Aktion Elster - DER SPIEGEL
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VOLKSAUFKLÄRUNG Aktion Elster

• aus DER SPIEGEL 41/1962
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Walter Ulbrichts SED, sonst jeder Metaphysik abhold, wird übersinnlich. Die Zauberlehrlinge der Ostberliner Agitationszentrale am Werderschen Markt haben entdeckt, wer am Fundament des ersten deutschen Mauerstaates nagt: Gespenster mit braunem Stammbaum.

Die großdeutschen Plagegeister »Groschengrab« und »Kohlenklau«, einst in den Retorten der Goebbelsschen Propagandaküche zum Leben erweckt, sind zwischen Elbe und Oder nicht ohne Nachkommen geblieben.,

Zu den DDR-Gespenstern, die nur auf Verderb bedacht sind, zählen

- »Wattfraß«, der Stromvergeuder,

- »Bremserich«, der Plan-Boykotteur,

- »Otto Murks«,. der Ausschulß-Produzent,

- »Unfallteufel«- und

- »Tele-Conny«, der Westfernseher.

Neueste Akquisition in der Vereinigung volkseigener Kobolde ist die »diebische Elster«, ein Gespenstervogel, der seine Abkunft ornithologisch von den Raben, ideologisch aber vom Pleitegeier herleitet und mit Vorliebe in den weichen Stellen der Planwirtschaft herumhackt.

Seine Existenz verdankt das geflügelte Untier dem Scharfblick der Wirtschafts-Apparatschiks: Sie hatten nach intensiver Denkarbeit herausgefunden, daß die allenthalben in der DDR übliche Vergeudung von Material und die mangelhafte Ausnutzung moderner Maschinen nicht eben zur gewünschten Planerfüllung beitragen.

Schon im März dieses Jahres hatte Walter Ulbricht vor dem SED-Zentralkomitee räsoniert: »Genossen, wir müssen Schluß machen mit der Unzahl von Fällen der Vergeudung, der Schlamperei und der Nichtausnutzung unserer Möglichkeiten.« Urid: »Wie viele Fälle gibt es, wo Volkseigentum gestohlen, verschleudert und nicht ausgenutzt wird!«

Die Genossen waren ebensowenig wie ihr Chef gewillt, sich selbst der Unfähigkeit anzuklagen, und begaben sich auf die Jagd nach Sündenböcken.

Mit Hilfe der Gespenstersucher aus der Agitprop-Zentrale des Politbüros gelang ihnen die Materialisierung eines neuen Fabelwesens: der« diebischen Elster«, die arbeitsamen Funktionären kostbare Schrauben stiehlt und wertvolle Maschinen der Produktion entzieht.

Anfang Juni blies das Politbüro zur

Hatz. Als Treiber fungierte Horst Schumanns SED-gelenkte Freie Deutsche Jugend (FDJ), die schon bei früheren Phantom-Jagden einschlägige Erfahrungen gesammelt hatte - so beim Kampf gegen »Wattfraß« und »Otto Murks«, wie bei der Demontage von Fernsehantennen, die auf Weststationen eingestellt waren.

Die Parteiführung sieht in solchen Aktionen ein geeignetes Mittel, den jugendlichen Tatendrang zu kanalisieren. Pubertäre Widerborstigkeit gegen Vorgesetzte am Arbeitsplatz und jugendliche Zerstörungslust konnten für hohe sozialistische Ziele nutzbar gemacht werden.

Die Rechnung der Apparatschiks ging auch diesmal auf: Subalterne FDJ -Funktionäre pappten eifrig das Konterfei der »diebischen Elster« auf Materialvorräte und Maschinen.

Als die Sonderkommandos der lokalen und zentralen Plankommissionen im September erste Bilanz zogen, war die DDR-Wirtschaft um einsatzfähige Materialien und Maschinen im Wert von 300 Millionen Ostmark reicher. Besonders talentierte Elsternjäger durften einen aus der Staatskasse finanzierten Urlaub in der Sowjet-Union antreten.

Die Suchtrupps der FDJ hatten unter anderem entdeckt:

- zwei komplette fabrikneue Turbinensätze im Wert von 600 000 Mark in einem Schuppen der Stärkefabrik Kyritz;

- einen neuen Drehautomaten im Wert von 40 000 Mark, der ein halbes Jahr lang im Hof des Niedersedlitzer Sachsenwerks verrostete;

- 12 200 Ofenteile und 10 250 Wassereimer in den Lagern der Großhandelsgesellschaft Coswig, obwohl diese Waren seit Monaten im Einzelhandel fehlten;

- fabrikneue Tür- und Möbelschlösser im Wert von 100 000 Mark in der Neptun-Werft Rostock.

Allein im Bezirk Potsdam wurden 1712 nicht ausgenutzte Maschinen (Wert: 13 Millionen Mark) aufgespürt. In Ostberlin brachte die Fahndung sogar Produktionsanlagen im Wert von 26,78 Millionen Mark zutage.

Betriebsleiter, die mit den Elsternjägern um die Definition des Begriffs Nichtausnutzung zu streiten versuchten, wurden kurz abgefertigt. Hinweise der Direktoren, daß der Ankauf der Maschinen bewilligt worden sei und die schwer zu beschaffenden Aggregate für den weiteren Ausbau der Betriebe benötigt würden, fanden kein Gehör. Betriebs-Chefs, die ihren im Betrieb herumschnüffelnden FDJ-Sekretären mit dem Staatsanwalt drohten, wurden sogar parteiamtlich zur Ordnung gerufen.

Trotz der eindrucksvollen Erfolge ging die Elsternjagd allerdings nicht ohne Unfälle ab.

Der technische Direktor des Magdeburger Ernst-Thälmann-Werks, der größten Schwermaschinenfabrik in der DDR, gab über den Regionalsender Magdeburg beispielsweise FDJ-Kritik, die seinem Betrieb galt, an die Ostberliner Wirtschaftsführer und die laut DDR-Propaganda fehlerlosen sowjetischen Freunde weiter.

FDJler seines Betriebs hatten eine neue Spezial-Walzendrehmaschine aufgespürt, die seit Anfang des Jahres unbenutzt im Werk herumstand. Die Maschine war aus der Sowjet-Union importiert und von den Ostberliner Einkäufern mit 300 000 Mark bezahlt worden.

Die Magdeburger hatten aber eine Maschine mit einer Drehzahl von 200 Umdrehungen pro Minute bestellt, das sowjetische Qualitätsfabrikat leistete hingegen nur 23 Umdrehungen. Die Sowjets erboten sich, die Maschine umzubauen - gegen Bezahlung. Die Magdeburger lehnten ab. Sie baten die Ostberliner Behörden, das Aggregat anderswo einzusetzen - bislang ohne Erfolg.

Unbekümmert um derartige Rohrkrepierer beendeten die Ostberliner Genossen die erste Etappe der Aktion Elster mit einem propagandistischen Clou. Sie verfügten, die zwischen Rostock und Sonneberg aufgestöberten Schätze sollten auf Verkaufsmessen in den Bezirkshauptstädten preisgünstig losgeschlagen werden.

Zu spät entdeckten die Organisatoren, daß sie damit dem parteieigenen Elstern-Gespenst einen unfreiwilligen Dienst erwiesen hatten. Von den Aufkäufern wurde kein Nachweis dafür verlangt, daß sie die erworbenen Materialien und Maschinen auch tatsächlich sofort einsetzen können.

Zahlreiche bei der Versorgung zu kurz gekommene volkseigene Betriebe nutzten deshalb die günstige Gelegenheit, sich jetzt für künftige Wechselfälle des Planspiels mit Reserven einzudecken.

Horst Schumanns FDJ freilich ließ sich durch diesen Kunstfehler nicht entmutigen. Das FDJ-Blatt »Junge Welt« rief alle Jugendfreunde zur neuen Hasch-mich-Runde im Gespensterreigen: Die Elsternjagd sei künftig »zur Hauptmethode der FDJ in Industrie und Bauwesen, Handel und Verkehr ... zu machen«.

FDJ-Chef Schumann

Volkseigene Gespenster ...

... mit braunem Stammbaum: FDJ-Klebezettel »Diebische Elster«

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