Adolf Hitler - Anatomie eines Diktators
Hitler und das Ausland
Wir verzichten ... darauf, alle einschlägigen Stellen der »Tischgespräche« zusammenzustellen und Land für Land anzuführen, was Hitler über sie gesagt hat, und zu belegen, wie er seine Sympathien und Antipathien verteilte. Eine solche Zitatensammlung wäre unergiebig. Denn Hitler hatte ja vor dem Kriege nur Österreich und Süddeutschland sowie während des Ersten Weltkrieges etwas von Frankreich kennengelernt. In seiner Kampfzeit war er nie über die deutschen Grenzen hinausgekommen; denn aus dem zeitweise gehegten, Hitler von der Familie Hanfstaengl nahegelegten Plan, sich in den USA persönlich umzusehen, war nichts geworden, weil der Münchner Putsch dazwischenkam.
Nach der Machtübernahme lernte Hitler Italien kennen; für ihn bedeuteten die Besuche bei Mussolini - wie noch zu zeigen sein wird - ein großes Kunsterlebnis, aber natürlich keine Gelegenheit, den Volkscharakter näher kennenzulernen. Was Hitler nach Beginn des Zweiten Weltkrieges von fremden Ländern zu sehen bekam, betrachtete er nur durch die Fenster seines Kraftwagens oder seines Sonderzuges.
Hitler blieb also in bezug auf das Ausland sein ganzes Leben lang auf Bilder, Filme und Berichte Dritter, mündliche, gedruckte oder mit der Schreibmaschine hergestellte, angewiesen. Darin unterschied er sich von F. D. Roosevelt und erst recht von Winston Churchill; darin entsprach er Stalin, der ja wohl zum erstenmal die Grenzen Rußlands überschritt, als er sich zur Konferenz in Teheran (November 1943) begab - doch hinkt der Vergleich, da es sich bei der UdSSR um ein Riesenreich handelt. Diese Gegebenheiten muß man sich vergegenwärtigen, um Hitlers klischeehafte Vorstellungen vom Ausland zu begreifen. Sie wirken wie billige Abziehbilder, die nur insofern zusammenpassen, als sie alle durch jene Überheblichkeit bestimmt sind, die vor dem Ersten Weltkrieg in den völkischen und alldeutschen Kreisen propagiert wurde. Sie hatte durch die Niederlage von 1918 einen starken Rückschlag erlitten, und in den zwanziger Jahren war es statt dessen in den intellektuellen und künstlerischen Kreisen zu einem intensiven und fruchtbaren Austausch mit dem Ausland gekommen.
Das alles war an Hitler vorbeigegangen, da er für Literatur kein Organ hatte, die neue Kunst und Architektur strikt ablehnte und auch hier überall jüdische Mache witterte. Und da er sich an die Vorstellung klammerte, die Niederlage des Ersten Weltkrieges sei keine echte Niederlage gewesen, lag auch von ihr aus für ihn keine Veranlassung vor, jenes alte Überlegenheitsgefühl zu revidieren. Durch den von ihm herbeigeführten Wiederaufstieg Deutschlands, vollends durch die bis 1942 errungenen Siege fühlte Hitler sich vielmehr in seiner Grundanschauung voll und ganz bestätigt.
Den einen oder anderen Leser mag es überraschen, daß Hitler so manches anerkennende Wort über Stalin gefunden hat - es beruht auf der Kollegialität der Diktatoren. Erschreckend dagegen ist, was Hitler über Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill gesagt hat.
Daß er für sie irgendwelche Sympathie hegte, wird niemand erwarten; ja, jede Art von Haß wäre zu begreifen, weil er an ihnen gescheitert ist. Aber die vielfach bestätigte Regel, daß Haß hellsichtig macht, bestätigte sich an Hitler nicht: Er hat beide nicht nur ständig herabgesetzt und mit Schimpfworten belegt, sondern auch »en bagatelle« behandelt. Das soll man nie mit Gegnern tun; ja, es ist besser, sie zu hoch als zu niedrig einzuordnen. Für seine Fehleinschätzung hat die Weltgeschichte Hitler schließlich eine Rechnung präsentiert, die auf seine falschen Urteile keine Rücksicht nahm.
Wiederum stoßen wir hier auf das Phänomen, daß dieser Mann, der soviel las, dem so viele Informationen zur Verfügung standen und der auf bestimmten Gebieten so scharf zu denken vermochte, sich von alogischen Emotionen und Wunschbildern leiten ließ, die ihm die klare Sicht versperrten.
Aufschlußreich sind die »Tischgespräche« für Hitlers Einstellung zu England. Sie war bestimmt durch jene zwischen Bewunderung und Herabsetzung hin und her schwankende Haßliebe, die so viele Deutsche im 19. Jahrhundert gehegt haben: »Sie sind von beispielloser Frechheit, aber ich bewundere sie doch; da haben wir noch viel zu lernen« (8. bis 10. September 1941).
Den noch vor Kriegsausbruch nach Deutschland gelangten Film »Bengal Lancers« (deutscher Titel: »Bengali"), in dem die englischen Offiziere in der indischen Armee eine vorzügliche Figur machten, hat sich Hitler zwei - oder dreimal vorspielen lassen, und Thomas E. Lawrence's mitreißendes Buch über seine arabischen Abenteuer hatte ihn beeindruckt.
Hitlers Hoffnung, daß das »Naval Agreement« von 1935 den Auftakt zu einer deutsch-englischen Verständigung bilden werde, erfüllte sich nicht - hätte Hitler mehr und Richtigeres von Großbritannien gewußt, wäre er nie auf diesen Gedanken verfallen. So klammerte er sich an die Vision, daß die Zukunft die beiden Länder zusammenführen werde, und zwar gelenkt durch gemeinsame Gegnerschaft gegen die Vereinigten Staaten.
So hatte man allenfalls um 1900 denken können: In dem berüchtigten Artikel der »Saturday Review« aus dem Jahre 1896 mit dem Kernwort: »Germaniam esse delendam« waren die USA noch als der andere potentielle Feind Englands angeführt worden. Aber bereits 1911 war es zu einem Vertrag zwischen London und Washington gekommen, der sicherstellte, daß alle zwischen den beiden Mächten auftauchenden Streitigkeiten durch Schiedsgerichte beseitigt wurden, und der Erste Weltkrieg hatte dann zu jener »Symbiose« zwischen den beiden angelsächsischen Völkern geführt, die noch heute besteht und imstande ist, alle Spannungen - mögen sie wirtschaftlicher oder politischer Natur sein - aufzufangen. Hitlers Wunschtraum war also antiquiert.
Wirtschaft und Verwaltung in Hitlers Gedankengebäude
Auf wirtschaftliche Fragen kam Hitler in seinen »Tischgesprächen« nur selten zu sprechen; dieser Bereich interessierte ihn nicht, und er hat sein sonst so weit gespanntes Wissen auch nicht in dieser Richtung abgerundet. Seine Maxime war: Der Staat befiehlt, und die Wirtschaft kommt den Anordnungen des Staates nach.
Hitler war in dieser Hinsicht ja durch den Gang der Ereignisse verwöhnt worden. Wie viele oppositionell eingestellte Männer der Wirtschaft waren der Auffassung gewesen, daß Hitler an den ökonomischen Realitäten scheitern, daß er zum mindesten gezwungen sein werde, seine Pflöcke zurückzustecken!
Das war jedoch nicht der Fall gewesen. Vielmehr hatte - wobei die in ihrer Weise geniale Finanzpolitik Hjalmar Schachts ihm zu Hilfe gekommen war - der Ablauf der Ereignisse Hitler scheinbar recht gegeben: Die Wiederankurbelung der Wirtschaft, ihre Konsolidierung im Rahmen des Autarkie-Bestrebens, die Finanzierung der Wiederaufrüstung gelangen, ohne daß eine wirtschaftliche Krise eintrat; und selbst die Geldbeschaffung, die im ersten Weltkrieg der Regierung soviel Kopfzerbrechen verursacht hatte, vollzog sich im Zweiten Weltkrieg, ohne daß die Öffentlichkeit von ihr Genaueres erfuhr.
Aber nichts kennzeichnet Hitlers Verhältnis zu diesem Bereich des öffentlichen Lebens mehr als die Tatsache, daß er sich vom Reichsfinanzminister, also dem nach alter Anschauung in Kriegszeiten wichtigsten Ressortminister, dem Grafen Lutz Schwerin von Krosigk, im Jahre 1942 zum letzten Male Vortrag halten ließ. Dessen Bemühungen, wiederum vorgelassen zu werden, führten nie mehr zum Ziele - sicherlich witterte Hitler, daß der Minister ihm mit peinlichen Statistiken und unbequemen Vorschlägen kommen würde. Dieser mußte schließlich sogar befürchten, daß seine Denkschriften gar nicht bis auf Hitlers Schreibtisch gelangten; er wählte deshalb den Weg über den Minister Dr. Lammers, den Chef der Reichskanzlei, den Martin Bormann nicht zu blockieren vermochte.
In seiner Runde sprach sich Hitler für Staatsmonopole im Bereich von Eisen, Erdöl, Kohle und Energiewirtschaft aus; aber er wollte das Privateigentum erhalten wissen, da sonst eine entsetzliche Verbeamtung, die auf Erstarrung hinauslaufen werde, die Folge sein müsse; die Initiative des einzelnen dürfe nicht erstickt werden (24. März und 26. Juli 1942).
Das galt jedoch nur für die Kapitalwerte, deren Eigentümer sichtbar blieben; Monopole von Privatgesellschaften sollten dagegen grundsätzlich beseitigt werden. In der Aktie sah Hitler ein verwerfliches Spekulationsobjekt, das dem Nicht-Arbeiter den Gewinn aus der Arbeit zuschanze. Er war daher gegen anonyme Aktiengesellschaften und dachte als Fernziel auch an deren Verstaatlichung; ins Auge faßte er eine gleichmäßige Verzinsung aller Staatsaktien.
Man mag diese Vorstellung naiv nennen und in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß Hitler zunächst auf Gottfried Feder, den Begründer des »Deutschen Kampfbundes zur Brechung der Zinswirtschaft« und Propagandisten des »Schwundgeldes«, als seinen Finanzsachverständigen gehört hatte. Aber ihre Ursprünge werden bereits in die Jahre zurückgehen, in denen er erlebte, wie der Bürgermeister Lueger das Wiener Kleinbürgertum gegen das »Kapital« mobilisierte. In dieser Zeit mag sich auch bereits das Gedankenknäuel: Spekulation = verbrecherischer Leichtgewinn = Beute ohne Arbeitsleistung = jüdisches Schmarotzertum gebildet haben.
Die Beseitigung der Schulden, die das Reich während des Krieges auf sich lud, stellte sich Hitler sehr einfach vor: Durch die Eroberungen sei das Nationalvermögen so vermehrt, daß die Kriegskosten um ein Mehrfaches aufgewogen würden, und durch die Eingliederung von etwa 20 Millionen ausländischer Arbeitskräfte, für die Hitler eine Entlohnung halb so groß wie die des deutschen Arbeiters vorsah, sollte ein Gewinn erzielt werden, der die Reichsschulden bei weitem übertraf.
»Schließlich«, damit wischte Hitler alle denkbaren Einwände vom Tisch, bevor sie vorgebracht waren, lehre die Geschichte, daß an Schulden bisher kein Volk der Welt zugrunde gegangen sei« (4. Mai 1942).
Zwei Tage später schloß er daran noch die Überlegung: Wenn
der Krieg nicht erfolgreich ausgehe, sei sowieso alles verloren; daher könne man, um den Sieg zu erzielen, gar nicht genug
Schulden machen (6. Mai 1942). Das war eine abstruse Logik und - im bisherigen Sinne - eine gewissenlose Finanzpolitik; man begreift leicht, weshalb Hitler allen Unterredungen mit dem zuständigen Ressortminister aus dem Wege ging.
Hitlers Gedanken über die Verwaltung entsprachen der Grundeinstellung, die er gegenüber der Wirtschaft bezogen hatte: Sie mußte funktionieren und imstande sein, sofort jeder Anforderung der Regierung zu entsprechen.
In seiner Tafelrunde hat Hitler wiederholt verständige Worte gegen eine übergroße Zentralisierung gefunden: Es solle nicht alles gleichgemacht werden, die Länder müßten ihre Eigenarten in Brauch und Recht behalten; er wünsche daher, daß eine Fülle von kleineren, mittleren und großen Städten nebeneinander als Mittelpunkt des Kulturlebens wirksam blieben. Für die Zentralverwaltung ließen sich um so leichter tüchtige Leute finden - so argumentierte er -, je dezentralisierter verwaltet werde, da sie auf diese Weise Gelegenheit bekämen, sich herauszuheben. Auch müsse weitgehend von oben Verantwortung nach unten übertragen werden (1. August 1941; 3. Mai 1942, abends; 24. Juni, 26. Juli und so weiter).
Hitler konnte den Ländern diese Konzessionen machen,
weil er ihnen allen ja bereits 1933 das Rückgrat gebrochen hatte und darauf vertrauen durfte, daß die von ihm neugeschaffenen Klammern jede Gefahr für das Reich ausschlossen: »Gewaltig wird sich auswirken, daß es über das ganze Reich hinweg nur eine Wehrmacht, eine SS, eine Verwaltung gibt« (8./9. bis 10. September 1941).
Der Krieg führte zwangsläufig dazu, daß die Zentralregierung, die sich schon in Friedenszeiten stärker ausgewirkt hatte, als das je in der deutschen Geschichte der Fall gewesen war, die Zügel immer straffer anzog. Durch die entsprechend zunehmende Terrorisierung aller, die als »Staatsfeinde« angesehen wurden, sorgte Hitler auf der anderen Seite dafür, daß die Bildung von Oppositionsnestern so weit wie irgend möglich verhindert wurde. Von seinen Gedanken, das Eigenleben der Länder zu schonen und Gewalt von oben nach unten zu delegieren, ist daher in der rauhen Wirklichkeit gar nichts übriggeblieben.
Wie die Hitlersche Praxis in die Verwaltung einbrach und ihr Gefüge durch abrupte Eingriffe und die Einrichtung neuer Institutionen so durcheinanderbrachte, daß man den schließlich herbeigeführten Zustand als ein »Verwaltungstohuwabohu« hat bezeichnen können, gehört nicht mehr zum Thema.
Nur das sei nochmals zu bedenken gegeben: Hitler hat in seinem ganzen Leben nie einen einzigen Tag auf einer Behörde gearbeitet, hatte im Ersten Weltkrieg nur die untersten Räder der militärischen Apparatur kennengelernt und sammelte dann Erfahrungen bei dem Aufbau der Partei, bei dem ständig improvisiert, zerteilt, zusammengelegt, umbesetzt, ausgemerzt und vor allem vorgesorgt werden mußte, daß niemand dem Parteiführer gefährlich wurde.
Hitler brachte also für das Verständnis einer geregelten Verwaltung keine Voraussetzungen mit, und soweit er glaubte, doch über eigene Erfahrungen zu verfügen, waren sie in Bereichen gesammelt, in denen ganz andere Bedingungen bestanden. - Daß er die »Bürokraten« verachtete, hatte sich bereits in anderem Zusammenhang ergeben; der Grund ist jetzt vollends verständlich.
Hitlers Geschmack, sein Verhältnis zur Kunst
Wir haben uns an das »Rätsel Hitler« bisher von der politischen Seite herangearbeitet und dabei eine Reihe von Einsichten gewonnen, auf die zurückzukommen sein wird. Wir versuchen dasselbe jetzt gleichsam von der entgegengesetzten Seite, indem wir Hitler in seinem Verhältnis zur Kunst ins Auge fassen.
Die höchste der Künste war für Hitler die Architektur; auf sie folgte die Plastik, auf diese die Malerei. In seiner Wiener Zeit hat er gemalt, und er wäre - wie er seinen Zuhörern am 10. Mai 1942 erzählte - selbst leidenschaftlich gern Architekt geworden; aber der Erste Weltkrieg hatte ihn in eine andere Bahn gedrängt.
Hitler hielt sich in dieser Hinsicht für sehr begabt und wagte die Prophezeiung, daß er »wahrscheinlich sogar einer der ersten Architekten, wenn nicht der erste Architekt Deutschlands« geworden wäre. Ein Wunschtraum, denn zum Bauen gehören ja nicht nur Einfälle und Visionen, sondern auch solide Kenntnisse, die zu erwerben ihm nie die Möglichkeit geboten wurde. Also ein sehr kühner Wunschtraum - aber Wunschträume sind immer sehr aufschlußreich; nur verschließen sie die meisten Menschen in ihrer Brust, um sich nicht der Anzweiflung und womöglich sogar dem Spott auszusetzen. Hitler brauchte das nicht zu befürchten.
In diesem Bereich spielt bei Hitler jener am Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommene Begriff »Genie« eine große Rolle, der im 19. Jahrhundert zu einem Geniekult geführt und den großen Malern, Bildhauern, Schauspielern, Sängern und Konzertvirtuosen im gesellschaftlichen Leben zu einem Ehrenplatz verholfen hatte. Diesen räumte auch Hitler ihnen ein: Seine Begleitung bestaunte, wie viele Künstlernamen aus der Wiener Zeit sein Gedächtnis noch verwahrte, und in seinen Tischgesprächen tauchen gleichfalls manche wieder auf, fallen auch die Worte »Genie« und »genial« zu wiederholten Malen.
Für Hitler bestand eine Verwandtschaft zwischen dem genialen Künstler und dem genialen Staatsmann; und im Rausche der Erfolge wurde ihm immer gewisser, daß die Vorsehung auch ihm »Genie« verliehen hatte: ein Genie, das ihn befähigt hätte, ein großer Künstler zu werden, ihn aber - da die Geschichte es so wollte - in den Stand setzte, als großer Staatsmann und Heerführer in die Geschichte einzugehen und sich als Bauherr stärker auszuwirken als je ein König.
An diesem Geniebegriff, der noch bei Nietzsche eine zentrale Rolle gespielt, aber gerade an seinem Beispiel die Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn bloßgelegt hatte, waren die Menschen des 20. Jahrhunderts bereits irre geworden, da die Psychoanalyse ihnen neue Aspekte eröffnete. Besaß Hitler - das ist die konkrete Frage, die sich daher stellt - wirklich irgendwelche Anlagen zum Architekten?
Zuzugestehen ist ihm eine außergewöhnlich klare Raumvorstellung. Hierfür zwei Belege: Nach dem Anschluß Österreichs erzählte der damalige Polizeipräsident von Nürnberg, Dr. Martin, Hitler, daß er in Graz das Theater besucht habe. Nach dem Eindruck befragt, den der Bau auf ihn machte, vermochte er nur Allgemeines zu erwidern; darauf stieß ihn Hitler auf die Tatsache, daß der Übergang von der Bühne zum Zuschauerraum schlecht gelöst sei - die Pointe der Geschichte ist, daß Hitler bis dahin nie in Graz gewesen war und den Bau nur aus den Plänen kannte.
Dazu gehört eine Szene bei Hitlers Besuch in der Pariser Oper (1940): Als er verlangte, auch den »ovalen Saal« zu sehen, wurde ihm geantwortet, einen solchen Saal gebe es gar nicht. Darauf wies Hitler auf eine Tür und erklärte, dahinter liege er. Es ergab sich dann, daß der Saal schon seit längerem in mehrere Zimmer aufgeteilt worden war, so daß sich niemand mehr an seine ursprüngliche, am Deckenstuck noch erkennbare Rundform zu erinnern vermochte. Verblüffung bei den Franzosen, Bewunderung bei der deutschen Begleitung!
Als Maler ist Hitler über Stümpereien nicht hinausgekommen, und als Architekt hat er sich nicht ausweisen können. Aber er hat bauen lassen, so daß wir uns vorstellen können, was von ihm zu erwarten gewesen wäre, wenn sein Wunschtraum sich verwirklicht hätte.
Die Reichskanzlei in Berlin war - nach dem Eindruck, den man aus Photographien gewinnt - so auf übermonumentale Wirkung angelegt, daß sie »maßlos« ausgefallen war: Das Verhältnis zwischen Mensch und Bau, das das Grundproblem der Architektur ist und bleibt, war in ihr offensichtlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Inneneinrichtung stellte laut Abbildungen den Superlativ jener Hotelausstattungen dar, die den alten Schloßstil nur leicht modernisiert weiterschleppen. Diese Reichskanzlei war imponierender als der Palazzo Venezia mit Mussolinis riesigem Arbeitsraum; sie übertrumpfte aber auch alles, was man den Amerikanern zutraute. Insofern war sie ein Dokument der Großmannssucht, das den Besuchern aus aller Welt gleich beim Betreten zurief: Werdet gewahr, daß ihr die Stätte betretet, in der der Führer des Großdeutschen Reiches residiert!
Für Hitler als »Privatmann« bezeichnend bleibt der »Berghof« oberhalb Berchtesgaden, gelegen an einem Hang, der durch einen der schönsten Rundblicke Deutschlands begnadet ist. Hitler hatte ihn als bescheidenes Anwesen von bodenständiger Bauweise gekauft und so ausbauen lassen, daß der alte Kern als Nebengebäude erhalten blieb.
Nachdem man den Vorraum durchschritten hatte, von dem man auf einen geräumigen Balkon hinaustreten konnte, kam man in den Hauptraum, in dem Hitler Gäste von Distinktion empfing und auch seine Besprechungen abhielt, einen großen Salon mit riesigem Breitfenster, wohnlich hergerichtet mit Blumen, Teppichen und Möbeln, wie sie auch ein kultivierter Industrieller in seinem Ferienheim um sich versammelt hätte: Nichts verstieß gegen den Geschmack, aber es gab auch nichts, was aus der Konvention kultivierter Bürgerlichkeit herausgefallen wäre, erst recht nichts, was einen modernen Einschlag gehabt oder Zeugnis für eine besondere Art Individualität des Besitzers abgelegt hätte. Hitler liebte schöne Teppiche und hing an seinen Wänden Bilder auf, die ihn ansprachen, wechselte sie aber nach ein paar Monaten aus. Den Berghof zierte eine große Zeichnung des 16. Jahrhunderts, ein herrliches Männerporträt, das wohl untergegangen ist. Mit einem Bild des Wiener Malers Alt würde dagegen eine Galerie heute nicht viel anzufangen wissen, obwohl es ansprechend und gekonnt gemalt war. An leicht zugänglicher Stelle stand ein vielbändiges Konversationslexikon.
Hitler bevorzugte alte Möbel, ließ aber auch neue gelten, wenn sie nicht zu modern waren und einen gefälligen Schwung aufwiesen. Ungefüge Klubsessel mochte er dagegen nicht. Die Revolution auf dem Gebiete der Möbelanfertigung, die das »Dessauer Bauhaus« - zweckgerechte Formen entwerfend, neue Werkstoffe benutzend - eingeleitet hatte, mußte von Hitler - soweit er sie überhaupt zur Kenntnis nahm - natürlich scharf abgelehnt werden, da sie seinem Schönheitssinn zuwiderlief.
Hitler hatte Sinn für echtes Material, liebte Naturstein und war gegen Stuck. Er kritisierte das Anbringen von Balkonen und die Umrahmung von Fenstern mit Säulen und dergleichen; das heißt: Er vertrat die Grundauffassung, zu deren Vertretung sich 1907 in München der »Deutsche Werkbund« zusammengeschlossen hatte.
Großen Wert legte er auf Blumen; große Sträuße schmückten seine Zimmer, und bei den Festen, die er in Friedenszeiten gab, wurde mit Blumen Aufwand getrieben. Hitler verschenkte sie auch gern. Er schätzte Orchideen, aber er hatte keine ausgesprochene Lieblingsblume und besaß auch keinen Sinn für das Wachsen der Pflanzen. Er betrachtete ein Bukett vielmehr wie ein schönes Stilleben; insofern war er ein Nachläufer des Wiener Makart-Stils, in dem ja »Arrangements« aus natürlichen, getrockneten oder künstlichen Blumen einen wesentlichen Faktor der Inneneinrichtung gebildet hatten.
In bezug auf das »Gehäuse«, das Hitler sich schuf, war er also alles andere als ein Revolutionär. In dieser Hinsicht kann man ihn geradezu einen Traditionalisten nennen, der in die Umwelt aufstieg, die die bisher maßgebende Schicht bereits in der Vorkriegszeit zu verlassen begonnen hatte: diese Schicht, die sich interessiert hatte für die Impressionisten, auch schon für Expressionisten, die durch chinesische Lackarbeiten und die Vielfarbendrucke der Japaner, besonders durch deren eindrucksvoll verzerrte Schauspielergesichter fasziniert worden war und auch schon die noch fremdartigeren, noch expressiveren Masken aus Afrika und der Südsee in ihren Zimmern aufhing. Von alldem ist bei Hitler, der nicht einmal die Kunst von ganz Europa gelten ließ, nichts zu spüren.
Sind diese Feststellungen schlüssig? Wir kontrollieren sie, indem wir Hitler daraufhin prüfen, wie er zu den Kunststilen stand, die im Laufe der Jahrtausende das Gesicht Europas geformt haben.
IM NÄCHSTEN HEFT:
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... für Deutschlands beste Architekten": Hitler auf dem Bau**
* Links: Reichskriegsminister von Blomberg.
* Hinter ihm: Frau Professor Gerhardine Troost, Ehefrau des »Architekten des Dritten Reiches«.
* Modell der Nürnberger Kongreßhalle: 2. rechts neben Hitler: Generalbauinspektor Speer.
** Baustelle des Hauses der Deutschen Kunst in München.