Alle lieben Ally - DER SPIEGEL
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TV-KULT Alle lieben Ally

Ein Abend der besonderen Art: Politiker promoten eine Fernsehserie aus den USA - im Berliner Reichstag.
Von Henryk M. Broder
• aus DER SPIEGEL 8/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hubert Hüppe war hocherfreut. Der CDU-Abgeordnete im Deutschen Bundestag und drogenpolitische Sprecher seiner Fraktion gestand, er habe nicht damit gerechnet, dass »so viele Leute« sich dafür interessieren würden, »neben dem Weltfrieden und anderen Problemen auch bei Ally McBeal dabei zu sein«.

Der Kölner TV-Sender Vox hatte »zu einer außerordentlichen Sitzung im Reichstag« eingeladen, im Restaurant »Käfer« auf dem Dach des Reichstags wurde, harmlos-arglos, ein »Dialog mit der Politik« versprochen. Als Verpflegung gab es Sekt und Tunfisch-Tartar. Über 40 MdBs aus allen Fraktionen hatten ihr Erscheinen zugesagt, No-Names wie Dirk Niebel, Prominente wie Rita Süssmuth.

Hubert Hüppe war der Schirmherr der fröhlichen Runde, denn »als besonders großer Fan von Ally McBeal« sieht er fast jede Folge der amerikanischen TV-Serie über die neurotische, magersüchtige, busen- und meist männerlose Bostoner Anwältin, die in einer schicken Kanzlei arbeitet, in der es keine separaten Toiletten für Frauen und Männer gibt.

Trotz aller Begeisterung für Ally McBeal und Hauptdarstellerin Calista Flockhart ("Ich würde mich für eine andere Sendung nicht hergeben"), versicherte Hüppe, werde es »keinen interfraktionellen Antrag zur Einrichtung einer Unisex-Toilette im Reichstag geben«, denn »wir hatten schon mal mit den Toiletten ein Problem, und mehr können wir uns nicht leisten ...«

»Ally McBeal« ist die einzige Sendung, die dem quotenschwachen Sender Vox so etwas wie Identität verleiht. Ally-Fans versammeln sich nicht nur jeden Dienstagabend vor dem Fernseher, sondern kaufen auch die CDs mit der Serien-Musik - oder gehen eben zu Ally-Partys. Durch fünf deutsche Großstädte hatte Vox den Ally-Zirkus im vergangenen Jahr tingeln lassen; in Berlin gab es letzte Woche gleich zwei Feten zur selben Zeit: eine für die Szene-Kids in einer Disco am Potsdamer Platz und eine für die Parlamentarier im Reichstag.

War es früher so, dass die Kameras dahin kamen, wo die Politiker waren, so ist es heute umgekehrt: Die Politiker gehen dahin, wo die Kameras sind. Das heißt dann »Mediengesellschaft« und »Politainment«. Und führt dazu, dass sich Zirkel bilden, deren Mitglieder es sich nicht leisten können, zu irgendetwas keine Meinung zu haben.

»Ally McBeal ist ja auch für die Justizreform«, sagte Justizministerin Herta Däubler-Gmelin in eine Kamera auf die Frage,

was sie dazu bewogen habe, die Party zu besuchen. Dem nächsten TV-Team verriet sie sogar ein Geheimnis: »Ich habe den Eindruck, dass Ally McBeal sich viel mehr nach mir richtet, als ich mich nach ihr richten würde.« Monika Griefahn, Vorsitzende des

Kultur-Ausschusses, sinnierte, Politik sei »reiner Masochismus«, und Ally McBeal verkörpere eine weit verbreitete Sehnsucht: »Wir träumen davon, uns auszuleben.«

Angela Merkel, schon phänotypisch das genaue Gegenteil der zierlichen und hyperventilierenden Anwältin, bekannte, sie habe noch nie eine Folge gesehen, sprach dennoch von einer »lustigen Figur«, ebenso wie Rita Süssmuth, die etwas sagte, das sich wie »emanzipiert« und »unabhängig« anhörte. Noch weiter ging Claudia Roth, die kommende Vorsitzende der Grünen. Sie wusste, dass die »wunderbar verrückte und wunderbar neurotische« Anwältin eigentlich eine »typische Grüne« sei, denn: »Sie leidet am Leben.« Außer der politischen gebe es auch eine persönliche Parallele: »Sie versucht, sich zu verlieben, findet aber keinen Kerl, das kann ich total nachvollziehen!«

Es gibt keine Gerechtigkeit, weder in einer Serie noch im wahren Leben. Während sich die TV-Teams um die Promi-Frauen drängten, saß die CDU-Abgeordnete Edeltraut Töpfer unerkannt abseits und wartete darauf, vernommen zu werden, denn auch sie hatte was zu sagen. Nein, sie habe Ally McBeal noch nie gesehen, aber: »Es muss was dran sein, wenn so viele sich dafür interessieren.«

Männliche Besucher der Party hatten weniger Hemmungen, ihr Unwissen offen zu legen. »Bei den vielen Einladungen, die man bekommt, kann man nicht immer wissen, worum es geht«, gestand der CSU-Abgeordnete Peter Ramsauer. Sein Kollege Johannes Singhammer war gekommen, »um eine Bildungslücke zu schließen«; dass sich Abgeordnete als Komparsen für eine PR-Aktion zur Verfügung stellten, bereite ihm keine Bauchschmerzen: »Es ist ein parlamentarischer Abend der besonderen Art im üblichen Rahmen.«

Deswegen war der CDU-Abgeordnete Eckart von Klaeden gleich mit drei jungen Mitarbeiterinnen erschienen: »Sie halten mich auf dem Laufenden.« Wie Frau Däubler-Gmelin und Frau Griefahn konnte auch der feine Konservative der Versuchung nicht widerstehen, mit einem Ally-Double aus Pappe aufgenommen zu werden: »Muss schnell ein Foto mit Ally machen, bin gleich wieder zurück.« Jeder war für Ally im Einsatz, und Ally war für alle da. Da musste sogar der Gesellschaftsreporter der »FAZ«, Alexander Graf Schönburg, staunen: »Die merken gar nicht, wie sie verarscht werden. Was die antreibt, ist das desperate Bemühen, in die Öffentlichkeit zu kommen.«

Und Hubert Hüppe, der drogenpolitische Sprecher und Bioethik-Experte, gab den »kürzesten aller Witze« zum Besten: »Ein Politiker geht an einem Reporter vorbei.« HENRYK M. BRODER

* Vox-Chefin Anke Schäferkordt, Herta Däubler-Gmelin, MonikaGriefahn im Reichstag.

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