SS-BECHER Ärger mit Blaupapier
Kaum hatte Mosche Landau, der Vorsitzende des Jerusalemer Eichmann -Tribunals, die letzte Seite des Vernehmungsprotokolls aus Bremen verlesen, als Eichmanns Verteidiger Servatius gestikulierend Einspruch erhob. Servatius forderte - vergebens -, daß diese Zeugenaussage, die er selbst bestellt hatte, nicht angenommen werde.
Bei dem Protokoll handelte es sich um die Antworten auf 61 Fragen, die das israelische Gericht an den Bremer Getreide- und Futter-Kaufmann, den mehrfachen Millionär Kürt Alexander Becher zum Thema »Endlösung der Judenfrage im Nazireich« gestellt hatte. Dem Becher waren diese Fragen vom Assessor Elias beim Amtsgericht der Hansestadt Bremen präsentiert worden.
Elias hatte dem Becher - einem früheren SS-Standartenführer und Intimus Himmlers - ein peinliches Kreuzverhör erspart und dem honorigen Hanseaten sechs Tage Zeit gelassen, in der Hollywood-Schaukel auf der Terrasse seiner fashionablen Bremer Villa, Schwachhauser Heerstraße 189, über seine NS-Vergangenheit zu sinnieren.
Dem Advokaten Servatius mag freilich weniger diese kulante Vernehmungsmethode als die Tatsache, daß aus dem vermeintlichen Entlastungszeugen Becher ein Belastungszeuge gegen Eichmann geworden war, Unbehagen bereitet haben.
Becher hatte nämlich in Bremen sinngemäß ausgesagt, daß
- Himmler in der
letzten Phase des Krieges gegenüber Juden zu milderen Maßnahmen bereit
gewesen sei, als sie Eichmann im Auge hatte;
- der Reichsführer SS 1944 zu seinem
Vollzugsbeamten Eichmann gesagt habe: »Wenn Sie bisher Juden ausrotteten, so müssen Sie, wenn ich es befehle ... Judenpfleger sein«; und
- Himmler tatsächlich eine solche
Barmherzigkelts-Parole ausgegeben habe, diese aber von dem »fanatischen Antisemiten« Eichmann nicht befolgt worden sei.
Quintessenz der Aussagen Bechers: Himmler habe sich in der Zeit des »weichen Kurses gegen die Juden« eigentlich nur auf ihn, Becher, stützen können.
Dieses Doppelporträt des angeblich humanen Himmler und seines willigen Judenpflegers Becher mußte nicht nur in Jerusalem sensationell wirken. Noch kurze Zeit vor diesen Becherschen Erzählungen war nämlich in Deutschland ein Buch des Publizisten Albert Wuchert erschienen, in dein Becher unter der. Pauschal-Überschrift »Eichmanns gab es viele« als einer der Eichmänner eingestuft wird.
Nach Wucher soll Becher, ein »SS -Scherge« und ehemaliger »Pferdehändler im Dienste der SS«, bei Himmler mit dem angeblich infernalischen Vorschlag durchgedrungen sein, »die Juden nicht mehr einfach zu vernichten, sondern sie zu verschachern«. Wuchers Urteil über diesen Becher-Plan: »Humanitäre Gesichtspunkte spielten auch bei ihm (Becher) keine Rolle.«
Was freilich weder Wucher noch andere Geschichtsschreiber, die sich in letzter Zeit noch einmal mit dem SS -Staat beschäftigt hatten, verleugnen konnten, war die Tatsache, daß der Himmler-Gefolgsmann Becher effektiv Juden gerettet hat.
Becher dürfte heute einer der wenigen SS-Führer außer Diensten sein, die ohne Verdruß die umfangreiche Literatur über die Untaten des Himmler-Ordens studieren können. Auch das Wucher-Buch braucht Becher nicht zu beunruhigen, weil er unanfechtbare Beweise dafür hat, daß er sich spätestens seit Mitte 1944 in einer Art betätigt hat, die in schroffem Gegensatz zu den Bestrebungen des Liquidators Eichmann stand.
Sogar auf die berechtigte Frage, wie er zum SS-Standartenführer (Oberst) avancieren konnte, obwohl er seiner eigenen Darstellung nach keineswegs der NS-Doktrin huldigte, vermag Becher unter Hinweis auf seinen Lebenslauf glaubhaft zu parieren.
Der heute 51jährige Becher trat 1930, im Alter von 20 Jahren, in das Hamburger Getreidegeschäft Heins ein und erhielt sehr bald Prokura und stattliches Salär. Firmen-Chef Heins überredete seinen Assistenten, ein Pferd zu kaufen und, statt auf die Reeperbahn zu gehen, »ehrbaren Sport zu treiben«.
1934 formierten sich die Hamburger Pferdesportler, zu denen Becher nunmehr gehörte, fast geschlossen zu einem SS-Reitersturm, weil dann »alle Pferde billig in einem Stall gehalten werden konnten« (Becher).
In den Krieg zog Becher zunächst als schlichter Schütze, avancierte aber bald zum Scharführer (Unteroffizier) einer Reiter-Division der Waffen-SS. Kavallerist Becher wurde hoch dekoriert - er erhielt unter anderem das Deutsche Kreuz in Gold - und machte als Frontsoldat rasch Karriere.
Ende März 1944 wurde Kurt Becher als Hauptsturmführer der Waffen-SS nach Ungarn versetzt, und zwar als Leiter eines Stabes für Kavallerie-Bedarf. Becher, laut SS-Zeugnis auch als Offizier »unverkennbar Kaufmann«, hob nicht nur mit Erfolg 20 000 Pferde für die SS aus, sondern beschäftigte sich nach Hanseatenart lebhaft mit dem Wirtschaftsleben des Magyaren-Landes. Dabei berührten sich seine Interessen mit denen des Endlösers Eichmann, der die wirtschaftlichen Engpässe Ungarns durch Massenvernichtungen der Juden zu lösen gedachte.
Becher hingegen löste seine Aufgaben in einer Form, die später durch die Entnazifizierungsurkunde VI/2959 der Nürnberger Spruchkammer VI mit dem Entlastungs-Bescheid quittiert wurde: Der Standartenführer habe sich »nachweislich als Helfer und Förderer der verfolgten Juden erwiesen, ohne ... eigene Vorteile gehabt zu haben«.
Gestützt auf 55 eidesstattliche Erklärungen von zumeist jüdischen Betroffenen konnte sich Becher 1948 tatsächlich nicht nur vor der deutschen Spruchkammer rehabilitieren. Häftling Becher wurde von den Amerikanern für drei Monate als Zeuge nach Ungarn ausgeliehen und kehrte mit Brot und Speck »als Zeichen der Freundschaft« (Becher) nach Deutschland zurück.
Er hatte mühelos beweisen können, daß er unter anderem
- 45 Mitgliedern der ungarischen Industriellen-Familie Weiß, den ungarischen Krupps, die Ausreise nach dem Westen ermöglichte und sich selbst zum Treuhänder des teilweise jüdischen Stahlkonzerns Weiß einsetzen ließ;
- die Weiß-Direktoren Dr. Chorin, Jünker und Bauer sowie die ungarischen Barone Kornfeld und Eugen Weiß aus deutschen Konzentrationslagern befreite;
- für hundert Budapester Juden
deutsche und für weitere hundert Juden schwedische Schutzpässe besorgte;
- dem Leiter des Budapester Hilfskomitees der Juden »Waada«, Dr. Rudolf Kastner, seinen besonderen Schutz angedeihen ließ - SS-Becher stellte dem Juden Kastner seinen Dienstwagen zur Verfügung;
- den ungarischen Juden Dr. Mosche Schwaiger persönlich aus dem KZ Mauthausen geholt hat, obwohl Schwaiger zuvor unter der Anklage, ein Attentat auf Hitler geplant zu haben, eingesperrt worden war;
- 300 jüdische Handwerker schützte,
indem er sie bis zum Kriegsende SS -Pferdegeschirre ausbessern ließ;
- 75 slowakischen Juden die Ausreise
in die Schweiz ermöglichte; und schließlich
- Himmler den Befehl abgeluchst hat,
1700 ungarische Juden ebenfalls in die Schweiz ausreisen zu lassen.
Diese letzte Maßnahme versuchte Eichmann dadurch zu sabotieren, daß er den Transport zunächst ins KZ Bergen-Belsen dirigierte. Erst später durften die 1700 auf Intervention Bechers bei Himmler doch noch in die Freiheit reisen.
Der Judenführer Dr. Rudolf Kastner, Vorsitzer des Zionistenrats von Budapest, bestätigte nach dem Kriege, daß Becher außerdem den »wirksamsten und ernsthaftesten Versuch« unternommen habe, »dem von Hitler befohlenen Naziprogramm einer totalen Vernichtung der in deutschen Händen befindlichen Juden entgegenzuwirken«.
Auch der amerikanische Interrogator (Ausfrager) Curt L. Ponger vom Office of Chief-Counselfor War Crimes, Evidence Division Nürnberg, der den Standartenführer Becher in der Vernehmungszentrale Oberursel in die Schwitzkur genommen hatte, mußte unter Eid bekennen:
Mir selbst und anderen amerikanischen Vernehmern erschienen die Angaben Bechers über seine Rettungsaktion zugunsten von Juden und KZ-Insassen zunächst völlig unglaubwürdig. Eingehende Ermittlungen und die Darstellungen jüdischer Verhandlungspartner von Herrn Becher brachten mich jedoch zu der Überzeugung, daß es tatsächlich Becher war, dessen geschickten Verhandlungen mit Himmler und verschiedenen Dienststellen Zehntausende von Juden und KZ-Insassen ihr Leben verdanken.
Zu dieser märchenhaften Mildtat des Becher kam es, als Mitte 1944 in höheren SS-Kreisen der Plan erörtert wurde, die ungarischen Juden, damals die letzte geschlossene Judengruppe im deutschen Machtbereich, gegen kriegswichtige Waren zu verhökern.
SS-Kaufmann Becher bestreitet heute, der Urheber dieses makabren Plans gewesen zu sein, bekennt sich aber dazu, ihn forciert zu haben, um »Freunden in Ungarn Gelegenheit zu geben, gekauft zu werden«.
Im Budapester Hotel Majestic fand eine Konferenz statt, an der Eichmann, Becher als Vertreter Himmlers und für die jüdische Hilfsorganisation »Waada« ein Abgesandter namens Joel Brand teilnahmen.
Eichmann eröffnete dem Joel Brand: »Ich bin bereit, Ihnen eine Million Juden zu verkaufen ... Fahren Sie in die Schweiz, in die Türkei, nach Spanien, wohin immer Sie wollen! Aber bringen Sie mir Waren! Ich will Lastkraftwagen. Ich verkaufe Ihnen eine Million Juden gegen 10 000 Lastkraftwagen, 1000 Tonnen Kaffee und etwas Seife.«
Joel Brand reiste mit einer von der SS gestellten Kuriermaschine nach Istanbul, um dort mit Mitgliedern der Jewish Agency und Vertretern der Alliierten über das SS-Angebot zu verhandeln. Brand glaubte, daß durch die Lieferung von Autos tatsächlich noch Juden zu retten seien.
In Istanbul urteilte man darüber anders: Die Vertreter des Weltzionismus hielten das Kompensationsgeschäft - Autos gegen Juden - für einen SS-Trick und die Drohungen Eichmanns, die Budapester Juden zu deportieren, falls dieser Handel nicht zustande komme, für eine plumpe Erpressung. Parlamentär Brand wurde von den Engländern in Kairo gefangengesetzt.
Völlig mochten die Zionistenführer die von Brand übermittelte SS-Offerte freilich nicht ignorieren, weil das Angebot nicht nur von Eichmann, sondern zugleich von Becher kam, der wegen seines Einsatzes für die Industriellen -Familie Weiß schon damals unter westlichen Juden einen guten Ruf hatte.
Die Zionisten schlugen ein deutsch jüdisches Treffen in der Schweiz vor, und die SS akzeptierte. Unterhändler Himmlers war Kurt Becher, als Vertreter der Juden fungierte der Schweizer Kaufmann Sally Mayer.
Die Zusammenkunft war grotesk. Die Juden hatten Becher kein Einreise-Visum in die Schweiz besorgt, so daß die Verhandlung über das Schicksal der ungarischen Juden am 21. August 1944 im Regen mitten auf der Rheinbrücke bei St. Margarethen, der Grenze zwischen Österreich und der Schweiz, stattfinden mußte.
SS-Becher wurde mit dem weltfremden Greis Mayer, der die Deportationen als »Schlamassel« bejammerte, nicht handelseinig. Trotzdem stellte Becher seine Treffen mit den Juden - der Standartenführer durfte später auch in die Schweiz einreisen - gegenüber Himmler als große Erfolge hin.
Händler Becher erklärt heute offen, daß er an das Engros-Geschäft mit Menschen nie geglaubt habe, aber durch Verhandlungen Zeit für die Rettung der Juden gewinnen wollte. Becher: »Sally hat mir ins Gewissen geredet.«
Tatsache ist, daß Becher noch zu einer Zeit verhandelte, als bereits völlig klar war, daß keine der Parteien die Bedingungen dieses Menschenhandels auch nur teilweise einzuhalten gedachte.
Becher wagte es aber, Himmler zu telegraphieren, 20 Millionen Franken lägen als Anzahlung der Juden in der Schweiz bereit, obwohl davon kein Wort stimmte. Nach dieser Becherschen Falschmeldung durften die letzten jener 1700 Juden ausreisen, deren Freilassung Becher bei Himmler bewirkt hatte und die Eichmann in Bergen-Belsen noch festhielt.
Becher bestreitet nicht, daß er bei seinem Chef in den letzten Kriegsmonaten wohl nur deshalb Gehör fand, weil Himmler sich in dem Wahn wiegte, den drohenden Zusammenbruch des NS -Regimes überstehen zu können, wenn er kurz vor Kriegsende großmütig werde.
Der generöse Himmler erließ laut Becher im Spätherbst 1944 den Ukas:
»Ich verbiete mit sofortiger Wirkung jegliche Vernichtung, von Juden und befehle im Gegenteil die Pflege von schwachen und kranken Personen.«
Diesem Befehl schreiben es zahlreiche Historiker, darunter der Autor des Buches »Die Endlösung«, Reitlinger, zu, daß »hunderttausend ungarische Juden gerettet« wurden, als sich die Rote Armee im raschen Anmarsch auf Ungarn befand.
Becher gelang es noch in den letzten Kriegswochen, sich von Himmler mit der Kontrolle der Konzentrationslager betrauen du Jassen. Der Standartenführer fuhr damals von einem KZ zum anderen und riet den Kommandanten im Auftrage Himmlers, sich angesichts des totalen Zusammenbruchs in Nächstenliebe zu üben.
Er sorgte dafür, daß den Alliierten das KZ Bergen-Belsen ohne vorheriges Massaker übergeben wurde, und vereitelte den Plan des Mauthausener KZ-Kommandanten, 3000 Juden auf Donaukähne zu verladen und zu versenken.
Trotz dieser unbestrittenen Verdienste wurde der höhere SS-Führer Becher in der Nachkriegszeit, in der er sich zu einem der größten deutschen Getreide-Importeure mauserte, verschiedentlich unlauterer Motive für seine Judenhilfe verdächtigt. Dem Becher wurde nachgesagt, daß er unter Hitler als gewiefter Kaufmann auf die Ansammlung nicht nur moralischen Kapitals für die Nachkriegszeit bedacht gewesen sei.
Die letzte Verdächtigung dieser Art kam von dem Frankfurter jüdischen Kaufmann Alexander Klein, vormals Budapest. Klein verklagte den Becher vor dem Landgericht Frankfurt auf Herausgabe von 18 000 Dollar (72 000 Mark), die Klein im Frühjahr 1944 an Becher gezahlt haben will, damit seine, Kleins, Angehörigen nicht getötet würden.
Der Vertreter des Klägers, der Frankfurter Rechtsanwalt Heuser, benannte sogar einen Zeugen, der dem Klein geholfen habe, die 18 000 Dollar vor die Tür des Becherschen Büros in Budapest zu tragen. Dafür, daß die 18 000 Dollar hinter dieser Tür den Besitzer wechselten, gibt es freilich keine Zeugen. Dem Becher ist der Kläger Klein zwar nicht aus Budapest, wohl aber bus der Nachkriegszeit in Erinnerung. Klein kam als Handelsvertreter in Bürobedarf zu dem reichen Becher, um ihn als Käufer zu gewinnen.
Zur gleichen Zeit wurde Becher auch von anderen jüdischen Handelsvertretern um Abnahme von Büroartikeln gebeten. Er ging auch auf die Angebote ein, stoppte die Käufe jedoch, als ihm sein Bürovorsteher meldete, daß die Firma Kurt Ao Bechef nunmehr über »Blaupapier für fünf Jahre, Durchschlagpapier für zehn Jahre und Bleistifte für eine ganze Generation« verfüge.
Erst neun Monate später fiel dem Klein ein, daß er von Becher eigentlich noch 18 000 Dollar zu fordern habe. Der von Kleins Anwalt Heuser zitierte Zeuge für die Hinterlegung der 18 000 Dollar in Budapest ist ein Branchenkollege des Klein namens Eisenberg.
Laut Becher hat dieser Eisenberg dem Bremer Millionär im vergangenen Jahr ebenfalls Blaupapier zum Kauf angeboten. Bechers Bedarf war jedoch gedeckt.
* Albert Wucher: »Eichmanns gab es viele«. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München/Zürich; 800 Seiten; 12,80 Mark.
Millionär Becher, Ehefrau: 61 Fragen aus Jerusalem
Juden-Jäger Eichmann
Menschenhandel im Majestic
Juden-Helfer Becher
Schwitzkur in Oberursel