Aldi-Effekt oder Snob-Appeal
Einmütig wie ehedem Plisch und Plum traten letzte Woche Reformminister Seehofer (CSU) und sein SPD-Kompagnon Rudolf Dreßler vor die Festversammlung der AOK ("40 Jahre Selbstverwaltung") und verteidigten das beschlossene Gesetzeswerk.
Seehofer: »Unternehmerisches Denken« müsse bei den Krankenkassen einkehren. Dreßler: Wenn dabei - wettbewerbsbedingt - einzelne Kassen über die Klinge springen, werde davon eine »atemberaubende Wirkung« für ein effizienteres Kassensystem ausgehen.
Etwas teurere Kassen, so Dreßler weiter, die mit dem »Snob-Appeal« werben, und preiswerte Kassen mit »Aldi-Effekt« könnten künftig durchaus miteinander konkurrieren. Damit solch marktwirtschaftliches Denken - Seehofer: »Marketing« - allmählich Platz greift, werden jetzt erst mal die trägen Verwaltungsspitzen der Kassen ausgehebelt.
Spätestens 1996 sollen die Milliardenunternehmen nicht mehr von Buchhaltern, sondern von »professionellen Vorstandsteams nach dem Muster der Aktiengesellschaften« (Seehofer) geführt werden.
Von 1994 an wird ein »Risikostrukturausgleich« allen gesetzlichen Krankenkassen die gleichen Startchancen geben: Arme Kassen, etwa die AOK in Ballungsräumen, bekommen dann von reichen Kassen, zum Beispiel denen der Betriebe, Ausgleichszahlungen.
Von 1996 an wird die »Kassenwahlfreiheit« eingeführt - jeder Versicherte, gleichgültig ob Angestellter oder Arbeiter, kann zwischen Ortskrankenkasse und Ersatzkassen wählen. Noch ist das für den Verband der Angestellten-Krankenkassen eine Horrorvision: Am Horizont sieht er das Gespenst der sozialistischen »Einheitskasse«.
Auch die privaten Krankenkassen werden von der Bonner Heimsuchung nicht verschont. Vom 1. Juli 1994 an müssen sie ihren über 65jährigen Mitgliedern einen Sondertarif anbieten, der nicht höher liegen darf als der durchschnittliche Höchstbeitrag in den gesetzlichen Krankenkassen. Spätestens dann ist Schluß mit der immerwährenden Eskalation der Beiträge für Rentner und Pensionäre.
Um die müden Krankenkassen mobil zu machen, knallt Seehofer ordentlich mit der Peitsche. Eine Verschiebung der Termine werde es nicht geben. Mit »strategischen Verzögerungstaktiken« sollten die Krankenkassenverbände ihm gar nicht erst kommen.
Seit 100 Jahren sind die Krankenkassen es gewohnt, dem Zwangsversicherten ungeniert in die Tasche zu fassen - der Kunde hatte ja keine Wahl. Und nach wie vor gelten die marktfernen Überlebensregeln des medizinisch-industriellen Komplexes: Der Arzt verordnet, die Apotheke liefert, die Kasse zahlt.
Bei diesem Spiel sind die Krankenkassen (und mithin die Beitragszahler) immer die Dummen. Die Kassenmanager wissen das auch, fanden aber nie die Kraft, es zu ändern. Wesentliche Ursache ist die dröge »Selbstverwaltung«, zusammengesetzt aus Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Versicherten. Sie macht selbst tüchtige Mitarbeiter so beweglich wie eine Biene im Honigtopf.
Bisher verharren die meisten Krankenkassen - mit Ausnahme der flexiblen Betriebskrankenkassen - in Trance. Der Minister will ihnen im Herbst Beine machen: »Wenn die sich nicht bewegen, dann handelt die Politik.«
Soll heißen: Die Selbstverwaltungen, auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung, werden durch Gesetz aufgelöst. Dann kann jede Krankenkasse mit einzelnen Doktoren oder kleinen Ärztegruppen separate Verträge und Honorare aushandeln: in den Augen traditionsbewußter Ärztefunktionäre das greuelvolle Ende einer heilen Welt.