»Allah ist auf der Seite des Irak« - DER SPIEGEL
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»Allah ist auf der Seite des Irak«

• aus DER SPIEGEL 50/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Weißt du nicht, daß Ausländer Bagdad nur mit Sondererlaubnis verlassen dürfen?« fährt ein bärbeißiger Militärpolizist den Taxifahrer an. Statt zu kuschen, hält der Chauffeur dem Uniformierten wortlos eine Schachtel Zigaretten hin. »Ischti ja Kuweit«, »Lang lebe Kuweit!« grunzt der Sergeant und zieht sich gleich drei Glimmstengel heraus.

Die begehrten ausländischen Zigaretten in Bagdad kommen heute aus Kuweit. »Hoffentlich halten sich die Vorräte dort länger als bei uns«, sagt der Polizist noch, dann salutiert er, wünscht gute Fahrt und läßt den Wagen verbotenerweise passieren. Nicht einmal die Papiere will er sehen.

Der Mann trägt auch nicht, wie er müßte, das Abzeichen der Staatspartei Baath mit dem Porträt des Führers. »Wieder so einer, bei dem sich angeblich die Nadel verbogen hat«, feixt der Taxifahrer. »Damit reden sich in letzter Zeit immer mehr Offizielle heraus, wenn sie nach ihrem Abzeichen gefragt werden.« In letzter Zeit heißt: seit der Aufmarsch der Amerikaner an der saudiarabisch-kuweitischen Grenze dunkle Schatten auf die Dauer des Regimes geworfen hat.

Ruckartig zieht der Wagen an, überfährt eine rote Ampel und stößt beinahe mit einem Lastzug zusammen. »Das hätte die Windschutzscheibe gekostet«, stellt der Fahrer lakonisch fest, »eine neue läßt sich nicht mehr auftreiben. Der Irak hat sich verändert.«

Die verbotene Fahrt in die Stadt Hilla, 110 Kilometer südlich von Bagdad, in deren Nähe der irakische Herrscher Saddam Hussein auf den kaum erforschten und von Planierraupen eingeebneten Ruinen von Babylon antike Tempel und Paläste nachbauen läßt, geht zügig vonstatten. Die Verkehrspolizisten in dem Provinznest Mahmudija winken den Wagen mit müden Handbewegungen einfach durch.

Sie schreiten auch nicht ein, als der ausländische Fahrgast die Gipstafel fotografiert, von welcher »der kämpfende Präsident und Führer, der Begründer des Ruhmes des Irak« gleich zweimal herunterlächelt: auf der Vorderseite im modischen weißen Sommeranzug, auf der Rückseite im dunkelblauen Winterdreß. Offenbar hatte in den letzten Wochen niemand Zeit gefunden, die von Straßenstaub und Vogeldreck verschmutzten Porträts zu säubern.

Sind die laxen Kontrollen und der mangelnde Respekt vor den Konterfeis des Herrschers schon Anzeichen eines Autoritätsverfalls im kriegsbedrohten Irak? Der Lebensstandard sinkt rasch, das Regime versucht, durch eine islamisch verbrämte, in Wahrheit konzeptionslose Lockerung der laizistischen Staatsdoktrin die Moral der wieder mit einer unsicheren Zukunft konfrontierten Bevölkerung zu heben.

Die Einwohner Bagdads lassen wenig Enthusiasmus für einen neuen Waffengang erkennen, selbst die Volksmilizionäre wirken unlustig und müde bei ihren Aufmärschen. »Wir sehen nicht ein, warum wir die ganze Welt bekämpfen sollen«, murrt ein Universitätsprofessor im einzigen geöffneten Restaurant des Hotels Oberoi-Inter-Continental. Ähnlich kriegsmüde hatten sich viele Iraker schon im Verlauf des grausamen Golfkrieges gegen den Iran geäußert.

Neu ist, daß sie es jetzt auch in der Öffentlichkeit zu sagen wagen. »Laß Bagdad wieder das Haus des Friedens sein«, kritzelte ein Unbekannter direkt unter ein Poster des obersten Kriegsherrn in der belebten Raschid-Straße.

Während die Bagdader im Krieg gegen den Iran abends zu Hause blieben, flanieren sie heute mit Frau und Kind am grünen Tigris-Ufer - offenbar fürchten sie das »Inferno« nicht, wie Radio Bagdad den eventuellen großen Schlag der Amerikaner nennt.

Nach Büroschluß scheint jeder, der ein Auto hat, dies auch zu benutzen. »Wir treten aufs Gaspedal, solange es noch Benzin gibt«, sagt eine Gymnasiallehrerin, »und das kann ja nicht mehr lange dauern.«

Die ständig neu formulierten Durchhalteparolen der staatlichen Propagandamaschine - Kostprobe: »Allah ist auf der Seite des Irak« oder »Unsere Stärke liegt in unserer Einmütigkeit« - scheinen die Menschen kaum zu berühren, jedenfalls keinen kämpferischen Elan hervorzurufen. Und die in den letzten Wochen neu aufgestellten überdimensionalen Saddam-Porträts stacheln viele gar an, Witze zu reißen: »Maharib«, »Gebetsnischen« tauften die respektlosen Iraker die Führer-Standbilder.

Der neueste Spitzname des Staatschefs lautet »malik«, »König«, eine Anspielung auf das neue Reiterdenkmal des letzten, 1958 grausam ermordeten Königs Feisal auf dem Gamal-Abd-el-Nasser-Platz nahe der Saddam-Kunstgalerie, in der die Besucher unter tausend Saddam-Bildnissen das Werk ihres Geschmacks wählen dürfen.

Die bislang zu landfremden Usurpatoren erklärten irakischen Haschemitenkönige sollen offenbar ins nationale Traditionsgut integriert werden, ein gewaltiger Widerspruch zur populistisch-sozialistischen Baath-Doktrin.

Die Monarchen-Gräber sind bereits renoviert. In den Buchhandlungen am Tahrir-Platz liegen neuerdings Sachbücher über die einst verteufelten Könige aus. Dafür verschwanden die Werke von Marx und Engels ebenso wie Gorbatschows »Perestroika«.

Nach Lesen steht den Irakern ohnehin kaum der Sinn, weit Profaneres macht ihnen zu schaffen: Der internationale Boykott beginnt zu wirken.

Anderthalbstündiges Anstehen nach dem rationierten Hauptnahrungsmittel Brot gehört zum Tagespensum. Pro Kopf gibt es jedoch nur drei Roggenbrötchen oder ein paar Fladenbrote. Der inzwischen mit Kleie angereicherte Laib Brot ist, im Gegensatz zu den meisten anderen Lebensmitteln und Verbrauchsgütern, nicht teurer geworden. Dafür wiegt das Brötchen weniger: 80 Gramm statt wie früher 120.

Auf dem schwarzen Markt, den die Polizei nicht mehr bekämpft, ist Mehl noch zu haben. Doch für den Zentner zahlt der Iraker dann 200 Dinar statt 14 vor der Krise. Ähnlich verhält es sich mit Reis, Tee, Speiseöl und Zucker, die nur gegen Lebensmittelkarten verkauft werden.

Gemüse wird zwar wieder angebaut - während des Vorkriegs-Ölbooms hatten die Iraker die Landwirtschaft vernachlässigt und die Felder von (inzwischen abgewanderten) ägyptischen Fellachen bestellen lassen. Die staatliche Preiskontrolle ist jedoch Fiktion. Die Lebenshaltungskosten haben sich in den letzten drei Monaten mehr als verdoppelt, die Einkommen zogen nicht nach.

Die Fleischpreise kletterten auf 25 Dinar pro Kilo, bei einem Durchschnittsverdienst von 250 Dinar pro Monat kommt mithin Fleisch in den Familien nur noch selten auf den Tisch.

Noch schlimmer dran sind ausländische Gastarbeiter. Sie haben zum Teil seit Monaten keinen Lohn mehr erhalten. Der indische Manager des teuren Raschid-Hotels wartet seit einem Jahr auf sein Gehalt.

Der Exodus von einer Million Ägyptern hat dazu geführt, daß ein Drittel der gerade jetzt so wichtigen Weizenernte nicht eingefahren werden konnte.

Lebensmittel sind knapp, fast alle Restaurants geschlossen. Die Rolläden runtergelassen haben auch die Cafes, die Teestuben, die Konditoreien und die Eisdielen. Es gibt keinen Zucker und daher auch keine gesüßten Fruchtsäfte und Softdrinks mehr.

Dem Staat fehlt das Geld für die Instandhaltung der Infrastruktur. Ein mehrere Quadratmeter großes Loch im Bürgersteig des Schari Saadun, der Hauptgeschäftsstraße Bagdads, wird nicht mehr repariert. Zwar reichte das Geld in der ersten Woche nach der Kuweit-Invasion noch aus, um die karmesinroten zweistöckigen Stadtautobusse auf blau umzumalen. Doch für die Haltestellen waren schon keine Dinare mehr da, sie blieben rot.

Dagegen kann das Ministerium für Religiöse Angelegenheiten den Bau neuer Moscheen noch finanzieren, und auch für Korandrucke ist Geld da.

Seit sich Saddam Hussein als Mitglied der Bani Haschim, der Sippe des Propheten, erkannt hat und dieser ihm im Traum Anweisungen über die zweckmäßige Aufstellung seiner Raketen gab, übertüncht der wieder zu Ehren gekommene Islam die areligiöse Baath-Doktrin.

Das Fernsehen unterbricht die Nachrichten für den Gebetsruf - die Kaaba im feindlichen Saudi-Arabien wird eingeblendet, fromme Begleitmusik ertönt.

»Ich bin wirklich gespannt, ob Saddam auch noch die höchste Hürde schafft«, sagt ein schiitischer Prediger in der Kasimija-Moschee. Die höchste Hürde wies ihm Radio Teheran in einer Sendung auf arabisch. Saddam Hussein müsse, um seine »islamische Inbrunst« zu beweisen, nun auch den letzten Wunsch seines Erzfeindes Chomeini beherzigen: die Überführung der sterblichen Überreste des Ajatollah ins irakische Schiitenheiligtum Nadschaf. o

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