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GESUNDHEITSTOURISMUS »Alles top hier«

In Polen boomt das Geschäft mit der Gesundheit der Deutschen. Die Tiefstpreise für Kuren, ärztliche Behandlungen und Medikamente locken enttäuschte Kassenpatienten.
• aus DER SPIEGEL 28/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Blaues Meer, weißer Sand, dahinter ein idyllischer Nadelwald: Am Strand der Insel Wolin an der polnischen Ostseeküste glaubt sich der Besucher unweit von Bordeaux oder dem Lido von Venedig.

Nur wenige Meter weiter findet der Erholung Suchende seine Unterkunft, die Kurklinik »Relaks«, noch original im Stil des realen Sozialismus: ein klotziger Heimbau aus Beton, 3-Bett-Zimmer mit Massivholzmöbeln, wie sie in einfachen Pensionen der sechziger Jahre modern waren, und ein Kurgarten, der mit seinen grauen Mauern an einen Gefängnishof erinnert.

Doch Relaks-Direktor Józef Waldemar Zieba, 55, kann sich vor Anfragen aus Deutschland kaum retten: »Manchen Interessenten müssen wir schon absagen.« Ziebas Angebot ist selbst in Polen ohne Konkurrenz. Zwei Wochen Kuraufenthalt mit Vollpension, ärztlicher Betreuung, bis zu vier Massagen und Bäder am Tag sowie abends Live-Gefiedel und Tanz kosten in Wolin gerade mal 499 Mark.

Wie schon Ungarn, Tschechien, die Slowakei und Slowenien lockt nun auch Polen westliche Erholungsbedürftige und Kranke mit medizinischen Angeboten aller Art - und das zu Tiefstpreisen wie sonst nur in Dritte-Welt-Ländern üblich.

Wie viele Deutsche jedes Jahr in die früheren Ostblockländer zur Behandlung reisen, vermögen weder die Krankenkassen noch das Bundesgesundheitsministerium zu sagen. Fest steht aber: Während hier zu Lande Leistungskürzungen der Kassen diskutiert und die Bürger immer gesundheitsbewusster werden, richtet sich in Polen inzwischen ein ganzer Geschäftszweig auf die neue Kundschaft, vor allem aus Deutschland, ein. »Die haben unschlagbare Preise«, so Rainer Löwenberg, 34, Spezialist für Gesundheitsreisen: »Wir erleben einen richtigen Polen-Run.«

»Alles top hier«, lobt die Hausfrau Edith Lamerz, 59, aus Bottrop im Ruhrgebiet, die wegen Rücken- und Gelenkschmerzen in den Ostsee-Kurort Pogorzelica kam, vor allem auch die Zuvorkommenheit des Personals: »So was sucht man in Deutschland, und hier gibt's das zum Spottpreis.«

Lamerz gelangte nicht ganz zufällig nach Polen. Ihre Schwiegertochter Caroline, 27, stammt ursprünglich aus Oberschlesien. Nun reiste die ganz Sippe, insgesamt acht Personen, für drei Wochen an.

Auch Kurgast Julius Gudella, 71, aus Krefeld hat osteuropäische Wurzeln. Er wurde in Masuren geboren, sein Begleiter Arnold Pelzer, 66, stammt aus Königsberg. Die beiden pensionierten Busfahrer, die schon vor Jahrzehnten in den Westen übergesiedelt sind, gönnen sich hier einen ausgedehnten Kururlaub. »In uns Alte investiert die Krankenkasse ja nichts mehr«, sagt Gudella als Begründung, warum er nicht zu Hause in deutschem Moor badet. Und privat könne er sich derlei Luxus in der teuren Bundesrepublik nicht leisten. Gudella geht es da wie vielen Rentnern: Die Sozialversicherer gewähren aufwendige Maßnahmen zur Gesundheitsförderung immer seltener. »Wer da nicht mit dem Kopf unterm Arm ankommt, hat kaum noch Chancen auf eine Heilkur«, so die Erfahrung des Unternehmers Löwenberg.

Allein bei Löwenbergs Berliner Firma MediKur-Reisen gingen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 2000 Buchungen für Kuraufenthalte in Polen ein - mehr als doppelt so viele wie vergangenes Jahr. Nächstes Jahr sollen es 4000 sein. Auch Großveranstalter wie EuroMed und Fit Reisen haben den neuen Markt inzwischen entdeckt.

Noch bedarf es einer gewissen Abenteuerlust, um die Polen-Angebote zu ordern: Da werden Zimmerkontingente plötzlich 48 Stunden vor Reiseantritt gekündigt, die medizinische Betreuung findet nicht selten ausschließlich in Polnisch statt, und vielerorts dröhnt Baulärm durch die Ruhezonen, weil ehrgeizig an der Zukunft gezimmert wird.

»Wir machen alles möglich, was unsere deutschen Gäste wünschen«, versichert jedoch Janusz Zalewski, 43, früher Küchenchef und seit 1996 Besitzer des Ostsee-Kurhotels Sandra in Pogorzelica. Sein Direktionsbüro ist mit edlen Hölzern und dem Design einer Kapitänskajüte ausgestattet. Inzwischen wurde das ehemalige Betriebserholungsheim eines Schiffsbauwerks saniert. Zalewski ließ moderne Bungalows mit Bad und Satelliten-TV errichten und schwor sein Personal auf die deutsche Sprache ein. Im Sommer soll das neue Hallenbad mit Gegenstromanlage, Wellness-Bereich und Schönheitsfarm eröffnet werden.

Der Ost-Charme hat sich dennoch nicht ganz verflüchtigt: Zum Preis von 775 Mark für 14 Tage Aufenthalt - alles inklusive - verströmt zumindest noch der medizinische Bereich die Atmosphäre einer Heilanstalt der frühen Nachkriegsjahre. Und ein Menü gesunder Ostkost sieht so aus: Rote-Beete-Suppe mit Rindfleisch-Einlage, Gulasch und Schnitzel sowie gedeckter Apfelkuchen.

Andererseits übersteigt der Eigenanteil, den Patienten heute in Deutschland für eine Heilkur aufbringen müssten, nicht selten deutlich den Betrag, den sie in Polen für einen kompletten Kuraufenthalt bezahlen. Dasselbe gilt für Medikamente, die hier zu Lande nicht mehr bezuschusst werden und in polnischen Apotheken bis zur Hälfte billiger sind, oder für Zahnersatz.

Rund 680 Kilometer fährt die westdeutsche Gastronomin Anna Krümmel, 48, ins polnische Slubice regelmäßig zum Zahnarzt. Die Betreiberin eines gutbürgerlichen Gasthauses im rheinischen Meckenheim ist seit Jahren bei der Barmer Ersatzkasse versichert, lässt sich nun aber in Polen auf eigene Kosten mit modernen Implantaten versorgen.

Für vier überkronte Stiftzähne im Unterkiefer hatte ihr deutscher Zahnarzt rund 16 000 Mark veranschlagt. Die Kasse lehnte eine Übernahme der Kosten ab und bot Krümmel statt dessen die Bezahlung einer billigen Prothese. In Polen wird die Patientin nun für die teure Technik nach insgesamt fünf Sitzungen inklusive der Überkronungen 5400 Mark berappen müssen - plus Fahrtkosten.

Die »Dental Klinika«, in der sich die Gastronomin Krümmel behandeln lässt, liegt im Hinterhof einer Wohnsiedlung im Zentrum der Grenzstadt Slubice. Hier suchen die Patienten vergebens nach dem weißen Praxis-Schick des Westens. Draußen blättert verrußter Putz von der Wand, der Warteraum im ersten Stock erinnert an die Behördeneinrichtung verarmter Kleinstädte. Modern und dynamisch wirkt allein der Zahnarzt, Piotr Kliencewicz, 33. »Wir arbeiten schnell, günstig und gut und geben sogar noch zwei Jahre Garantie auf unseren Zahnersatz«, verkündet der Mediziner selbstbewusst.

Bis zu 40 Patienten werden täglich in der Großpraxis mit eigenem Dentallabor verarztet, notfalls auch abends und am Wochenende. Die Ärzte nehmen Festpreise wie in einer Autowerkstatt. Eine Kunststoff-Keramik-Füllung kostet 60 Zloty (umgerechnet 36 Mark), eine Extraktion bis 80 Zloty (knapp 50 Mark) und eine Brücke, mit Porzellan verblendet, 350 Mark - ab zwölf Stück gibt's eine gratis.

Deutsche Patienten aus dem Grenzgebiet vertrauen polnischen Ärzten mitunter mehr als eigenen Medizinern. Die ehemalige Rathausangestellte Brunhild Hahnewald, 59, aus Frankfurt (Oder) flüchtete vor drei Jahren vor der groben Behandlung ihrer Zahnärztin und der hohen Zuzahlung für eine aufwendige Brücke über die Grenze. Seitdem bezahlt die Frührentnerin lieber gleich alles selbst.

Hinter der profitablen Praxis in Slubice steht ein Deutscher: der Zahntechniker Gerd Joachim Frank, 71, stammt ursprünglich aus Berlin-Zehlendorf. Inzwischen beschäftigt er zehn Mitarbeiter. Seine Mediziner rekrutiert er in der angesehenen zahnärztlichen Fakultät im polnischen Posen. Sie sind am Gewinn beteiligt und verdienen in guten Monaten bis zu 6000 Zloty, etwa 3500 Mark. »Kleine Löhne, wenig Papierkram, alles cash und anonym«, erklärt Frank sein Erfolgsrezept.

Ist ein Kunde unzufrieden, wird das Problem schon im Interesse der Eigenwerbung fast immer kulant gelöst. Zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung über Preis und Leistung - die in Polen geführt werden müsste - sei es bislang nicht gekommen.

Die Praxis des Schönheitschirurgen und Spezialisten für Haartransplantationen, Jerzy Kolasinski, 46, ist offenkundig amerikanischen Vorbildern nachempfunden: Die weiße Fertigbau-Villa liegt, abgeschirmt durch eine hohe Mauer, am Stadtrand von Posen.

Kolasinski hat sich in seiner Zunft über Polen hinaus einen Namen gemacht. Die internationale Kundschaft vor allem aus Deutschland und den Niederlanden schätzt, dass sie hier diskret und für einen Bruchteil der im Westen üblichen Preise zu neuen Nasen, designten Brüsten oder wieder vollem Haupthaar kommt.

Berichte über angeblich misslungene Operationen in Osteuropa hält Kolasinski nicht selten für böse Propaganda der westlichen Kollegen, die um ihre Pfründen fürchteten. Mit dem Bau einer modernen 20-Betten-Klinik stellt er sich schon heute auf den Boom der Zukunft ein: »Bald sind wir nicht nur günstiger, sondern auch besser als die Deutschen und die Amerikaner.« SUSANNE KOELBL

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