Aktion Jericho - DER SPIEGEL
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MILITÄR Aktion Jericho

In dieser Woche beginnt die Aufstellung der ersten deutsch-französischen Brigade. Friedensgruppen aus beiden Ländern rufen zum Protest auf. *
• aus DER SPIEGEL 39/1988
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Vor dem Bundestag kündigte Helmut Kohl ein »Novum in unserer Geschichte« an. Zweifler unter den Abgeordneten belehrte er: »Jeder, der die Geschichte dieses Jahrhunderts überblickt, wird dies unschwer begreifen.«

Das im Februar verheißene Novum soll am Samstag dieser Woche feste Formen annehmen: die Aufstellung einer deutsch-französischen Brigade, die von Kohl und Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterrand im November letzten Jahres vereinbart worden war.

In Böblingen bei Stuttgart soll der Stab der ersten binationalen Truppe mit Bundeswehr-Beteiligung Quartier nehmen. Die künftige Brigade hat eine Sollstärke von gut 4000 Mann, alle zwei Jahre soll das Kommando wechseln.

Mit der dgemischtnationalen Brigade, kündigte Kohl an, »wollen wir Erfahrungen sammeln«. Zugleich solle sie Anstoß für andere gemischte Verbände geben. »Am Ende des Weges« werde »eine gemeinsame europäische Verteidigung stehen« - »wenn möglich mit einer europäischen Armee«.

Gegen die Aufstellung der deutschfranzösischen Brigade, die mit Rücksicht auf Frankreich nicht der Nato unterstellt ist _(Frankreich hat 1966 seine Truppen aus ) _(der militärischen Integration ) _(zurückgezogen, ist aber Nato-Mitglied ) _(geblieben. ) , hat sich mittlerweile eine deutsch-französische Widerstandsbewegung formiert - mit so viel propagandistischem und personellem Einsatz, als ginge es um eine neuerliche Pershing-Stationierung.

Friedensgruppen von diesseits und jenseits des Rheins - Parole: »Das Gemeinsame muß friedlich sein« - haben für den kommenden Samstag zu einer Großkundgebung vor der Böblinger Wildermuth-Kaserne aufgerufen. Anschließend sollen ein Demonstrationsmarsch durch die Stadt und ein Redner-Marathon auf dem Marktplatz stattfinden.

Den Trägerkreis der »Böblinger Friedensaktion« bilden der Koordinationsausschuß der bundesdeutschen Friedensbewegung und französische Friedensorganisationen wie das Mouvement de la Paix. Zu den Sympathisanten zählen Mitglieder von SPD und Grünen, Jungsozialisten und Gewerkschaften.

Die Böblinger Bundestagsabgeordnete der Grünen, Christa Vennegerts, hatte ihre Wähler schon frühzeitig vor den »Folgen des deutsch-französischen Jubelgipfels« gewarnt: »Diese Form von ''Völkerfreundschaft'', wie sie sich in der geplanten Militärkumpanei manifestiert, lehne ich auf das entschiedenste ab.« Seit Januar appelliert die Abgeordnete an die Bürger Böblingens, sich gegen die Installierung der Brigade zu wehren.

Die Grünen vor allem sehen in dem Militärprojekt ein »Symbol für das deutsche Streben nach einer westeuropäischen Streitmacht mit eigenen Atomwaffen«, so Rudi Hoogvliet vom Stuttgarter Grünen-Landesvorstand. Er befürchtet einen »Einstieg in eine Nuklearwaffen-Symbiose mit Frankreich« - Ursache: Bonner »Mißtrauen gegen die Sicherheitsgarantien der USA«.

Ganz abwegig sind solche Überlegungen nicht. Oberst Hans-Konrad Bromeis, Kommandeur der - ebenfalls nicht der Nato unterstellten - Böblinger Heimatschutzbrigade und Gastgeber des gemischten Stabs, sieht in der binationalen Brigade einen »Schritt zur Stärkung der europäischen Verantwortung und Selbständigkeit im westlichen Bündnis«. Die Brigade sei »stolz darauf«, sagt Bromeis, »als erste am möglichen Modell für diese Entwicklung mitwirken und es mitgestalten zu können«.

Die jeweils zwei deutschen und französischen Bataillone werden in den Städten Horb, Stetten am kalten Markt und Donaueschingen stationiert. Kommandeure werden der Franzosen-General Jean-Pierre Sengeisen und der bisherige stellvertretende Kommandeur der Bundeswehr-Luftlandebrigade in Calw, Oberst Günther Wassenberg.

Die deutsch-französische Brigade hat »Einsatzoptionen« für ganz Baden-Württemberg, Hessen und Bayern. Sie soll mit dem schnellen Panzerfahrzeug »Fuchs« und der Feldhaubitze 155 ausgerüstet werden.

Der französische Partner will zwei Regimenter seiner FAR (Force d''Action Rapide) für die Brigade abstellen. Die FAR ist eine Eingreiftruppe, die sich - wie die Fremdenlegion - mit Einsätzen in ehemaligen französischen Kolonien einen zweifelhaften Ruf verschaffte.

Allerdings: Weder beschwörende militärpolitische Visionen noch Klagen über kommende lokale Belastungen vermochten bislang die Bevölkerung erkennbar zu beunruhigen. SPD und Grüne verweisen zwar auf die große Wohnungsnot in Böblingen und im angrenzenden Sindelfingen, auf das Entstehen eines »militärischen Ballungszentrums« und auf eine mögliche Beeinträchtigung des Fremdenverkehrs in Schwarzwald-Landkreis Freudenstadt, zu dem Horb gehört.

Aber Stadtverwaltung und Landkreis Böblingen, beobachtete Christian Rath von der Organisation »Friedensratschlag Böblingen-Sindelfingen«, begrüßen die Aufstellung der Brigade »wie eine Städtepartnerschaft«. Die Lokalzeitung in Horb schwärmte, ein »Umsatzaufschwung für Handel und Gewerbe in der Stadt« und ein »Bauboom« seien zu erwarten: »Die Grundstücksbesitzer reiben sich vergnügt die Hände.«

Militärs rechnen kaum mit Problemen bei der Brigade-Etablierung. Allerdings ist noch ungeklärt, wie die Militärpartnerschaft in den Standort-Kasinos gepflegt werden kann: Bei der Bundeswehr

wird für alle Dienstgrade einheitliches Essen ausgegeben, bei den Franzosen werden traditionell je nach Rang diverse Menüs serviert. Und während bei der Bundeswehr im Dienst ein Alkoholverbot gilt, dürfen französische Soldaten nach dem Essen einen roten oder weißen Vin de Pays süffeln.

Einig sind sich die deutschen und französischen Widersacher der Stationierung. Wenn am kommenden Samstag die Demonstranten vor der Wildermuth-Kaserne aufmarschieren, ist unter den Protestlern auch der Sindelfinger Ehrenbürger Roger Combrisson, Bürgermeister der Partnerstadt Corbeil Essonnes. Er wird Zeuge einer lautstarken »Aktion Jericho« sein: Mit Posaunen und Trompeten wollen die Friedensfreunde vor dem Kasernentor allerlei Getöse inszenieren.

Die deutsche Heimatschutzbrigade will derweil ihre Friedensbereitschaft demonstrieren. Für den Betrieb der antimilitaristischen Beschallungsanlagen dürfen die Friedenbewegten kostenlos Bundeswehr-Strom abzapfen.

Frankreich hat 1966 seine Truppen aus der militärischen Integrationzurückgezogen, ist aber Nato-Mitglied geblieben.

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