FINANZKRISE Adele hilft
Die seit 26 Jahren tote Film-Tante Adele Sandrock mußte in der vergangenen Woche herhalten, um dem westdeutschen Tele-Volk die Finanzmisere der Länderanstalt »Zweites Deutsches Fernsehen« (ZDF) vor Augen zu führen: Am Samstagabend präsentierte das Zweite Programm aus Mainz den Star aus den dreißiger Jahren in dem 1934 gedrehten Lichtspiel »Die englische Heirat«.
Am selben Abend konnten die Fernseher, sofern sie eine halbe Stunde später das Erste Programm einschalteten, ein zweites Mal zu Hause ins Kino gehen und den Film »Das Leben der Mrs. Skeffington« sehen. Auch am Montag und am Dienstag letzter Woche wurden den Fernseh-Fans komplette Spielfilme per Bildschirm in die Wohnstube geliefert. Dazu am Mittwoch und Freitag noch je ein Fernsehfilm - einmal vom Mainzer Fernsehen, das andere Mal von den Sendern der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands (ARD) ausgestrahlt.
ZDF-Programmdirektor Ulrich Grahlmann: »Eigentlich müßte man bei einer Fernseh-Anstalt ja Fernsehen machen.«
Grahlmann verheimlicht auch nicht den Grund für die Film-Leidenschaft der deutschen Fernseh-Leute: »Weil das Geld nicht da ist, mußten-wir schon 35 Fernsehspiele jährlich aus unseren Programmplanungen streichen und dafür Spielfilme einsetzen . . . Wenn ich nächstes Jahr weniger Geld bekomme, muß ich noch mehr Filme 'reinnehmen.«
An Ulrich Grahlmanns Film-Boom ist das Ausmaß der »gewaltigen Mainzer Finanzkrise« ("Handelsblatt") abzulesen, die der ZDF-Fernsehrat in schlichterer Ausdrucksweise eine »strukturelle Unterfinanzierung« seiner Anstalt nennt.
Nach drei Monaten Sendezeit haben die von den westdeutschen Länderchefs eingesetzten »Mainzelmännchen« schon 50 Millionen Mark Schulden gemacht.
Für Ende 1964 prophezeit der offizielle Haushaltsplan dieses Jahres einen Schuldenstand von etwa 130 Millionen.
Noch nicht einmal die Soll-Ansätze dieses Haushalts, in den die Schulden schon eingearbeitet sind, konnten bisher eingehalten Werden. ZDF-Intendant Professor Holzamer rechnet mit unvorhergesehenen Mindereinnahmen von mindestens zehn bis zwölf Millionen Mark.
Ohne Erfolg sucht Holzamer seit Monaten 250 Millionen Mark. Sie sollten ihm über die Startschwierigkeiten hinweghelfen, unter denen die ZDF -Mannschaft in ungleich stärkerem Maße als die Televisionäre der ARD zu leiden hat. Die Rundfunkanstalten brauchten seinerzeit lediglich zusätzliche Fernsehstudios und fernsehtechnische Geräte, da die Funkhäuser,
die Tontechnik und die Verwaltungsorganisation für den Fernsehbetrieb zur Verfügung standen. Finanzlücken konnten mit Hilfe der Einnahmen aus den Hörfunkgebühren schnell geschlossen werden. ZDF-Holzamer: »Wir aber mußten ganz von vorne anfangen.«
Fünf Jahre lang benötigt der Fernseh-Professor je etwa 50 Millionen Mark, um seine Investitionen - darunter den Bau eines modernen Sendezentrums in Mainz - ohne Belastung des laufenden Betriebshaushaltes finanzieren zu können.
Das Geld fehlt ihm infolge einer Fehlkalkulation. Schon in den Anfangsjahren sollten der neuen Anstalt - so wenigstens hatten es TV-Experten den Ministerpräsidenten vorgerechnet -
aus dem Aufkommen der Fernsehgebühren und aus Werbeeinnahmen jährlich je etwa 100 Millionen Mark zufließen. Schon in wenigen Jahren sollte sich der Mainzer Anteil am Obolus der Fernseher dann auf jährlich mindestens 150 Millionen Mark erhöhen.
Was die Gebühren betrifft, ging diese Rechnung bis auf wenige Abstriche auf. Anders jedoch bei der Werbung: Statt 100 Millionen fließen der Anstalt in diesem Jahr allenfalls 40 Millionen Mark an Reklameeinnahmen zu. Dafür gibt es mehrere Gründe: Der Sendestart des Zweiten Fernsehens und damit auch das Werbefernsehen wurde vom Juni vorigen Jahres bis zum 1. April dieses Jahres verschoben. Drei Monate Werbung fielen aus.
Im fernsehdichten Nordrhein-Westfalen muß die Mainzer Anstalt zudem bis zum kommenden 30. September täglich 25 Minuten guter Sendezeit dem Westdeutschen Rundfunk für die Ausstrahlung seiner abendlichen Regionalsendung Prisma des Westens« opfern. Für den Ausfall mußte die Anstalt der Werbewirtschaft 20 Prozent Rabatt gewähren.
Ein gewisses Mißtrauen der Wirtschaft gegen die Werbewirksamkeit der Mainzer TV-Reklame blieb auch weiterhin. Die Mainzer Reklamemacher sind daran nicht unschuldig.
Noch vor Sendebeginn hatte Intendant Holzamer versprochen, etwa 80 Prozent
der bundesdeutschen Fernseher würden das Mainzer Programm empfangen können.
Fünf Monate später, bei der Eröffnung der Funkausstellung am 30. August, schränkte Bundespostminister Stücklen ein: Die 52 bisher für das Zweite Programm errichteten Sender setzen bis jetzt erst 70 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung sendetechnisch in die Lage, das Mainzer Programm zu sehen.
In ähnlich optimistischer Art hatte Verwaltungsdirektor Huch die Werbeagenturen unter dem 17. Dezember 1962 per Rundschreiben wissen lassen, er erwarte, daß Mitte 1963 rund 65 Prozent aller Geräte das Zweite Programm empfangen könnten.
Achteinhalb Monate später mußte Huch bei der Eröffnung der Funkausstellung in Berlin aus dem Mund des Bundespostministers Stücklen die Wahrheit vernehmen: Heute sind erst 45 Prozent der acht Millionen Fernsehteilnehmer in der Lage, zwischen beiden Programmen zu wählen.
Die Mainzer Finanzakrobaten hoffen trotz allem im kommenden Jahr, nach Abzug von Kosten und Steuern, 75 bis 85 Millionen Mark aus dem Werbegeschäft zu erlösen. Das gilt freilich nur für den Fall, daß die voll zur Verfügung stehende Werbezeit von 18 bis 20 Minuten ausgebucht wird. Kenner der Branche bezweifeln, daß dies gelingen wird.
Aber selbst wenn Mainz seine Werbezeit voll ausverkauft und wenn das Mainzer Gebührenaufkommen, wie zu erwarten, im nächsten Jahr auf rund 120 Millionen Mark ansteigen sollte, müßte die Anstalt 1964 zur Deckung ihrer Ausgaben noch weitere 50 Millionen Mark Schulden machen. Erst für Ende 1967 haben sich die Mainzer Finanzexperten einen ausgeglichenen Haushalt errechnet.
Auch die zahlreichen westdeutschen Fernsehproduzenten, die sich während des letzten Jahres als Zulieferer für das Zweite Fernsehen betätigten, haben die Mainzer Kassenebbe inzwischen zu spüren bekommen. Der »Aktuelle Fernsehdienst« aus Frankfurt sah schon im August einige Produzenten »mit der Hypothek der Mainzer Finanzmisere im Nacken den Konkursrichter aufsuchen«.
In der Personalabteilung hinterläßt die schlechte Finanzlage gleichfalls ihre Spuren. Holzamer: »Wir müssen uns überall nach der Decke strecken.« Im Stellenplan für 1963 waren 2671 Stellen ausgeschrieben. Nur 2300 wurden besetzt.
Pläne, die Sendezeit zu verlängern, wurden ebenfalls zu den. Akten gelegt. Noch im vergangenen Winter hatten die Mainzer angekündigt, von 1964 an solle der Sendebeginn werktags auf 18 oder gar 17 Uhr vorverlegt werden. Ferner: Samstags und sonntags zwischen 15 und 17 Uhr, an Sonntagen außerdem noch zwischen 11 und 13 Uhr, sollten zusätzliche Programme ausgestrahlt werden.
Programmdirektor Grahlmann heute:
»Wir müssen froh sein, wenn wir das nötige Geld für die Abendsendungen bekommen.«
Angesichts dieser Situation hat im Juli eines der 66 Mainzer Fernsehratsmitglieder eine Radikalkur zur Behebung der chronischen Mainzer Geldknappheit vorgeschlagen: Erwein O. Spielmann, Pressereferent der Deutschen Angestelltengewerkschaft (DAG) und von ihr entsandter Fernsehratsvertreter, empfahl eine allgemeine Erhöhung der Fernsehgebühren. Doch weder die Parteien noch Intendant Holzamer wollten davon etwas wissen. Die DAG rückte schleunigst von ihrem Spielmann ab.
Im Juni schlug Holzamer statt dessen den Länder-Chefs vor, die Gebührenaufteilung zwischen den ARD-Anstalten und dem ZDF derart zu ändern, daß die Mainzer Anstalt künftig mindestens 40 statt bisher 30 Prozent der Fernsehgebühren bekomme. Gleichzeitig ließen die Mainzer ihre Schöpfer wissen, daß auch eine »Starthilfe« angenehm sei, die ihnen die Länder zusätzlich in Form von zinslosen Krediten geben könnten.
Die Ministerpräsidenten beauftragten erst einmal ihre Rundfunkkommission, die Möglichkeiten einer Hilfsaktion für den Mainzer Sender zu prüfen.
Auf dem Schreibtisch des Vorsitzenden dieser Kommission, des rheinlandpfälzischen Ministerpräsidenten Peter Altmeier, liegt seit Montag dieser Woche ein neues Memorandum der ZDF-Leitung, in dem die Mainzer eine Neuaufteilung der *Fernsehgebühren und die Übernahme von Kreditbürgschaften durch die Länder fordern.
Im Frühjahr, vor dem Sendebeginn, hatten private Geldgeber solche Sicherheiten noch nicht verlangt. Verwaltungsdirektor Huch im Februar dieses Jahres: »Das Geld läuft uns nach, vor allem von Banken und Versicherungen.«
Huch heute: »Die Banken verlangen inzwischen schon mehr als nur die Gewißheit, daß wir ein Kind der Länder seien.«
Wenn die Länder der Mainzer Anstalt von sich aus Kredite geben wollten, müßten in jedem Fall ihre Parlamente darüber entscheiden. Kein Landesvater hat jedoch ein Interesse daran, daß bei solcher Gelegenheit die Ausgabenwirtschaft der Rundfunkanstalten Gegenstand von Landtagsdebatten wird.
Für die Hergabe von Bürgschaften brauchten zwar nicht die Parlamente, sondern in der Regel nur die Haushalts - und Finanzausschüsse eingeschaltet zu werden. Aber bei der Aufnahme allzu hoher Kredite auf dem Kapitalmarkt wäre erst noch eine andere Hürde zu nehmen:
Im Verwaltungsrat des Zweiten Deutschen Fernsehens sitzt ein Mann, dem die klassische Maxime der öffentlichen Finanzwirtschaft, wonach sich die Ausgaben streng nach den Einnahmen richten sollen, noch heilig ist: der Bonner Staatssekretär. Friedrich Karl Vialon, der -einst beim deutschen Reichskommissariat für das Ostland in Riga den Nachlaß jüdischer KZ-Opfer verwaltete.
Wäre es nach Vialon gegangen, hätten die Ausgaben des ZDF-Haushalts für 1963 um weitere zwölf Millionen Mark gekürzt werden müssen. In Mainz ist Vialon daher der bestgehaßte Finanzmann.
Eine Neuverteilung der Fernsehgebühren schließlich könnten die Ministerpräsidenten ohne jede Einschaltung ihrer Parlamente beschließen. Eine Erhöhung des Mainzer Gebührenanteils auf 40 oder gar 50 Prozent des Gesamtaufkommens würde jedoch bedeuten, daß der bei Errichtung der Mainzer Anstalt mühsam zusammengeflickte Finanzausgleich zwischen den Rundfunkanstalten der Länder, der den kleineren Sendern ein Existenzminimum sichern soll, neu ausgehandelt werden müßte.
Altmeiers Armenland, das die ZDF -Zentrale beherbergt, hat der Mainzer Länderanstalt bislang als einziges Bundesland unter die Arme gegriffen: Es schoß dem Zweiten Deutschen Fernsehen bei seiner Gründung 17,5 Millionen Mark vor, die Peter Altmeier bis jetzt nicht zurückverlangt hat.
Programmdirektor Grahlmann
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