnet«, sagt Heinz Ladendorf, Flüchtlingsvorsitzender auf Sylt, im Westerländer Ratsherrensaal (die Sylter Friesenhäupter schauen ölgemalt zu), »ist folgende: Wir Ostvertriebenen werden die neuen Ostarbeiter. In der Saison können die Pommern höchstens zum Hausdiener avancieren, winters zum Straßenfeger.«

Ein Diplom-Ingenieur fuhr einmal nach Rendsburg. Es schien in der Maschinenfabrik alles in Ordnung zu sein, bis der Direktor aufsah und den Diplom-Ingenieur fragte: »Sagen Sie bitte, einen anderen Anzug haben Sie wohl nicht?« Der Diplom-Ingenieur hatte keinen. »Dann bedauern wir sehr. Solche Anzüge tragen bei uns nicht einmal die Schlosser.« Der Diplom-Ingenieur kehrt heim - in seine Baracke. Da haben alle Räuberzivil.

»Wir Flüchtlinge sind zum Beispiel in Rantrum in erdrückender Mehrheit: 2146 zu 136«, fährt Heinz Ladendorf im Westerländer Ratsherrnsaal fort. »Uns hätte bei den letzten Gemeindewahlen in Schleswig-Holstein der Bürgermeister zugestanden. Wir haben verzichtet.« Denn in Rantrum sitzen die dänenfreundlichen Separatisten. Hätten die Pommern den Bürgermeister gefordert, wäre es zur Einheitsfront von Dänen und Friesen gekommen. So gab es nur Dänen und Deutsche. Die Deutschen siegten.

Dann war da die verwegene Mathematik der Miete. Jedes Bett auf Sylt ist ein Erwerbsmittel. Ein Zweibettzimmer muß allnächtlich 5 DM bringen. Das sind 150 DM im Monat. Fünf Monate lang währt die Saison = 750 DM. In den sieben stillen Monden schlägt jeder Quadratmeter Raum mit 80 D-Pfennigen zu Buch, also 20 qm mit 16 DM und das mal sieben = 112 DM. Uebers Jahr ergibt dies 862 DM. So hecken auf Sylt die Betten.

Die Flüchtlinge dividierten 862 durch 12; es kamen knapp 72 DM Monatsmiete heraus. Für zwei Betten. Ohne Abstellraum. Da ein erwerbsloser Familienvater sich aber nur 23 DM wöchentlich vom Westerländer Wohlfahrtsamt abholt, schlossen Friesen und Pommern den großen Kompromiß des Mietzinses: 26,30 DM monatlich für 18 qm mit zwei Betten und 20.25 DM für 10 qm mit einem Bett.

Sechstausend Betten braucht Westerland für eine Saison. »Diesen Raum wollen wir ihnen ja lassen,« sagt Heinz Ladendorf. »Es ist ihr Erwerb. Aber wenn auf Sylt jeder Flüchtling nur 4,9 qm Wohnraum hat, jeder Einheimische dagegen 27,63 qm, dann ist das bitter.« Worauf die Friesen antworten: Was wollt ihr denn, geben wir nicht bereits 27 Prozent unseres Etats für euch aus?

»Darum geht es nicht mehr«, sagt Flüchtlingsbetreuer Ladendorf. »Wir haben viel zurückgestellt. Man hat uns gebraucht, als wir unsere Landsleute beschwichtigten. Aber wenn morgen acht Millionen Flüchtlinge gemeinsam auftreten als Partei der acht Millionen?«

Ladendorf kennt den Geistlichen Rat Goebel. Er kennt Lukaschek und Schulz-Wittuhn. Wenn die Männer, die für acht Millionen Flüchtlinge reden möchten (Vergl. Spiegel Nr. 11/49), sich in Süddeutschland treffen, dann kehren die Sylter Pommern ihre Taschen um, um Heinz Ladendorf die Fahrkarten zu kaufen. »Die Zeit der Vereine ist vorbei. Als Partei werden wir die Gesetzgeber sein!« Wenn sich zwischen die Parteimaschinen der Block der acht Millionen schiebt, wird über die das große Asthma kommen.

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 61