September 1998 »Allenfalls dämlich, also dumm«
SPIEGEL: Ist die US-Präsidentschaft unter Bill Clinton zu einer nationalen »Peep-Show« verkommen?
BUCHWALD: »News« ist längst Entertainment geworden, in der Hoffnung, daß die Auflagen, die Einschaltquoten steigen. Klatsch, Gerüchte, alles was die Leute für ihre Tischgespräche brauchen, bis hin zu perversen Schlüpfrigkeiten. Das ganze ist äußerst unappetitlich.
SPIEGEL: Was offenbar niemanden hinderte, den Penis des Präsidenten wichtiger zu nehmen als seine Politik.
BUCHWALD: Jeder der 340 987 Informanten in Washington, die alles wissen, kam mit eigenen Penis-Geschichten an. Der Präsident sollte nur aus einem Grund einem »Impeachment« unterzogen werden - wegen der häßlichen Frauen, mit denen er es angeblich getrieben hat.
SPIEGEL: Kosovo, Palästina, Irak, Kaschmir - überall gab es Konfliktherde, die Weltwirtschaft wackelte, Amerikas Kommentatoren aber analysierten, ob oraler Sex gleich Sex ist.
BUCHWALD: Mir ist es gleich, ob und für wen Clinton die Hosen hat fallen lassen. Zumal ich ihn als Präsidenten sehr schätze und auch persönlich mag. Im Sommer habe ich ihn bei einem Dinner getroffen. Natürlich gehen einem da Fragen durch den Kopf. Etwa die: Wie kann der Mann das alles durchhalten? Ich hätte nie geglaubt, daß wir journalistisch auf ein solches Niveau abrutschen würden.
SPIEGEL: Nicht nur journalistisch? Für Sonderstaatsanwalt Kenneth Starr scheint es nichts Wichtigeres als die Sexpraktiken des Präsidenten zu geben.
BUCHWALD: Ein mieser Typ. Für mich ist er eine schöne Zielscheibe. Je härter ich ihn attackiere, desto mehr lieben mich meine Leser. Ich muß ja auch beinahe befürchten, daß meine Kollegen meine Phantasien glauben, etwa wenn ich schreibe, Clinton hätte wegen seines Telefonsex mit Monica keine Zeit gehabt, mit Saddam Hussein zu telefonieren.
SPIEGEL: Sie sind doch damit der Wahrheit nahe. Arafat mußte ja angeblich warten, bis Clinton sein Liebesspiel mit einer Zigarre beendete.
BUCHWALD: Tatsächlich überrascht mich da gar nichts mehr.
SPIEGEL: Läßt sich über diese Clinton-Sex-Faszination auf den Zustand der Gesellschaft schließen?
BUCHWALD: Ja, es ist ein ziemlich trauriger Haufen. Da behaupten sie alle, sie hätten längst genug von dem Zeug, und gleichzeitig verschlingen sie jedes schmutzige Detail.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich den Leichtsinn, mit dem Clinton sein Liebesleben betrieben hat ?
BUCHWALD: Vielleicht war sein Trieb stärker als sein Geschichtsbewußtsein. Allenfalls ist er dämlich gewesen, also dumm, aber nicht kriminell. In gewisser Weise erleben wir eine griechische Tragödie: Clinton hätte einer der großen Präsidenten der US-Geschichte werden können, unterstützt von einer unglaublich loyalen Frau, die so tapfer ist. Und nun dieses Elend. Einfach idiotisch.
SPIEGEL: Manchem Bürger scheint die nationale Sicherheit in Gefahr, weil der Staatschef eine Geliebte hatte.
BUCHWALD: Bedroht ist allenfalls die Sicherheit des Präsidenten, wenn wir die Secret-Service-Agenten zwingen, ihn zu bespitzeln und zugleich zu schützen. Wie sieht die Nacht aus, wenn im Weißen Haus die Kronleuchter ausgehen? Unter dem Bett des Präsidenten liegt ein Secret-Service-Beamter, unter der Matratze von Hillary eine Kollegin. Ich habe der Nation in meiner Kolumne verraten, daß Kenneth Starr die beiden Beschützer verhört hat: »Hat der Präsident im Schlaf den Namen Lewinsky gemurmelt?« - »Nein, nur Sätze wie 'Die Republikaner sind doof.'« »Schläft der Staatschef im Pyjama?« - »Warum muß ich darauf antworten?« - »Weil wir die Wahrheit wissen wollen, und die erfahren wir nicht, wenn wir nicht wissen, wie er schläft.« »Der Präsident Amerikas schläft im Pyjama.«
SPIEGEL: Wie kann sich Clinton aus seinem Dilemma befreien?
BUCHWALD: Meinen Vorschlag hat er nicht befolgt: Statt den Senator und Ex-Astronauten John Glenn hätte er den Sonderstaatsanwalt Kenneth Starr in den Weltraum schießen und dort aussetzen lassen sollen.