ITALIEN Al Cafone
Die Pressekonferenz im römischen Palazzo Chigi war vorbei, die Journalisten brachen auf, da griff der Hausherr, Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi, noch einmal zum Mikrofon. Er fixierte seinen Gast, den dänischen Amtskollegen und derzeitigen EU-Ratspräsidenten Anders Fogh Rasmussen, und sagte mit schmallippigem Lächeln: »Rasmussen ist der schönste Ministerpräsident Europas.« Der lauschte verwirrt der Simultanübersetzung, während Berlusconi fortfuhr: »Ich denke, ich werde ihn meiner Frau vorstellen, denn er ist viel schöner als Cacciari ... Nach dem, was man alles so sagt ... Arme Frau.«
Schon länger züngelt das Gerücht durch Italien, Berlusconi-Gattin Veronica Lario, 45, pflege beste Beziehungen zum politischen Gegner, dem Philosophieprofessor und Ex-Bürgermeister Venedigs, Massimo Cacciari, 58. Der zählt zu den wenigen klugen Köpfen im Oppositionsbündnis »Ulivo«. Kein Medium hatte das Gewisper aufgegriffen, bis Berlusconi seine Privatsphäre selbst auf die Bühne brachte.
Rasmussen verstand nichts, Cacciari war empört, die bloßgestellte Ehefrau schwieg. Nur das Volk war belustigt: Wann hätte sich ein Italiener schon einmal selbst als »Gehörnter« präsentiert?
Die scherzhafte Szene habe der große Kommunikator deshalb inszeniert, verbreitete Berlusconis Entourage anderntags, um damit ein infames Gerücht elegant zu beerdigen. Das wäre dann freilich gründlich schief gegangen. Ganz Italien diskutiert seit jener Pressekonferenz vom 4. Oktober, warum das Ehepaar Berlusconi sich seit Jahren wohl kaum noch gemeinsam zeigt, nicht einmal bei der Märchenhochzeit des spanischen Premierstöchterchens Ana Aznar im September. Ans andere Ende der Welt, nach Australien, habe es die Gemahlin getrieben, raunen die Spötter, als Berlusconi im Sommer in Sardinien urlaubte, begleitet, von seiner neuen blonden, bildhübschen Privatsekretärin Francesca Romana Impiglia, 21, Händchen haltend, was der »Corriere della Sera« zu seinem Ärger auch noch genüsslich publizierte.
Der Multimilliardär Berlusconi hat drei erfolgreiche Fernsehstationen aufgebaut und die größte Werbeagentur des Landes. Er hat die heute stärkste Partei gegründet und einen fulminanten Wahlkampf gewonnen. Doch wenn der Kaiser des Kommunikationsimperiums abseits eines vorgefertigten Manuskripts das Wort ergreift, wird es oft peinlich. Und gelegentlich absurd.
Als die Amerikaner im Afghanistan-Krieg möglichst viele muslimische Staaten auf ihre Seite ziehen wollten, schwadronierte Berlusconi vor Journalisten in Berlin von »der Überlegenheit unserer Zivilisation«. Der Westen werde auch »weiterhin Völker erobern, so wie es ihm gelungen ist, die kommunistische Welt und einen Teil der islamischen Welt zu erobern«.
Selbst leichte Auftritte gehen mitunter gewaltig daneben. »Wir sehen uns beim nächsten Mal«, rief er vorletzte Woche bei einer Anti-Drogen-Veranstaltung fröhlich den jungen Menschen im Saal zu: Die meisten waren freilich Ex-Junkies auf Entzug, die beim nächsten Jahrestreffen lieber wieder zu Hause sein wollen.
Gibt er einen Tag den Milliardär, spielt er tags darauf den Arbeiter. Er kann alles - vor allem besser. Er erklärt Gärtnern die Pflanzenwelt und Architekten die Geheimnisse behaglich möblierter Räume.
»Ich bin Priester, Missionar, Maurer«, trägt er allen Ernstes öffentlich vor, und er allein müsse »die Demokratie in Italien verteidigen«. Den rumänischen orthodoxen Patriarchen, auf Visite in Rom, lobte er deshalb für dessen Gastgeschenk, ein Kreuz: Dieses Symbol treffe seine eigene Situation genau. Er hoffe nur, »der himmlische Computer wird es speichern«.
Plattitüden und Peinlichkeiten, ja selbst offenkundige Lügen seien Teil der Berlusconischen Strategie, vermuten Kritiker wie der Publizist Giorgio Bocca in seinem neuen Buch »Kleiner Cäsar": Er lenke das Volk von der tristen Realität seiner Politik ab und sorge, wie seine Fernsehprogramme, für seichten Gesprächsstoff.
Gut möglich. Tausende Arbeitsplätze stehen beim maroden Autoproduzenten Fiat auf dem Spiel; überall im Land bricht das Gesundheitssystem zusammen; statt Schulden abzubauen wie versprochen, häufelt die Regierung Berlusconi noch mehr Staatsschulden an. Derweil weiht er mit medialem Getöse einen Mini-Kinderhort im Amtssitz seiner Gleichstellungsministerin Stefania Prestigiacomo ein, der, wie die Aufsichtsbehörden umgehend erklären, »illegal« ist, weil ohne Genehmigung und gegen alle gesetzlichen Normen.
Andere Auguren des römischen Hofes fürchten, es sei noch viel schlimmer. Der Regent mit dem Absolutheitsanspruch spiele nicht die täppische Frohnatur, er könne es einfach nicht besser. Er kontrolliere zwar »einen sehr großen Prozentsatz aller im Lande umlaufenden Worte«, vermutet etwa die Tageszeitung »La Repubblica«, nur »seine eigenen Worte hat er nicht voll unter Kontrolle«.
Noch krasser urteilte jetzt der erfolgreichste Filmemacher des Landes, Oscar-Preisträger Roberto Benigni über den Selfmade-Erlöser, der sich, wie er selbst sagt, »ein bisschen wie Napoleon und ein bisschen wie Justinian«, der byzantinische Kaiser, fühlt. In seinem Zweireiher aus den dreißiger Jahren, witzelte der Starfilmer, komme Berlusconi wie die Parodie eines Gangsters daher: »Al Cafone«.
Übersetzt bedeutet das Wortspiel in Anlehnung an den berüchtigten Mafioso Al Capone: der Stiesel, der Bauer, der Rüpel. HANS-JÜRGEN SCHLAMP